Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS CHINA
Buchrezensionen von Anita Bolte
Leopard von Jo Nesbø
Kriminalroman - Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries
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Buchinhalt/Buchkritik:
Der Leser von Siam heute kennt Harry Hole, den Sonderling von der Kripo Oslo, bereits aus der Buchvorstellung „Kakerlaken“ von der thailändischen Literaturseite. Inzwischen folgten einige Romane und weitere persönliche Schicksalsschläge. Hole hat sich in Hongkong verkrochen, alle Brücken zu seinem früheren Leben abgebrochen. Doch er wird noch gebraucht: Erneut erschüttert eine Mordserie die norwegische Hauptstadt. Ist ein Wahnsinniger, ein Serienkiller am Werk?
Harry hätte für diesen das außergewöhnliche Gespür. Er kann Täterprofile erkennen, findet unsichtbare Spuren, folgt ihrer Fährte wie ein Bluthund...
Die junge Kommissarin Kaja spürt ihren bis dato unbekannten Kollegen in einem Obdachlosenheim in Hongkong auf. Er verweigert die Zusammenarbeit, will kein Zurück. Doch Kaja hat das überzeugendste Argument auf ihrer Seite: Holes Vater ist schwer erkrankt und hat nicht mehr viel Zeit. Schon bald hat Norwegen, die Kripo Oslo und das alte verhasste Leben ihn wieder. Und ohne dass er es will, erwacht in Harry der Kampfgeist.
Die Spur führt zu einem Bootshaus an einem See und zu einer Gebirgshütte. Alle bisherigen vier Opfer sind dort zur gleichen Zeit eingekehrt. Und die entsprechende Seite des Gästebuches wurde entfernt. Wer stand noch auf dieser Seite und ist somit in Gefahr – oder ist selbst der Täter? Dieser mordet mit einem unheimlichen, leisem und höchst brutalem Mordwerkzeug, dessen Herkunft Hole bis nach Ruanda führt. Doch immer wieder führen ihn seine Wege auch ans Krankenbett seines Vaters und somit zurück in die Vergangenheit bis in die Kindheit. Endlich ist er bereit seinem Vater zuzuhören, ihn zu verstehen. Wie viel Zeit bleibt ihnen? Und wie dicht ist er dem Mörder – oder die Bestie ihm?
Wieder einmal überzeugt Jo Nesbø mit einer stimmigen Story, tiefen Einblick in die menschliche Psyche und in die weltweiten Verstrickungen in der Ober- wie auch Unterwelt. Am Ende zieht es unseren einsamen Protagonisten wieder zurück nach Hongkong, dem Ausgangspunkt dieses Romans. Auch wenn das Hauptgeschehen in Norwegen spielt, so rechtfertigt die kenntnisreiche Milieubeschreibung der chinesischen Metropole allemal eine Platzierung bei unseren Büchertipps für Asiatische Literatur.
Der Autor:
Der 1960 in Oslo geborene Jo Nesbø ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er arbeitete viele Jahre erfolgreich als Broker und war gleichzeitig Sänger der damals populären Band Di derre. Mit 36 Jahren beginnt er zu schreiben. Bereits sein Romandebüt Der Fledermausmann wurde als „Bester Kriminalroman des Jahres“ ausgezeichnet und mit Rotkehlchen gelang ihm international der Durchbruch. Inzwischen ist er Norwegens erfolgreichster Autor. Jo Nesbø lebt in Oslo.
Buchtitel: „Leopard“, Autor: Jo Nesbø
Titel der norwegischen Originalausgabe „Panserhjerte“
erschienen 2009 bei H. Aschehoug & Co., Oslo
für die deutsche Ausgabe 2010 Ullstein Buchverlage, Berlin
seit April 2011 als Ullstein Taschenbuch
Folge 8 der Harry-Hole-Serie
704 Seiten, UVP: € 10,99 (D), € 11,40 (A), CHF 15,50
ISBN: 978-3-548-28321-0
Wie ein Schmetterling aus Papier von Diane Wei Liang
Roman - Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die junge Chinesin Mei betreibt in Beijing (= Peking) ein als Auskunftei getarntes Detektivbüro. Kurz vor dem Chinesischen Neujahrsfest wird Mei von dem einflussreichen Musikmanager Peng beauftragt, den Verbleib der jungen Popsängerin Kaili aufzuklären.
Als Mei die Wohnung der Vermissten nach möglichen Anhaltspunkten durchsucht, findet sie keine konkrete Spur. Dafür aber alte, kurz vor der Studentenrevolte 1989 verfasste Liebesbriefe eines unbekannten Stundenten „L.“ an das Mädchen Kaili.
Parallel beginnt in Wei Liangs Roman auch die Lebens- und Leidensgeschichte des jungen Lin. Seit 1989 verbüßt er eine achtjährige Freiheitsstrafe in einem Arbeitslager im Qinghai-Gebirge. Schwere Arbeit im Steinbruch einer Kalkfabrik, karges Essen und ständige Misshandlungen und Demütigungen haben den einstigen Studenten der Ozeanographie und Meeresforschung krank gemacht, seine Ideale und Zukunftsträume sind Vergangenheit. Nur der Wunsch, seinen Großvater einmal noch wiederzusehen und die Hoffnung, Kaili, die Liebe seines Lebens, nicht auf ewig verloren zu haben, geben ihm Kraft. Nach der Entlassung als Strafgefangener beginnt sein mühevoller Weg nach Hause.
Mei wie auch der Leser erfahren aus Lins Briefen an Kaili, dass dieser seine Eltern während der Kulturrevolution verlor und deshalb nur von seinem Großvater versorgt und erzogen wurde. Im letzten Brief kündigte er an, er wolle, trotz Großvaters Verbot, zum Tiananmen-Platz gehen...
Die beiden Geschichten entwickeln sich aufeinander zu. Wo ist Kaili? In einem Hutong, dem chinesischem Viertel der Altstadt, stirbt ein alter Mann. Vor den Haustüren der Nachbarn liegen danach Schmetterlinge aus Papier, in alten Zeiten als Todessymbol geltend. Einen ebensolchen Papierschmetterling findet Mei bei Kailis Besitz. Die ihr unbekannten Lin und Kaili erscheinen ihr durch die Brieftexte vertraut und seelenverwandt. Einst wollte auch sie selbst am Studentenprotest teilnehmen. Viele ihrer einstigen Freunde sind seit damals tot oder verschwunden. Als Mei der Ermittlungsauftrag mit Androhung von Konsequenzen wieder entzogen wird, ist sie zum Aufhören gefühlsmäßig schon viel zu persönlich betroffen.
