Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS CHINA
Buchrezensionen von Anita Bolte
"Im Laufschritt durch Peking" von Xu Zechen
Buchinhalt/Buchkritik:
Dunhuang ist 25 Jahre alt und kommt nach einem dreimonatigen, erstmaligen Gefängnisaufenthalt wieder frei. Er hat weder Familie noch Freunde in Peking. Mit nur 50 Yuan in der Tasche versucht er, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das ist nicht einfach – ohne Bleibe, ohne Job.
Von seinen alten Kumpeln aus dem Fälschermilieu ist keiner auffindbar, sitzen vielleicht wie Baoding, sein Ziehvater unter den Dokumentenfälschern, in Haft. Und diesen will Dunhuang unbedingt und vor dessen Verurteilung freikaufen, das ist er ihm schuldig.
Er lernt Xia Xiarong kennen, 28-jährig und von einem ehrlichen Leben, von Haus und Kindern träumend. Er kommt zunächst bei ihr unter, unterstützt sie beim Verkauf von DVD-Raubkopien und macht sich schließlich selbstständig. Er ist geschäftstüchtig und fleißig. Er beliefert seine Kunden mit einwandfreier Fälscherware und im „Laufschritt durch Peking“.
Doch diese Stadt ist wie ein Haifischbecken: Der tägliche Überlebenskampf mit gierigen Vermietern, brutalen Polizisten und dreisten Dieben fordert ständige Wachsamkeit. Und zwischendurch sehnt auch Dunhuang sich nach einem legalen Dasein, einem richtigen Beruf und wirklicher Liebe. Doch so wie in Peking die Zahl der schweren Sandstürme stetig zunimmt und die Stadt dann unter einer dicken Schicht gelben Staubes versinkt, so gerät auch Dunhuang immer öfter und schneller in einen Strudel von Kriminalität und wahrer Opferbereitschaft und wird zu einem tragischen Helden.
Der Autor:
Xu Zechen, geboren 1978 in der Provinz Jiangsu, lebt in Peking und studierte hier Chinesische Literatur. „Im Laufschritt durch Peking“ wurde 2006 von der chinesischen Prosagesellschaft als einer der besten Kurzromane des Jahres und 2007 mit dem Literaturpreis für Newcomer ausgezeichnet. Xu arbeitet als Redakteur bei der "Volksliteratur", einer wichtigen und alten Literaturzeitschrift Chinas. Bisher veröffentlichte er drei Romane, zahlreiche Erzählungen und Essays. Er gilt als einer der aufstrebenden Autoren in der chinesischen Literaturszene.
Buchtitel: „Im Laufschritt durch Peking“
Autor: Xu Zechen
Erscheinung der deutschen Ausgabe: 2009 BvT, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin
Ersterscheinung der Originalausgabe: 2006 „Paobu chuanguo Zhongguancun“
173 Seiten
UVP: 8,90 Eur[D] / 9,20 Eur[A] / ca. 14,95 CHF
ISBN: 978-3-8333-0599-3
Erhältlich u.a. bei Amazon.
"Seidenraupen für Jin Ling" von Huang Beijia
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die elfjährige Ling ist das einzige Kind der Familie Jin. Wie durch die chinesische Ein-Kind-Politik verursacht und üblich, sind sowohl Eltern als auch beide Großelternpaare sehr um das Wohlergehen und dem schulischen Erfolg dieses Kindes bemüht. Am Ende der sechsten Klasse der chinesischen Grundschule steht die Aufnahmeprüfung für die anschließenden Mittelschulen, die wiederum unterschiedliche Rangordnungen haben. Jede Familie ist natürlich bestrebt, ihr Kind für die beste Schule zu qualifizieren. Für das Kind bedeutet es ein Lernen oder Unterlass. Freizeit ist gestrichen, Zerstreuung über Fernsehen oder Hobbys sowieso. Ein Ernährungsplan soll die zusätzliche Unterstützung bringen. Doch alle Bemühungen für Jin Ling scheinen aussichtslos. Das lebensfrohe, kontaktfreudige und leicht übergewichtige Mädchen schreibt inhaltlich die besten Aufsätze, ist in Englisch recht gut, bringt aber in Mathematik nur schlechte Noten. Doch durch sonderbare Zufälle erscheint Hilfe. Jin Ling gelangt in den Besitz von Seidenraupen. Als sie zu spät an den Kauf von Maulbeerblätter denkt, das einzige von den Larven akzeptierte Futter, geht sie (verbotener Weise) auf die Suche nach einem Maulbeerbaum. In einer ihr bis dato unbekannten Straße sieht sie durch ein schmiedeeisernes Tor plötzlich die dicken, herzförmigen Blätter. Jing überwindet den Zaun und ist schon beim Pflücken des lebensnotwendigen Futters, als eine alte, aber resolute Frau erscheint: Sun ShuYun, eine ehemalige und in ganz China für eine besondere Lehrmethode bekannte Mathematiklehrerin. Es folgt ein ernstes Gespräch und eine geheime Vereinbarung: Zehn Maulbeerblätter gegen eine halbe Stunde Mathematik.