Ein überzeugender Roman voller Emotionen, unaufdringlicher Einführung in chinesische Geschichte wie auch Gegenwart und einer spannungsreichen Story.
Die Autorin:
Diane Wei Liang, geboren in Peking, verbrachte ihre Kindheit in einem chinesischen Arbeitslager. 1989 nahm sie an den Protesten auf dem Tiananmen-Platz teil, im selben Jahr wanderte sie in die USA aus, wo sie mehrere Jahre Wirtschaftswissenschaften lehrte. Heute lebt sie mit ihrem deutschen Mann und ihren zwei Kindern in London. Unbedingt empfehlenswert ist ein Blick auf die offizielle Website der sympathischen Autorin: dianeweiliang.com .
Buchtitel: „Wie ein Schmetterling aus Papier“
Autor: Diane Wei Liang
Die Originalausgabe „Paper Butterfly“
erschien 2008 bei Picador, Pan Macmillan, London,
deutschsprachige Ausgabe 2010 beim List-Verlag,
Ullstein Buchverlage Berlin
268 Seiten, UVP: € 18,00 (D), €18,50 (A), 29,90 CHF
ISBN: 978-3-471-79173-8 oder 978-3-548-61032-0 als List-Taschenbuch
UVP: € 8,99 (D), € 9,30 (A), 14,90 CHF
Hello Kitty muss sterben von Angela S. Choi
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ute Brammertz
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die 28-jährige Fiona Yu, Vollblut-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, ist mit ihrem Leben in San Francisco eigentlich zufrieden. Sie ist Anwältin mit Dr. jur., sechsstelligem Gehalt und einer Wochenarbeitszeit von 80 Stunden. Gerne verbringt sie ihre karge Freizeit im Waschsalon ihrer Eltern, wo sie hin und wieder zerrütteten chinesischen Ehepaaren „Beweise“ für eine erfolgreiche Trennung erbringen kann: Ein richtiges Dessous am falschen Ort, ein manipulierter Lippenstiftfleck – und den „unglücklichen“ Beziehungen ist eine Chance auf Beendigung derselben gegeben. Selbst ist Fi an sexueller Partnerschaft höchst desintressiert. Die Zuneigung von Pepito, ihrem Wellensittich, ist da mehr als ausreichend. Doch ihre traditionsbewussten Eltern sehen das anders: Es ist an der Zeit, einen guten chinesischen Jungen für Fi zu finden. Und da sie es allein scheinbar nicht schafft, hört sich der Vater bei Geschäftsfreunden um. Ein Date nach dem nächsten wird arrangiert – und eine chinesische Tochter ist folgsam, auch in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Zum Glück begegnet sie jetzt nach 16 Jahren Sean wieder, einem ehemaligen Schulfreund. Er war es, der ihr einst auf dem Schulhof beibrachte, sich mit körperlichen Kräften gegen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. Als Sean in den Jugendknast kam, trennten sich ihre Wege. Jetzt führt Sean eine Frauenarztpraxis unter dem Namen Dr. Killroy und machte als Facharzt für Hymenwiederherstellung Karriere. Bei Sean ist Fi vor sexueller Anmache sicher. Im Gegenteil: Er hilft ihr auch, sich besonders hartnäckigen Heiratskandidaten erfolgreich zu entlegen. Ebenso hilfsbereit ist Sean, als Fi von heute auf morgen einen neuen Job braucht. Eine passende Stelle wird unverhofft durch einen tragischen Todesfall frei.
Die Autorin will in ihrem Debütroman mit schwarzem Humor und viel Sarkasmus auf die Spagatstellung der jungen, erfolgreichen und wohlhabenden Amerikaner mit asiatischen Wurzeln hinweisen. Der „American Way of Life“ kollidiert oft mit den traditionellen Regeln aus der alten Heimat. Der Romanname „Hello Kitty“, die weiße Comic-Katze mit dem rosa Schleifchen, steht dabei für die Rolle der unterwürfigen und gehorsamen asiatischen Frau. Da sich der Lebenslauf der Autorin mit dem der Romanfigur Fiona stark ähnelt, liegt hier vielleicht eine biografische Abhandlung mit – hoffentlich – stark übertriebenen Schilderungen von Eigenerlebten vor.
Die Autorin:
Angela S. Choi, geboren 1977 in Hongkong, lebt heute in San Francisco. Sie hat, genau wie Fiona, in Yale studiert und einen Abschluss in Jura. Ihre spitze Zunge funktioniert auf Englisch ebenso gut wie auf Kantonesisch. Sie praktizierte als Anwältin, bis sie beschloss, ihr Leben nicht länger im branchenüblichen Sechs-Minuten-Takt zu führen. Im Alter von 30 Jahren fasste sie deshalb den Entschluss, Schriftstellerin zu werden. „Hello Kitty muss sterben“ ist ihr literarisches Debüt.
Buchtitel: „Hello Kitty muss sterben“
Autor: Angela S. Choi
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
„Hello Kitty Must Die“ bei Tyrus Books, Madison, Wisconcin
Deutsche Erstausgabe Oktober 2010
beim Luchterhand Literaturverlag München
286 Seiten, UVP: € 14,99 (D), € 15,50 (A), CHF 24,90
ISBN: 978-3-630-87339-8
Balzac und die kleine Schneiderin von Yan Dai Sijie
Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni
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Buchinhalt/Buchkritik:
Zwei junge Männer werden Anfang des Jahres 1971 zwecks „Umerziehung“ in die triste Bergregion nahe Sichuan entsandt. Sie teilen das Schicksal mit etwa einer halben Million Menschen, die zur „Umerziehung durch Arbeit“ verurteilt und in Arbeitslager in entlegene Landesteile geschickt wurden. Dabei handelte es sich zu einem großen Teil um Wissen-schaftler, Intellektuelle und Studenten.