Die Autorin:
Die Geburtsstadt der 1955 geborenen Autorin Huang Beijia ist Rugao, in der Provinz Jiangsu, im Süden der Volksrepublik Chinas gelegen. Ihrer Schulzeit schlossen sich ein Arbeitsaufenthalt auf dem Land und ein Studium in Peking an. Nach dem 1982 abgelegten Examen konnte sie ihre bereits 1973 beginnende Schriftstellerei ausweiten. Sie schrieb zahlreiche Werke für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Einige ihrer Arbeiten wurden verfilmt oder dienten als Vorlage für Theaterstücke. Heute lebt die in China bekannte Autorin in Nanjing, der Provinzhauptstadt von Jiangsu. Zu dem vorliegendem Roman wurde Huang Beijia durch die eigenen Erfahrungen beim gemeinsamen „Kampf“ mit ihrer Tochter bei der Aufnahmeprüfung zur Mittelschule inspiriert.
Buchtitel: „Seidenraupen für Jin Ling“
Autorin: Huang Beijia
Erscheinung der deutschen Ausgabe: Februar 2008 beim NordSüd Verlag, Zürich
Ersterscheinung der Originalausgabe: 1996
188 Seiten
UVP: 19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF
ISBN: 978-3-7844-3213-7
Erhältlich u.a. bei Amazon.
Die Frau mit dem roten Herzen von Qiu Xiaolong
Im Park am Bund, einer der schönsten Erholungsanlagen Shanghais, direkt im Zentrum gelegen, wird eine männliche Leiche gefunden. Das ist der Ausgangspunkt von Qiu Xiaolongs Kriminalroman „Die Frau mit dem roten Herzen.“ Trotz Leichenfunds soll Oberinspektor Chen auf Anweisung von höchster Stelle seine Zeit als Beschützer und Unterhalter einer amerikanischen Kollegin einsetzen. Doch diese ist nicht nur jung und attraktiv, sondern auch flexibel und einsatzfreudig. Zusammen nehmen sie die Spur einer verschwundenen schwangeren Frau auf. Dabei kreuzt auf rätselhafte und gefährliche Weise die Triadenbande „Achtzehn Äxte“ immer wieder ihren Weg. Wem darf noch getraut werden? Gut, dass Wachtmeister Yu und dessen Vater „der Alte Jäger“ loyal sind. Zusammen meistert das Quartett die Gefahren und am Ende steht eine überraschende Aufklärung.
Dieser Band ist der zweite von bereits sechs erschienenen Kriminalfällen mit dem smarten und liebenswürdigen Oberinspektor Chen. Als Chefermittler bei der Shanghaier Polizei kämpft er gegen Unrecht, Ungerechtigkeiten und die allgegenwärtige Korruption. Des Inspektors Vorliebe für die Poesie ist neben der Ablehnung von Unrecht ein weiteres autobiographisches Element: Autor Qiu Xiaolong, der aufgrund des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in die USA auswanderte, arbeitete zuvor als Übersetzer von US-amerikanischen Kriminalromanen wie auch von Gedichten von T. S. Eliot. Und auch des Autors Leidenschaft für die chinesische Esskultur spiegelt der Held Chen wider. Qiu Xiaolong versteht es meisterlich, chinesische Realität und schriftstellerische Fantasie zu verbinden. Der Leser, insbesondere der weibliche, muss sich in den dichtenden, unbestechlichen und einsamen Oberinspektor Chen verlieben. Er wird neugierig auf die geographisch vorgestellten Orte („Suzhou ist bekannt für seine Gartenarchitektur...“) und letztlich bekommen wir Verständnis für chinesische Kultur und Lebensart, für „Yin“ und „Yang“ und das immer wiederkehrende “Guanxi“, das Netzwerk aus Beziehungen – „... die Schmiere, die die Räder am Laufen hält.“
„Die Frau mit dem roten Herzen“ von Qiu Xiaolong ist im DTV erschienen (ISBN 978-3-423-20851-2; UVP: EUR (D) 9,95; EUR (A) 10,30; CHF 17,50).
Die Konkubine von Shanghai von Hong Ying
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Erst 2009 ins Deutsche übersetzt wurde der erstmalig 2003 veröffentlichte Roman „Die Konkubine von Shanghai“ der chinesischen Erfolgsautorin Hong Ying. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Shanghai, der modernen und aufstrebenden Metropole Chinas. Die 15-jährige Waise Cassia lebt bei schwerer Feldarbeit auf dem Dorf, bis sie von ihrer Tante an die Bordellbesitzerin Madame Emerald verkauft wird. Obwohl ihr Aussehen und auch ihr Verhalten nicht dem traditionellem Schönheitsideal entsprechen, und Cassia deshalb nur als Magd und nicht als Kurtisane arbeitet, wird sie die Geliebte des mächtigen Triadenführers Meister Chang. Sie wird von ihm schwanger, doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer. Der Pate gerät in einen tödlichen Hinterhalt. Cassia wird schon gleich nach der Geburt ihrer Tochter von dem Kind getrennt. Sie muss als billige Prostituierte arbeiten, um zu überleben. Doch Cassia ist stark und findet ihren Weg: Sie gründet eine Theatergruppe, wird eine berühmte Sängerin und zur mächtigsten Frau Shanghais.
Das Buch erscheint teils wie eine Biographie, dann wieder wie ein Roman. Auch nach Beendigung der Lektüre bleiben hierüber Zweifel, obwohl Hong Ying sich am Ende selbst als Chronistin zu erkennen gibt. Fiktive Personen vermischen sich mit realen Charakteren, erfundene Handlungen mit wahren Begebenheiten. Der Story selbst schadet es indes nicht und der Wandel der Zeit gerade in Bezug auf die Stellung der asiatischen Frau ist nachvollziehbar dargestellt.
„Die Konkubine von Shanghai“ von Hong Ying ist im Aufbau Verlag Berlin erschienen (ISBN 978-3351032692).
Das Flüstern der Schatten von Jan-Philipp Sendker
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Paul Leibovitz, ein in Hongkong lebender Deutsch-Amerikaner, ist die Hauptfigur in „Das Flüstern der Schatten“ von Jan-Philipp Sendker.
Seit sein Sohn Justin im Alter von acht Jahren an Leukämie verstarb, meidet Paul alle gesellschaftlichen Kontakte. Seine Frau hat ihn verlassen, und Verwandte hat er auch keine mehr. Er lebt zurückgezogen auf einer Insel vor der Metropole. Sein Tages-, Wochen- und Jahresablauf ist stets der gleiche. So will er sicher gehen, dass keine neuen Eindrücke, Begegnungen und Erlebnisse seine Erinnerungen mit Justin gefährden. Sogar dem Freundschaftsangebot der Chinesin Christine Wu weicht er aus. Erst ein Wanderausflug auf den Peak, ein Ritual aus der Zeit mit Justin, zwingt ihn aus seiner Isolation: Eine ältere Amerikanerin spricht ihn an. Sie und ihr Mann sind auf der Suche nach ihrem seit Kurzem in China verschwundenen Sohn. Und schon bald ist Paul gegen seinen Willen in dem Fall verstrickt.