Doch den 17-jährigen Ich-Erzähler und seinen ein Jahr älteren Freund Luo als „Intellektuelle“ zu bezeichnen, wäre schlicht Hochstapelei. Mehrere Jahre blieben die Schulen aufgrund der Kulturrevolution geschlossen, und die in den drei darauf folgenden Jahren in der Oberschule erworbenen Kenntnisse schätzten sie selbst auf gleich Null. So war wohl ihr Hauptvergehen, die Söhne von Ärzten zu sein.
Die Dorfbewohner sind frei von technischem Fortschritt, kultureller Bildung oder Einfluss von Medien. Nie zuvor sahen sie eine Geige, auf der nun der Erzähler ihnen von einem unbekannten „Mozart“ vorspielen muss. Die Arbeit auf dem Feld oder im Bergwerk ist hart und schwer. Doch die von Kinderjahren an befreundeten jungen Männer gewöhnen sich schnell ein. Sie akzeptieren ihr Los – sind sie doch wenigsten zusammen. Obwohl die ungewisse Zukunft und die Sorge um das ungeklärte Schicksal der Eltern sie belasten, bereitet ihr neues Leben ihnen immer wieder Momente von Glück und Heiterkeit.
Als der Dorfvorsteher ihr Erzähltalent entdeckt, entsendet er sie monatlich in die einen Tagesmarsch entfernte Stadt, um sich den jeweils laufenden Kinofilm anzusehen und anschließend mit der Filmgeschichte das Dorf zu unterhalten. Ihr Hunger nach anspruchsvollerer Unterhaltung, besonders nach westlicher Literatur, wird geweckt, als der – natürlich vom Staat verbotene – Roman „Ursula Mirouet“ des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac in ihre Hände gelangt. Obwohl bereits 1841 veröffentlicht, haben die beiden nie zuvor solche Sätze von ungeahnten Freuden und Wonnen vernommen. Als sie die liebreizende Tochter des Schneiders kennen lernen, sind beide sehr von ihr angetan, und Luo, als der ältere, macht sie zu seiner Geliebten. Auch sie ist fasziniert von den Erzählungen der beiden, gespickt mit den Worten Balzacs. Bald ist ihr Geschichtenfundus verbraucht. Es besteht einerseits akuter Versorgungsbedarf und andererseits die Vermutung, wo ein Buch gewesen, müssen weitere existieren. Die beiden sind auf ihrer Jagd nach Literatur erfolgreich, und der fortschreitenden Bildung der kleinen chinesischen Schneiderin steht nichts mehr im Weg.
Der Autor verbindet geschickt autobiografisches Erleben mit fiktiven Handlungen Auch sollen die im Roman agierenden Personen – wie der beste Freund – in seinem Leben eine wesentliche Rolle gespielt haben. Dai Sijie hat ein kleines Meisterwerk geschrieben. Zartfühlig und poetisch, gewürzt mit Witz und Lebensfreude, schildert er die wohl schwersten Jahre der jüngeren chinesischen Zeitgeschichte. Gleichzeitig lehrt er uns vom Zauber und der damit verbundenen Macht der Sprache.
Der Autor:
Dai Sijie, geboren 1954 als Sohn eines Mediziners in der chinesischen Provinz Fujian, wurde von 1971 bis 1974 im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf verschickt. Nach Maos Tod studierte er Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. Seine Erfahrungen aus der Umerziehung dienten ihm als Inspiration für seinen ersten Roman »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin«, der ein großer internationaler Erfolg und 2002 in einer französisch-chinesischen Produktion verfilmt wurde. Zu diesem Film schrieb Dai auch das Drehbuch und führte Regie.
Buchtitel: „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“
Autor: Dai Sijie
Titel der Originalausgabe „Balzac et la petite tailleuse chinoise“
eschienen 2000 by Editions Gallimard, Paris
Deutsche Erstausgabe erschien 2001 beim Piper Verlag, München
seit Mai 2011 in der hier vorliegenden Taschenbuchsonderausgabe
224 Seiten, UVP: € 10,00 (D), € 10,30 (A), ISBN: 978-3-7466-2690-1
Der Traum meines Großvaters von Yan Lianke
Roman - Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz;
unterstützt mit Mitteln des Auswärtigen Amtes durch litprom – Gesellschaft zurr Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und lateinamerika e.V.
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Buchinhalt/Buchkritik:
Diese Geschichte spielt in China in den 90er-Jahren im Ostteil der Provinz Henan, der Heimat des Autors Yan Lianke. Die reale Tragödie ist zwar in einem fiktiven Dorf namens Dingzhuang angesiedelt, aber hat sich so oder ähnlich in vielen chinesischen Provinzen auf dem Lande zugetragen. Der Roman handelt von dem Aidsskandal, dem knapp eine Million der bäuerlichen Bevölkerung zum Opfer fielen, etwa 50 Prozent der Dorfbewohner. Vor etlichen Jahren folgten die Bürger der armen Landregionen einem Aufruf der Regierung und verkauften ihr Blut. Es stellte sich aber nicht nur der versprochene Wohlstand ein, sondern schon bald eine unheimliche Epidemie. Die „Fieber“ genannte Krankheit war in Wirklichkeit das HIV-Virus, verursacht durch die laienhafte und unkontrollierte Handhabung der Blutentnahmen.
Der vorliegende Roman wird aus der Sicht eines verstorbenen zwölfjährigen Jungen erzählt, der seinem Großvater in dessen Träumen erscheint. Der Vater des Jungen ist einer der Hauptakteure im Dorf. Durch immer größere Mengen von Blutlieferungen gelangt er zu Reichtum und parteipolitischem Einfluss. Doch bei den Blutentnahmen gehen er und andere „Drücker“ unprofessionell, extrem unhygienisch vor und ermöglichen dem HIV-Virus seine verheerenden Folgen. Während der Vater nur seinen kommerziellen Erfolg sieht und über Leichen geht, versucht der Großvater, Lehrer Ling, ihn zur Vernunft zu bringen und gleichzeitig das Leid der Dorfbewohner zu lindern. Es entsteht ein verzweifelter, aber aussichtsloser Kampf. Der Tod wird zu etwas Alltäglichem. Alle Arbeit auf Feld und Hof, aber auch das gesellschaftliche Leben kommen zum Stillstand. Nach dem ertragreichen Blutgeschäft kommt für Großvaters ältestem Sohn jetzt ein florierender Handel mit immer knapper werdenden Särgen. Auch das Arrangieren von „Totenehen“ wird zum einträglichen Geschäft. Und sein jüngerer, an Aids erkrankter Sohn, begeht Ehebruch mit einer ebenfalls infizierten und blutjungen Ehefrau: „Was haben wir denn zu verlieren?“ Doch selbst hier steht die scheinbare Moral im Dorf dem persönlichen letzten Lebensglück im Wege.
Yan Liankes Schilderungen über herrschende Rückständigkeit und Armut, gepaart mit Gier, Korruption und Gewalt, sind schockierend. Das Geschäft Einzelner mit dem Tod, ja sogar die Ausbeutung der Hinterbliebenen durch die Vermittlung von Ehen der ledig Verstorbenen ist unglaublich – und doch so geschehen. Mit bewegenden und bildreichen Sätzen schildert der in Peking lebende Autor eine menschliche Tragödie der jüngsten Vergangenheit. Noch heute leiden die betroffenen Familien, noch heute schweigt China offiziell darüber.
Der Autor: Yan Lianke, 1958 geboren, gilt keineswegs als Dissident. Im Gegenteil: Zahlreiche Romane und Erzählungen wurden in China vielfach ausgezeichnet, schreibt der Übersetzer im Vorwort. Nur hätte er eben nicht dieses ihm persönlich am Herzen liegende Thema fokussieren dürfen. So wurde der vorliegende Roman kurz nach Erscheinen verboten, auch wenn schon einige zehntausend Exemplare im Land verkauft waren. Das gleiche Schicksal erlitt sein Roman „Dem Volke dienen“.
Buchtitel: „Der Traum meines Großvaters“
Autor: Yan Lianke
Die Originalausgabe „Ding zhuang meng“
erschien 2007 im Verlag Shanghai Wenyi Chubanshe, Shanghai
Kurz nach Erschneinen wurde die weitere Veröffentlichung und Verbreitung des Buches verboten
Deutsche Erstausgabe 2009 bei Ullstein Buchverlage Berlin
364 Seiten, UVP: € 22,90 (D), 39,90 CHF
ISBN: 978-3-550-08749-3
"Der Chinese" von Henning Mankell
Kriminalroman - Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Buchinhalt:
An einem kalten Januarmorgen 2006 wird die schwedische Polizei in das kleine abgelegene Dorf Hesjövallen gerufen und macht hier eine grausige Entdeckung. Achtzehn ältere Dorfbewohner und ein noch unbekanntes Kind wurden getötet, auf zum Teil furchtbare Art „hingerichtet“. Dazu kommen eine Anzahl toter Haustiere. Nur ein Ehepaar und eine verwirrte alte Frau blieben von dem Massaker verschont. Auffallend ist, dass alle Opfer auch miteinander verwandt waren.
In der weit entfernten südschwedischen Hafenstadt Helsingborg erkennt die Richterin Birgitta Roslin auf den in den Medien gezeigten Bildern das Dorf auf einer Kindheitsfotografie ihrer verstorbenen Mutter. Demnach müssten auch deren einstige Pflegeeltern hier gelebt haben. Schon bald bestätigt sich ihr Verdacht, und auch die Befürchtung, jene könnten unter den Opfern des Massenmordes sein. Bei einem spontanen Besuch des Tatortes fallen der Richterin alte Tagebücher aus dem Besitz ihrer „Verwandten“ in die Hände. Deren Inhalt und weitere Hinweise auf einen Asiaten stärken ihren Verdacht, dass die Polizei mit der Verhaftung eines Irrsinnigen der falschen Spur folgt.
Eine Zeitreise: Im Winter 1864 werden die Bauernbrüder San und Guo Si mit vielen weiteren Leidensgenossen im chinesischen Kanton (Guangzhou), der Stadt am Meer, überfallen und als Sklaven nach Amerika verschifft. Ein weiterer, kranker Bruder wurde vorher getötet. In Nevada wird die „Menschenware“ zum Bau der Eisenbahn gebraucht. Auf die härtesten Winter folgen trockenheiße Sommer. Doch immer gleichbleibend ist die unermesslich furchtbare, erniedrigende Schinderei der Gefangenen. Der Mensch zählt nicht, nur seine Arbeitskraft. Viele überleben die Strapazen nicht oder ziehen gar den Freitod einem solchen Martyrium vor. Ihr größter Feind aber hieß J.A., ein brutaler, rücksichtsloser, grausamer Oberaufseher. Ein Einwanderer aus dem Norden Europas, so wurde gesagt. Nach einer missglückten Flucht und deren Folgen sind San und Guo Si mit Vollendung der Eisenbahnlinie freie Männer. Sans Traum von einer Heimkehr nach China wird sich erfüllen. Er wird lesen und schreiben lernen, später heiraten und Kinder haben. Und seine Erlebnisse wird er in einem großen Buch niederschreiben. Als Wang San 83-jährig stirbt, ist die letzte Seite dieses Buches noch leer... 2006 hält Ya Ru, einer seiner Nachkommen, das Buch in den Händen. Als wohlhabender Mann sitzt er in Peking, nahe den Schaltknöpfen der Macht. Und er hat das über 130 Jahre alte Rachegelübde längst zu seinem eigenen gemacht.
Der Autor:
Der 1948 geborene schwedische Erfolgsautor Henning Mankell, dessen Bücher bisher in über 20 Sprachen übersetzt werden, begeistert auch mit diesem Thriller. Er schlägt eine Brücke zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert. Er verbindet gekonnt China und Schweden, verknüpft sie mit Afrika und Amerika. Spannend formuliert, bringt er uns die Weltpolitik zur Zeit der Kolonialmächte näher. Nachvollziehbar skizziert er den heutigen Weg Chinas zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Immer gab und gibt es – in jeder Staats- und Wirtschaftsform – ein Streben nach Privilegien für den Einzelnen. Mal legal, oft illegal. Und somit genug Stoff für einen brillanten Roman – was sonst?!
Buchtitel: „Der Chinese“
Autor: Henning Mankell
Ersterscheinung: 2008 „Kinesen“ by Leopard Förlag, Stockholm
Erst-Erscheinung der deutschsprachigen Ausgabe: 2008
im Paul Zsolnay Verlag, Wien
seit 2010 im Deutschen Taschenbuch Verlag, München
606 Seiten, UVP: EUR 10,95 (D) ISBN: 978-3-423-21203-8
"I love Dollars" von Zhu Wen
I love Dollars und andere Geschichten aus China
Buchinhalt:
Die hier vorliegenden sechs Erzählungen veröffentlichte der Autor erstmals in den Jahren 1996 bis 2007. Die Geschichten erzählen vom Leben in China zur Zeit des großen Umbruchs zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Die Protagonisten sind allesamt junge Männer, die zwischen neuer Freiheit und Perspektivlosigkeit umherirren.