Kommissar Zhang, seit 20 Jahren sein chinesischer und einziger Freund, wird eingeschaltet. Beiden wird schnell klar, dass sie in einem Mordfall ermitteln. Und der oder die gesuchten Täter sind mächtig, mit Verbindungen nach oben. „Die Wahrheit ist formbar, von denen, die Befehle erteilen.“ Ein falscher Mörder wird präsentiert, ein Geständnis erpresst, der Gerichtstermin vorgezogen. „Retten – aber um welchen Preis?“ Die Fäden reichen zurück bis in die Kulturrevolution – in Geschehen, deren Erinnerung lieber vergessen als bewahrt werden wollte: Erinnerungen ... „das Flüstern der Schatten“.
Jan-Philipp Sendker hat mit diesem Buch einen ebenso einfühlsamen Roman über Liebe, Freundschaft und Trauer wie auch einen äußerst spannenden Krimi geschrieben. Geschickt vermischt er politische und wirtschaftliche Fakten mit einer fiktiven Story. Der 1960 in Hamburg geborene Journalist war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent für den „Stern“. Auch heute noch schreibt er als freier Autor für Deutschlands großes Wochenmagazin.
„Das Flüstern der Schatten“ von Jan-Philipp Sendker ist im Wilhelm-Heyne Verlag erschienen (ISBN 978-3-453-40631-5).
Ina aus China von Susanne Hornfeck
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Die eigene Jugendzeit prägt den Menschen, und eine behütete, liebevolle Kindheit ist die Keimzelle für ein erfülltes Leben. Das ist so in Asien, Europa und überall sonst auf der Welt. Doch was, wenn Regierungen sich Kriege erklären und die Völker Opfer bringen müssen?
Susanne Hornfeck schildert dieses Schicksal am Beispiel eines jungen Mädchens in ihrem Buch „Ina aus China oder Was hat schon Platz in einem Koffer“.
1937 beginnt der chinesisch-japanische Krieg und ist schuld, dass die siebenjährige Yinna aus Schanghai von ihrem Vater, Angestellter einer großen internationalen Bank, auf die unglaublich große Reise über das weite Meer bis ins deutsche Brandenburg geschickt wird. Die chinesische Familie Chen und die deutsche Familie von Steinitz verbindet eine Freundschaft aus dem Boxeraufstand von 1900, die ein deutscher Offizier und sein chinesischer Verhandlungspartner damals schlossen. Kann ein kleines Mädchen, das schon bei seiner Geburt die Mutter verlor, auch noch die Trennung von der ganzen Familie, den Freunden, der vertrauten Umgebung verkraften? Am allerschlimmsten empfindet Yinna, die jetzt Ina heißt, den Verlust der eigenen Sprache. Was hat schon Platz in einem Koffer? Nicht das, was wirklich zählt: die Menschen, die Sprache, das Gefühl, ein Zuhause zu haben.
Aber die Wurzeln der Kindheit verleihen Ina Kraft und Selbstvertrauen. Sie findet ein neues Zuhause, neue Freunde, wird in der deutschen Sprache heimisch – auch wenn die Sehnsucht nach dem Verlorenen bleibt. Doch dann greift der Krieg ein zweites Mal in ihr Leben ein: 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, und Japan, der „Feind“ in China 1937, zählt nun zu den Freunden in Deutschland.
Der erste Roman von Susanne Hornfeck, heute in München lebende Germanistin und Übersetzerin, überzeugt durch seine fesselnde Aufarbeitung der weltpolitischen Geschichte und ergreift mit seiner rührenden Darstellung autobiographischer Schicksale. Er ist eine Mahnung an all jene, die an den Schaltknöpfen der Macht sitzen: Nie will ein Volk den Krieg, immer nur seine Regierung. Überall ist stets der Mensch selbst das Opfer oder wird zum Täter gezwungen. Susanne Hornfecks Roman ist ein wundervoller Aufruf zu Freundschaft und Völkerverständigung hinweg über alle Grenzen und ist eine Empfehlung gerade auch für junge Leser – denn vor allem macht der Roman Mut: Selbst wenn das Unglaubliche vorherbestimmt ist (im Chinesischen: „yuan“) – so „wohnt jedem Anfang ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ (Zitat aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse; von Inas deutscher Lieblingslehrerin ins Poesiealbum geschrieben).
„Ina aus China oder Was hat schon Platz in einem Koffer“ von Susanne Hornfeck ist im Deutschen Taschenbuchverlag (DTV) erschienen (ISBN: 978-3-423-62330-8; EUR (D) 8,95; EUR (A) 9,20; CHF 15,90).
Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät von Nury Vittachi
Fengshui (oder auch Feng-Shui) ist die uralte chinesische Lehre von Harmonie. Fengshui aktiviert und bündelt die natürlichen Energieströme. Diese sind unverzichtbar zwischen Himmel und Erde, Mensch und Umwelt, Leben und Tod. Ein gutes Fengshui eines Hauses bewirkt Gesundheit und Wohlergehen seiner Bewohner. In einem nach Fengshui-Regeln eingerichtetem Büro florieren die Geschäfte, und ein schlechtes Fengshui ist schuld am Misserfolg eines Unternehmens, am Untergang einer Firma.
Mit seiner Buch-Serie vom „Fengshui-Detektiv“ schuf Nury Vittachi ein aus aller Norm fallendes Ermittlerpaar. Von Singapur aus sind sie vorrangig in Sachen Fengshui aktiv, doch überwiegend in den anhängenden kleineren wie auch größeren kriminologischen Disharmonien erfolgreich. C.F. Wong, der alte, hagere, etwas kauzige Fengshui-Meister aus dem chinesischem Hochland und seine sehr junge Assistentin Joyce McQuinnie, eine moderne und schrille Australierin, ergänzen sich ideal mit ihren oft sehr unterschiedlichen Sichtweisen.
Der „F.-D. im Auftrag Ihrer Majestät“ ist bereits der 5. Band in dieser beliebten Serie und auf Deutsch Ende Juli 2009 erschienen. Dieses Mal winkt ein äußerst lukrativer Auftrag, dessen Verbindungen bis in den englischen Königspalast gehen. Doch davor gibt es einen Mord, 100-prozentige Verdachtshinweise auf einen Unschuldigen und jede Menge schlechtes Fengshui. Und dann soll C.F. Wong auch noch in dieses schreckliche England fliegen, wenn auch mit dem modernsten und größten Jet der Welt. Der Flug wird zur Katastrophe: Joyce verliebt sich in einen echten Royal und der Meister hätte fast verschlafen, anstatt der Retter aller zu werden. Gut, dass auch noch Sinha an Bord ist, sein indischer Freund und als Spezialist für „Vastushastra“ (indisches Pendant zum Fengshui) auch Berufskollege.
Der Autor Nury Vittachi wurde 1958 in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, geboren. Auf Grund von Todesdrohungen gegen seinen regimekritisierenden Vater musste die Familie fliehen und strandete völlig mittellos in Singapur. Seine Schulbildung und auch journalistische Ausbildung erhielt Nury Vittachi in England. Seit 1986 lebt er mit seiner Frau in Hongkong, mittlerweile mit drei adoptierten chinesischen Kindern. Anfangs als Kolumnist und Satiriker für die South China Morning Post schreibend, avancierte er inzwischen bei der BBC zu „Hongkongs witzigstem Kommentator“. Gleichzeitig müht sich Vittachi, das Brachland „Asiatische Literatur“ zu beackern: Zusammen mit der Asiatin Xu Xi gründete er eine Autorengruppe in Hongkong, kurz darauf einen Verlag. Seit 1999 ist er Herausgeber einer Literaturzeitschrift. Im Jahre 2000 war er Mitinitiator des ersten Internationalen Literatur-Festivals in Hongkong und 2007 kreierte er den „Man Asian Literary Prize“. 2008 war er Vorsitzender der Jury, die erstmals den „Australia-Asia Literary Award“ vergab.
„Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät“ von Nury Vittachi ist im Unionsverlag Zürich erschienen (ISBN 978-3-293-00407-8).
Das Jadeauge von Diane Wei Liang
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Der erste Kriminalroman von Diane Wei Liang, „Das Jadeauge“, ist nicht nur spannend, sondern gleichzeitig ein großer zeitkritischer Spiegel der chinesischen Gesellschaft.
Mei, eine junge und selbstbewusst wirkende Chinesin, leitet in Peking ihr eigenes Detektivbüro. Sie geht frei ihren eigenen Weg, aber ist in ihren Gefühlen doch nicht so unabhängig, wie sie sich gibt: Sie verzehrt sich nach Anerkennung von ihrer Mutter und vermisst noch immer schmerzhaft ihren Vater, den sie das letzte Mal vor 23 Jahren in einem von Maos Arbeitslagern sah.