In der ostchinesischen Stadt Nanjing legt der junge Fabrikarbeiter den Weg zur Arbeit zwischen dem Wohnheim und dem Elektrizitätswerk auf seinem alten Fahrrad zurück. Eines Tages wird er von einem berüchtigtem Familienclan grundlos beschuldigt, ihren Großvater angefahren und verletzt zu haben. Der ersten Schadenersatzforderung folgen unaufhörlich weitere, den geopferten Ersparnissen folgen Schuldscheine. Doch als die Angst des gutmütigen Mannes um Leib und Leben unerträglich wird, greift er zur Eisenstange.
In der Titelgeschichte „I love Dollars“ ist der Ich-Erzähler ein unbedeutender Schriftsteller. Beim turnusmäßigem Besuch seines Vaters sieht er sich verpflichtet, ihm schöne Stunden mit Essen, Trinken und Sex zu verschaffen. Die in seinen Augen „veraltete“ Lebensphilosophie des Vaters verleitet ihn in unmoralische Tiefen. Auch in den weiteren Erzählungen unterliegen deren „Helden“ der zunehmend kapitalistischen Gesellschaft. Frustration und Ziellosigkeit machen sie einsam und unmoralisch. Der Leser muss sich auf den Inhalt der Geschichten, aber noch mehr auf Zhu Wens Schreibstil einlassen wollen. Die Story beginnt irgendwo und hört ebenso abrupt – ohne Ende – auf. Doch zwischendrin sind viele kleine Alltagsszenen zu entdecken, die uns das Leben in China näher bringen.
Der Autor:
Zhu Wen, geboren 1967 in Quanzhou, studierte Kinetik in Nanjing und lebte dort mehrere Jahre als freier Schriftsteller, bevor er 2000 nach Peking übersiedelte. Er veröffentlichte Gedichte, Erzählungen und einen Roman. In den neunziger Jahren war er Initiator der literarischen Bewegung »Risse« (duanlie) und Vertreter einer Generation junger Autoren, die die Erneuerung der chinesischen Literatur maßgeblich beeinflusste. Seit 1998 arbeitet er auch als Drehbuchautor und Regisseur. Sein erster Film »Haixian« (Seafood) erhielt auf den Filmfestspielen in Venedig 2001 den Spezialpreis Cinema of the Present - Lion of the Year, sein zweiter Film »Yun de nan fang« (South of the Clouds) wurde 2004 auf der Berlinale mit dem Netpac-Preis ausgezeichnet. 2008 beendete er die Arbeiten an seinem dritten Spielfilm »Thomas Mao«. Zhu Wen lebt in Peking.
Buchtitel: „I love Dollars“ und andere Geschichten aus China
Autor: Zhu Wen
Erst-Erscheinung der deutschsprachigen Ausgabe 2009
bei A1 Verlag, München
359 Seiten, UVP: EUR 19,80 (D) 20,40 (A) 35,90 sFr
ISBN:978-3-940666-07-9
"Im Laufschritt durch Peking" von Xu Zechen
Buchinhalt/Buchkritik:
Dunhuang ist 25 Jahre alt und kommt nach einem dreimonatigen, erstmaligen Gefängnisaufenthalt wieder frei. Er hat weder Familie noch Freunde in Peking. Mit nur 50 Yuan in der Tasche versucht er, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das ist nicht einfach – ohne Bleibe, ohne Job.
Von seinen alten Kumpeln aus dem Fälschermilieu ist keiner auffindbar, sitzen vielleicht wie Baoding, sein Ziehvater unter den Dokumentenfälschern, in Haft. Und diesen will Dunhuang unbedingt und vor dessen Verurteilung freikaufen, das ist er ihm schuldig.
Er lernt Xia Xiarong kennen, 28-jährig und von einem ehrlichen Leben, von Haus und Kindern träumend. Er kommt zunächst bei ihr unter, unterstützt sie beim Verkauf von DVD-Raubkopien und macht sich schließlich selbstständig. Er ist geschäftstüchtig und fleißig. Er beliefert seine Kunden mit einwandfreier Fälscherware und im „Laufschritt durch Peking“.
Doch diese Stadt ist wie ein Haifischbecken: Der tägliche Überlebenskampf mit gierigen Vermietern, brutalen Polizisten und dreisten Dieben fordert ständige Wachsamkeit. Und zwischendurch sehnt auch Dunhuang sich nach einem legalen Dasein, einem richtigen Beruf und wirklicher Liebe. Doch so wie in Peking die Zahl der schweren Sandstürme stetig zunimmt und die Stadt dann unter einer dicken Schicht gelben Staubes versinkt, so gerät auch Dunhuang immer öfter und schneller in einen Strudel von Kriminalität und wahrer Opferbereitschaft und wird zu einem tragischen Helden.
Der Autor:
Xu Zechen, geboren 1978 in der Provinz Jiangsu, lebt in Peking und studierte hier Chinesische Literatur. „Im Laufschritt durch Peking“ wurde 2006 von der chinesischen Prosagesellschaft als einer der besten Kurzromane des Jahres und 2007 mit dem Literaturpreis für Newcomer ausgezeichnet. Xu arbeitet als Redakteur bei der "Volksliteratur", einer wichtigen und alten Literaturzeitschrift Chinas. Bisher veröffentlichte er drei Romane, zahlreiche Erzählungen und Essays. Er gilt als einer der aufstrebenden Autoren in der chinesischen Literaturszene.
Buchtitel: „Im Laufschritt durch Peking“
Autor: Xu Zechen
Erscheinung der deutschen Ausgabe: 2009 BvT, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin
Ersterscheinung der Originalausgabe: 2006 „Paobu chuanguo Zhongguancun“
173 Seiten
UVP: 8,90 Eur[D] / 9,20 Eur[A] / ca. 14,95 CHF
ISBN: 978-3-8333-0599-3
Erhältlich u.a. bei Amazon.