Onkel Chen, ein Freund ihrer Mutter, bittet Mei, ein 1.800 Jahre altes Jadesiegel aus der Han-Dynastie aufzuspüren, das während der Kulturrevolution verschwand. Erster Anhaltspunkt ist eine aus dieser Zeit stammende Schale, die auf einem Antiquitätenmarkt aufgetaucht ist. Dank eines guten Spürsinns, wacher Kombinationsgabe und sehr viel „guanxi“ verfolgt Mei die Spur.
Wie ein roter Faden durchzieht „guanxi“ die Geschichte – dieses „Netzwerk von Beziehungen und Kompromissen“, ohne das auch das neue China undenkbar ist. Man sieht sie beim Lesen förmlich vor sich – die Menschenmassen Beijings. Der Leser spürt die drückende Hitze des ersten Sommertages zwischen Pekings Häusermeer und möchte fast körperlich dem Verkehrschaos seiner Straßen entfliehen.
Von der ersten Seite an weiß Wei Liang, die in Peking geborene Autorin, ihren Leser zu fesseln. Sie begeistert durch eine klare, pragmatische, aber auch ebenso bildreiche Ausdrucksweise. Vor allem weiß sie, wovon sie spricht: Sie selbst verbrachte ihre Kindheit in einem chinesischen Arbeitslager, nahm 1989 als Studentin an den Protesten auf dem Tian’anmen-Platz teil und verließ China im selben Jahr in Richtung USA. Sie lässt sie uns spüren – die Folgen und Wunden der Kulturrevolution, deren Narben auch noch im Kapitalismus sozialistischer Prägung präsent sind. Und man sieht die Kluft zwischen der neuen Elite, den aufsteigenden Geschäftemachern und den unzähligen Wanderarbeitern, die in der Metropole ihr Glück versuchen und durch mühsame Arbeit ihre Familien daheim auf dem Land unterstützen wollen.
Doch zurück zum spannenden wie auch anrührenden Inhalt: Ein wertvoller Zeuge wird ermordet. Plötzlich ist die Frage nicht „was“, sondern „wer“ ist das Jadeauge. Am Ende steht eine ebenso überraschende wie auch schmerzhafte Aufklärung. Und der Leser, noch ganz im Bann dieser Gesellschaftsgeschichte, fragt sich ungläubig: War das jetzt ein „Krimi“ oder doch eher eine Huldigung an den ewigen Traum nach Liebe?
„Das Jadeauge“ von Diane Wei Liang ist jetzt im List Verlag erschienen (ISBN: 978-3-471-79172-1; Preis: 18 Euro, CHF 32,90).
Gefahr und Begierde von Eileen Chang
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Eileen Changs „Gefahr und Begierde“ erzählt fünf sinnliche, sehnsuchts- wie auch lustvolle, mitunter trostlose Berichte zwischenmenschlicher Episoden.
Die Erzählungen spielen zwischen 1944 und 1950 im von den Japanern besetzten Shanghai oder Hongkong. Aber Orte und Zeit sind nicht ausschlaggebend. Vielmehr richtet sich der schonungslose Blick auf die Abgründe der menschlichen Beziehungen – auf Liebe und Erotik, auf Hass und Zorn.
Da genügt eine einfache Straßensperre, und der brave und stille Lü Zongzhen, Buchhalter in der Huamoa-Bank und Fahrgast in dieser mit Zwangspause belegten Straßenbahn, stellt plötzlich seine bisherigen Wertvorstellungen über Ehe und Familie in Frage. Er sieht die ihm gegenüber sitzende junge Frau Wu Cuiyuan zum ersten Mal und macht ihr nach wenigen Minuten das Angebot, seine Zweitfrau zu werden.
In „Liebe in einer gefallenen Stadt“ begleiten wir für kurze Zeit Liusu. Als geschiedene Frau rangiert sie im Hause der Großfamilie Bai als nutzloser Esser weit, weit unten. Dann präsentiert Frau Xu den Heiratskandidaten Liuyuan – eigentlich für Liusus Nichte. Doch der weltgewandte Frauenschwarm hält nichts von traditionellen Werten, aber viel von neuzeitlichen Lebensfreuden. Liusu folgt ihm auf seinem Wunsch nach Hongkong, verliebt sich in Liuyuan und weiß, dass sie ihn nur behalten kann, wenn sie ihm ihre Liebe nicht zeigt. Doch erst die Bombardierung Hongkongs und der Fall der Stadt bringt die ersehnte Heirat.
In „Gefahr und Begierde“ soll Wang Jiazhi, Mitglied einer patriotischen, studentischen Theatergruppe, sich die Freundschaft der Ehefrau des einflussreichen Regierungsbeamten, Herrn Yi, der mit den Japanern kooperiert, erschleichen, um so an den Kollaborateur selbst heranzukommen. Als Studentin würde er der jungen Frau misstrauen – so soll sie als Gattin eines Geschäftsmannes den Lockvogel spielen und Herrn Yi in eine Falle locken. Für die Glaubhaftigkeit opfert sie in der Gruppe sogar die Jungfräulichkeit. Alles läuft nach Plan, keiner im Hause Yi schöpft Verdacht und so wird sie seine Konkubine. Der Hinterhalt ist geplant, in dieser Nacht soll Lao Yi sterben. Doch vorher fahren Jiazhi und Herr Yi zu einem kleinen Juwelierladen und er schenkt ihr einen Diamantring, rosafarben mit sechs Karat. Sie sitzen nebeneinander, sprechen leise miteinander, lächeln sich zu. Und schlagartig erkennt Jiazhi: Sie liebt diesen Mann, und er liebt sie. Doch es ist zu spät!
Diese Kurzgeschichte wurde 2007 von dem taiwanesischen Regisseur Ang Lee verfilmt und in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die Hauptrollen spielen Tang Wei als Jiazhi und Tony Leung als Yi.
Eileen Chang, eigentlich Zhang Ailing, wurde 1920 in Shanghai geboren und veröffentlichte diese Erzählungen bereits 1968. Aufgrund ihres unnachahmlichen klaren Sprachstils, der fein skizzierten Charaktere voller Melancholie und Schonungslosigkeit, gehört die 1995 verstorbene Autorin auch oder gerade heute zur Vertreterin der modernen chinesischen Literatur.
„Gefahr und Begierde – Erzählungen“ von Eileen Chang ist im List Verlag erschienen (ISBN: 978-3-546-00429-0; EUR 18,00, CHF 32,90).
Ein freies Leben von Ha Jin
Viel eigenes Erleben und Empfinden hat Ha Jin, der 1956 in Nordchina geborene und seit 1985 in den USA lebende Schriftsteller, in seinem neuesten Roman „Ein freies Leben“ verarbeitet. Er versteht es meisterlich, ein Emigrantenleben minutiös mit allen Hindernissen, Rückschlägen und Erfolgen darzustellen.
Zum Inhalt: Nur zum Studium kam Nan Wu 1985 in die USA. Doch kurz nach der blutigen Niederschlagung des Studentenprotestes 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking beschließen seine Frau Pingping und er, in Amerika zu bleiben. Es gelingt ihnen, ihren bis dahin bei den Großeltern lebenden sechsjährigen Sohn Taotao nachkommen zu lassen. Nan gibt sein Politologiestudium auf, um Geld zu verdienen. Er ist sich für keinen Job zu schade. Als Aushilfskellner wird er zusehends mehr in der Küche eines Restaurants eingesetzt, und so bildet er sich zum Koch weiter. Die Familie zieht von Boston nach Atlanta, und das Ehepaar erwirbt dort ein eigenes kleines Restaurant. Sie arbeiten hart, denn im Gegensatz zu anderen Exilanten sind Nan Wu und Pingping fest entschlossen, sich dem Leben im neuen Land anzupassen. Sie beziehen Stellung zu politischen Werten trotz aller nostalgischer Gefühle für die alte Heimat. Nan strebt die Einbürgerung an, auch wenn ihn eine Frage quält: Für welche Seite im Falle eines Krieges zwischen den USA und China wäre er fähig zu kämpfen?