"Seidenraupen für Jin Ling" von Huang Beijia
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die elfjährige Ling ist das einzige Kind der Familie Jin. Wie durch die chinesische Ein-Kind-Politik verursacht und üblich, sind sowohl Eltern als auch beide Großelternpaare sehr um das Wohlergehen und dem schulischen Erfolg dieses Kindes bemüht. Am Ende der sechsten Klasse der chinesischen Grundschule steht die Aufnahmeprüfung für die anschließenden Mittelschulen, die wiederum unterschiedliche Rangordnungen haben. Jede Familie ist natürlich bestrebt, ihr Kind für die beste Schule zu qualifizieren. Für das Kind bedeutet es ein Lernen oder Unterlass. Freizeit ist gestrichen, Zerstreuung über Fernsehen oder Hobbys sowieso. Ein Ernährungsplan soll die zusätzliche Unterstützung bringen. Doch alle Bemühungen für Jin Ling scheinen aussichtslos. Das lebensfrohe, kontaktfreudige und leicht übergewichtige Mädchen schreibt inhaltlich die besten Aufsätze, ist in Englisch recht gut, bringt aber in Mathematik nur schlechte Noten. Doch durch sonderbare Zufälle erscheint Hilfe. Jin Ling gelangt in den Besitz von Seidenraupen. Als sie zu spät an den Kauf von Maulbeerblätter denkt, das einzige von den Larven akzeptierte Futter, geht sie (verbotener Weise) auf die Suche nach einem Maulbeerbaum. In einer ihr bis dato unbekannten Straße sieht sie durch ein schmiedeeisernes Tor plötzlich die dicken, herzförmigen Blätter. Jing überwindet den Zaun und ist schon beim Pflücken des lebensnotwendigen Futters, als eine alte, aber resolute Frau erscheint: Sun ShuYun, eine ehemalige und in ganz China für eine besondere Lehrmethode bekannte Mathematiklehrerin. Es folgt ein ernstes Gespräch und eine geheime Vereinbarung: Zehn Maulbeerblätter gegen eine halbe Stunde Mathematik.
Die Autorin:
Die Geburtsstadt der 1955 geborenen Autorin Huang Beijia ist Rugao, in der Provinz Jiangsu, im Süden der Volksrepublik Chinas gelegen. Ihrer Schulzeit schlossen sich ein Arbeitsaufenthalt auf dem Land und ein Studium in Peking an. Nach dem 1982 abgelegten Examen konnte sie ihre bereits 1973 beginnende Schriftstellerei ausweiten. Sie schrieb zahlreiche Werke für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Einige ihrer Arbeiten wurden verfilmt oder dienten als Vorlage für Theaterstücke. Heute lebt die in China bekannte Autorin in Nanjing, der Provinzhauptstadt von Jiangsu. Zu dem vorliegendem Roman wurde Huang Beijia durch die eigenen Erfahrungen beim gemeinsamen „Kampf“ mit ihrer Tochter bei der Aufnahmeprüfung zur Mittelschule inspiriert.
Buchtitel: „Seidenraupen für Jin Ling“
Autorin: Huang Beijia
Erscheinung der deutschen Ausgabe: Februar 2008 beim NordSüd Verlag, Zürich
Ersterscheinung der Originalausgabe: 1996
188 Seiten
UVP: 19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF
ISBN: 978-3-7844-3213-7
Erhältlich u.a. bei Amazon.
Die Frau mit dem roten Herzen von Qiu Xiaolong
Im Park am Bund, einer der schönsten Erholungsanlagen Shanghais, direkt im Zentrum gelegen, wird eine männliche Leiche gefunden. Das ist der Ausgangspunkt von Qiu Xiaolongs Kriminalroman „Die Frau mit dem roten Herzen.“ Trotz Leichenfunds soll Oberinspektor Chen auf Anweisung von höchster Stelle seine Zeit als Beschützer und Unterhalter einer amerikanischen Kollegin einsetzen. Doch diese ist nicht nur jung und attraktiv, sondern auch flexibel und einsatzfreudig. Zusammen nehmen sie die Spur einer verschwundenen schwangeren Frau auf. Dabei kreuzt auf rätselhafte und gefährliche Weise die Triadenbande „Achtzehn Äxte“ immer wieder ihren Weg. Wem darf noch getraut werden? Gut, dass Wachtmeister Yu und dessen Vater „der Alte Jäger“ loyal sind. Zusammen meistert das Quartett die Gefahren und am Ende steht eine überraschende Aufklärung.
Dieser Band ist der zweite von bereits sechs erschienenen Kriminalfällen mit dem smarten und liebenswürdigen Oberinspektor Chen. Als Chefermittler bei der Shanghaier Polizei kämpft er gegen Unrecht, Ungerechtigkeiten und die allgegenwärtige Korruption. Des Inspektors Vorliebe für die Poesie ist neben der Ablehnung von Unrecht ein weiteres autobiographisches Element: Autor Qiu Xiaolong, der aufgrund des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in die USA auswanderte, arbeitete zuvor als Übersetzer von US-amerikanischen Kriminalromanen wie auch von Gedichten von T. S. Eliot. Und auch des Autors Leidenschaft für die chinesische Esskultur spiegelt der Held Chen wider. Qiu Xiaolong versteht es meisterlich, chinesische Realität und schriftstellerische Fantasie zu verbinden. Der Leser, insbesondere der weibliche, muss sich in den dichtenden, unbestechlichen und einsamen Oberinspektor Chen verlieben. Er wird neugierig auf die geographisch vorgestellten Orte („Suzhou ist bekannt für seine Gartenarchitektur...“) und letztlich bekommen wir Verständnis für chinesische Kultur und Lebensart, für „Yin“ und „Yang“ und das immer wiederkehrende “Guanxi“, das Netzwerk aus Beziehungen – „... die Schmiere, die die Räder am Laufen hält.“
„Die Frau mit dem roten Herzen“ von Qiu Xiaolong ist im DTV erschienen (ISBN 978-3-423-20851-2; UVP: EUR (D) 9,95; EUR (A) 10,30; CHF 17,50).
Die Konkubine von Shanghai von Hong Ying
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Erst 2009 ins Deutsche übersetzt wurde der erstmalig 2003 veröffentlichte Roman „Die Konkubine von Shanghai“ der chinesischen Erfolgsautorin Hong Ying. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Shanghai, der modernen und aufstrebenden Metropole Chinas. Die 15-jährige Waise Cassia lebt bei schwerer Feldarbeit auf dem Dorf, bis sie von ihrer Tante an die Bordellbesitzerin Madame Emerald verkauft wird. Obwohl ihr Aussehen und auch ihr Verhalten nicht dem traditionellem Schönheitsideal entsprechen, und Cassia deshalb nur als Magd und nicht als Kurtisane arbeitet, wird sie die Geliebte des mächtigen Triadenführers Meister Chang. Sie wird von ihm schwanger, doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer. Der Pate gerät in einen tödlichen Hinterhalt. Cassia wird schon gleich nach der Geburt ihrer Tochter von dem Kind getrennt. Sie muss als billige Prostituierte arbeiten, um zu überleben. Doch Cassia ist stark und findet ihren Weg: Sie gründet eine Theatergruppe, wird eine berühmte Sängerin und zur mächtigsten Frau Shanghais.
Das Buch erscheint teils wie eine Biographie, dann wieder wie ein Roman. Auch nach Beendigung der Lektüre bleiben hierüber Zweifel, obwohl Hong Ying sich am Ende selbst als Chronistin zu erkennen gibt. Fiktive Personen vermischen sich mit realen Charakteren, erfundene Handlungen mit wahren Begebenheiten. Der Story selbst schadet es indes nicht und der Wandel der Zeit gerade in Bezug auf die Stellung der asiatischen Frau ist nachvollziehbar dargestellt.
„Die Konkubine von Shanghai“ von Hong Ying ist im Aufbau Verlag Berlin erschienen (ISBN 978-3351032692).
Das Flüstern der Schatten von Jan-Philipp Sendker
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Paul Leibovitz, ein in Hongkong lebender Deutsch-Amerikaner, ist die Hauptfigur in „Das Flüstern der Schatten“ von Jan-Philipp Sendker.
Seit sein Sohn Justin im Alter von acht Jahren an Leukämie verstarb, meidet Paul alle gesellschaftlichen Kontakte. Seine Frau hat ihn verlassen, und Verwandte hat er auch keine mehr. Er lebt zurückgezogen auf einer Insel vor der Metropole. Sein Tages-, Wochen- und Jahresablauf ist stets der gleiche. So will er sicher gehen, dass keine neuen Eindrücke, Begegnungen und Erlebnisse seine Erinnerungen mit Justin gefährden. Sogar dem Freundschaftsangebot der Chinesin Christine Wu weicht er aus. Erst ein Wanderausflug auf den Peak, ein Ritual aus der Zeit mit Justin, zwingt ihn aus seiner Isolation: Eine ältere Amerikanerin spricht ihn an. Sie und ihr Mann sind auf der Suche nach ihrem seit Kurzem in China verschwundenen Sohn. Und schon bald ist Paul gegen seinen Willen in dem Fall verstrickt.
Kommissar Zhang, seit 20 Jahren sein chinesischer und einziger Freund, wird eingeschaltet. Beiden wird schnell klar, dass sie in einem Mordfall ermitteln. Und der oder die gesuchten Täter sind mächtig, mit Verbindungen nach oben. „Die Wahrheit ist formbar, von denen, die Befehle erteilen.“ Ein falscher Mörder wird präsentiert, ein Geständnis erpresst, der Gerichtstermin vorgezogen. „Retten – aber um welchen Preis?“ Die Fäden reichen zurück bis in die Kulturrevolution – in Geschehen, deren Erinnerung lieber vergessen als bewahrt werden wollte: Erinnerungen ... „das Flüstern der Schatten“.
Jan-Philipp Sendker hat mit diesem Buch einen ebenso einfühlsamen Roman über Liebe, Freundschaft und Trauer wie auch einen äußerst spannenden Krimi geschrieben. Geschickt vermischt er politische und wirtschaftliche Fakten mit einer fiktiven Story. Der 1960 in Hamburg geborene Journalist war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent für den „Stern“. Auch heute noch schreibt er als freier Autor für Deutschlands großes Wochenmagazin.
„Das Flüstern der Schatten“ von Jan-Philipp Sendker ist im Wilhelm-Heyne Verlag erschienen (ISBN 978-3-453-40631-5).
Ina aus China von Susanne Hornfeck
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Die eigene Jugendzeit prägt den Menschen, und eine behütete, liebevolle Kindheit ist die Keimzelle für ein erfülltes Leben. Das ist so in Asien, Europa und überall sonst auf der Welt. Doch was, wenn Regierungen sich Kriege erklären und die Völker Opfer bringen müssen?
Susanne Hornfeck schildert dieses Schicksal am Beispiel eines jungen Mädchens in ihrem Buch „Ina aus China oder Was hat schon Platz in einem Koffer“.
1937 beginnt der chinesisch-japanische Krieg und ist schuld, dass die siebenjährige Yinna aus Schanghai von ihrem Vater, Angestellter einer großen internationalen Bank, auf die unglaublich große Reise über das weite Meer bis ins deutsche Brandenburg geschickt wird. Die chinesische Familie Chen und die deutsche Familie von Steinitz verbindet eine Freundschaft aus dem Boxeraufstand von 1900, die ein deutscher Offizier und sein chinesischer Verhandlungspartner damals schlossen. Kann ein kleines Mädchen, das schon bei seiner Geburt die Mutter verlor, auch noch die Trennung von der ganzen Familie, den Freunden, der vertrauten Umgebung verkraften? Am allerschlimmsten empfindet Yinna, die jetzt Ina heißt, den Verlust der eigenen Sprache. Was hat schon Platz in einem Koffer? Nicht das, was wirklich zählt: die Menschen, die Sprache, das Gefühl, ein Zuhause zu haben.
Aber die Wurzeln der Kindheit verleihen Ina Kraft und Selbstvertrauen. Sie findet ein neues Zuhause, neue Freunde, wird in der deutschen Sprache heimisch – auch wenn die Sehnsucht nach dem Verlorenen bleibt. Doch dann greift der Krieg ein zweites Mal in ihr Leben ein: 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, und Japan, der „Feind“ in China 1937, zählt nun zu den Freunden in Deutschland.