Es muss die einst selbst gespürte Sehnsucht nach Freiheit gewesen sein, die bei dieser Veröffentlichung von Ha Jin, dem heutigen Professor für englische Literatur an der Boston University, die Regie führte. Und wie der Erfolgsautor selbst hat auch seine Romanfigur Nan Wu eine große Leidenschaft: die Poesie.
„Ein freies Leben“ von Ha Jin ist im Ullstein Verlag erschienen ISBN 978-3-550-08723-3; unverbindliche Preisempfehlung: EUR (D) 24,90; EUR (A) 25,60; CHF 44,90).
Die gebundenen Füße von Kathryn Harrison
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China von 1878 bis 1926: Es ist die Zeit, in der die europäischen Einflüsse immer sichtbarer sind, aber die alten chinesischen Traditionen weiter tränenreich erzwungen werden. Zu dieser Zeit hat die 1961 geborene Amerikanerin Kathryn Harrison ihre Familiensaga „Die gebundenen Füße“ entstehen lassen.
Der kleinen May werden nach „alter Tradition“ die Zehen gebrochen und unter den Fuß gebunden, damit sie später mit ihren „kleinen Lotusfüßen“ einen reichen Mann heiraten kann. Das Leiden dieses kleinen Mädchens wird nie wieder enden – wie bei Generationen von Frauen zuvor. Da Tradition stets in einem Spannungsverhältnis zum Fortschritt steht, erlebt der Leser mit, wie May nicht nur mit den herkömmlichen Regeln bricht, sondern auch mit der Familie, ihrer Zwangsehe entflieht, sich mit Prostitution ein neues Leben erkauft – und letztlich von dem verträumten Australier Arthur bedingungslos geliebt und geheiratet wird. Aber Glück ist nicht beständig: Die traumatisch verfolgende, längst begrabene Tradition verlangt weiterhin ihren Preis.
Auf 400 Seiten erhält der Leser eine umfangreiche Aufarbeitung nicht nur chinesischer, sondern auch europäischer Kultur und Geschichte, bis hin zum Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Fleißarbeit – sowohl von der Autorin erbracht, als wohl auch vom Leser erwartet.
„Die gebundenen Füße“ von Kathryn Harrison ist im Ullstein Taschenbuchverlag erschienen (ISBN : 978-3-548-26901-6; EUR (D) 8,95; EUR (A) 9,20; CHF 16,90).
Innere Ruhe von Klaus G. Förg
Für asiatische Sprichwörter rund um Gelassen- und Ausgeglichenheit hat der Fotograf Klaus G. Förg die passenden Momente mit der Kamera eingefangen. „Die größte Offenbarung ist die Stille“, zitiert Förg den chinesischen Philosophen Laotse, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte und den Daoismus begründete, in seinem Werk „Innere Ruhe“. Passend bebildert wird das Zitat mit einer meditierenden thailändischen Nonne. Ein anderes Foto zeigt beispielsweise einen älteren Herrn, wie er auf der Stufe vor einer Haustür mit angewinkelten Beinen, ganz entspannt Zeitung liest. „Erfreue dich deines Lebens, es ist schon später, als du denkst“ lautet das dazu ausgewählte chinesische Sprichwort.
„Innere Ruhe“ von Klaus G. Förg ist im Rosenheimer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-475-53836-0).
Heitere Gelassenheit von Klaus G. Förg
Mit dem Geschenkband „Heitere Gelassenheit“ erfreut der Autor und Fotograf Klaus G. Förg seine Fan-Gemeinde erneut mit inspirierenden asiatischen Weisheiten und dazu passenden ausdrucksstarken Fotografien. Momentaufnahmen von Stille und Besinnlichkeit sollen den Betrachter teilnehmen lassen an Harmonie und Frieden. Wir entdecken im Alltäglichen das Einzigartige, in Kleinigkeiten das Große. Die kunstvolle Verschnürung auf dem Buchrücken lässt unsere „Traumreise“ mit Konfuzius, Laotse oder Zhuangzi mit Augen und Fingern gleichzeitig ertasten.
„Heitere Gelassenheit“ von Klaus G. Förg ist im Rosenheimer Verlag erschienen (ISBN 978-3-475-53799-8; UVP: EUR (D) 14,95; EUR (A) 15,40; CHF 24,95). |