Der erste Roman von Susanne Hornfeck, heute in München lebende Germanistin und Übersetzerin, überzeugt durch seine fesselnde Aufarbeitung der weltpolitischen Geschichte und ergreift mit seiner rührenden Darstellung autobiographischer Schicksale. Er ist eine Mahnung an all jene, die an den Schaltknöpfen der Macht sitzen: Nie will ein Volk den Krieg, immer nur seine Regierung. Überall ist stets der Mensch selbst das Opfer oder wird zum Täter gezwungen. Susanne Hornfecks Roman ist ein wundervoller Aufruf zu Freundschaft und Völkerverständigung hinweg über alle Grenzen und ist eine Empfehlung gerade auch für junge Leser – denn vor allem macht der Roman Mut: Selbst wenn das Unglaubliche vorherbestimmt ist (im Chinesischen: „yuan“) – so „wohnt jedem Anfang ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ (Zitat aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse; von Inas deutscher Lieblingslehrerin ins Poesiealbum geschrieben).
„Ina aus China oder Was hat schon Platz in einem Koffer“ von Susanne Hornfeck ist im Deutschen Taschenbuchverlag (DTV) erschienen (ISBN: 978-3-423-62330-8; EUR (D) 8,95; EUR (A) 9,20; CHF 15,90).
Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät von Nury Vittachi
Fengshui (oder auch Feng-Shui) ist die uralte chinesische Lehre von Harmonie. Fengshui aktiviert und bündelt die natürlichen Energieströme. Diese sind unverzichtbar zwischen Himmel und Erde, Mensch und Umwelt, Leben und Tod. Ein gutes Fengshui eines Hauses bewirkt Gesundheit und Wohlergehen seiner Bewohner. In einem nach Fengshui-Regeln eingerichtetem Büro florieren die Geschäfte, und ein schlechtes Fengshui ist schuld am Misserfolg eines Unternehmens, am Untergang einer Firma.
Mit seiner Buch-Serie vom „Fengshui-Detektiv“ schuf Nury Vittachi ein aus aller Norm fallendes Ermittlerpaar. Von Singapur aus sind sie vorrangig in Sachen Fengshui aktiv, doch überwiegend in den anhängenden kleineren wie auch größeren kriminologischen Disharmonien erfolgreich. C.F. Wong, der alte, hagere, etwas kauzige Fengshui-Meister aus dem chinesischem Hochland und seine sehr junge Assistentin Joyce McQuinnie, eine moderne und schrille Australierin, ergänzen sich ideal mit ihren oft sehr unterschiedlichen Sichtweisen.
Der „F.-D. im Auftrag Ihrer Majestät“ ist bereits der 5. Band in dieser beliebten Serie und auf Deutsch Ende Juli 2009 erschienen. Dieses Mal winkt ein äußerst lukrativer Auftrag, dessen Verbindungen bis in den englischen Königspalast gehen. Doch davor gibt es einen Mord, 100-prozentige Verdachtshinweise auf einen Unschuldigen und jede Menge schlechtes Fengshui. Und dann soll C.F. Wong auch noch in dieses schreckliche England fliegen, wenn auch mit dem modernsten und größten Jet der Welt. Der Flug wird zur Katastrophe: Joyce verliebt sich in einen echten Royal und der Meister hätte fast verschlafen, anstatt der Retter aller zu werden. Gut, dass auch noch Sinha an Bord ist, sein indischer Freund und als Spezialist für „Vastushastra“ (indisches Pendant zum Fengshui) auch Berufskollege.
Der Autor Nury Vittachi wurde 1958 in Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, geboren. Auf Grund von Todesdrohungen gegen seinen regimekritisierenden Vater musste die Familie fliehen und strandete völlig mittellos in Singapur. Seine Schulbildung und auch journalistische Ausbildung erhielt Nury Vittachi in England. Seit 1986 lebt er mit seiner Frau in Hongkong, mittlerweile mit drei adoptierten chinesischen Kindern. Anfangs als Kolumnist und Satiriker für die South China Morning Post schreibend, avancierte er inzwischen bei der BBC zu „Hongkongs witzigstem Kommentator“. Gleichzeitig müht sich Vittachi, das Brachland „Asiatische Literatur“ zu beackern: Zusammen mit der Asiatin Xu Xi gründete er eine Autorengruppe in Hongkong, kurz darauf einen Verlag. Seit 1999 ist er Herausgeber einer Literaturzeitschrift. Im Jahre 2000 war er Mitinitiator des ersten Internationalen Literatur-Festivals in Hongkong und 2007 kreierte er den „Man Asian Literary Prize“. 2008 war er Vorsitzender der Jury, die erstmals den „Australia-Asia Literary Award“ vergab.
„Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät“ von Nury Vittachi ist im Unionsverlag Zürich erschienen (ISBN 978-3-293-00407-8).
Das Jadeauge von Diane Wei Liang
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Der erste Kriminalroman von Diane Wei Liang, „Das Jadeauge“, ist nicht nur spannend, sondern gleichzeitig ein großer zeitkritischer Spiegel der chinesischen Gesellschaft.
Mei, eine junge und selbstbewusst wirkende Chinesin, leitet in Peking ihr eigenes Detektivbüro. Sie geht frei ihren eigenen Weg, aber ist in ihren Gefühlen doch nicht so unabhängig, wie sie sich gibt: Sie verzehrt sich nach Anerkennung von ihrer Mutter und vermisst noch immer schmerzhaft ihren Vater, den sie das letzte Mal vor 23 Jahren in einem von Maos Arbeitslagern sah.
Onkel Chen, ein Freund ihrer Mutter, bittet Mei, ein 1.800 Jahre altes Jadesiegel aus der Han-Dynastie aufzuspüren, das während der Kulturrevolution verschwand. Erster Anhaltspunkt ist eine aus dieser Zeit stammende Schale, die auf einem Antiquitätenmarkt aufgetaucht ist. Dank eines guten Spürsinns, wacher Kombinationsgabe und sehr viel „guanxi“ verfolgt Mei die Spur.
Wie ein roter Faden durchzieht „guanxi“ die Geschichte – dieses „Netzwerk von Beziehungen und Kompromissen“, ohne das auch das neue China undenkbar ist. Man sieht sie beim Lesen förmlich vor sich – die Menschenmassen Beijings. Der Leser spürt die drückende Hitze des ersten Sommertages zwischen Pekings Häusermeer und möchte fast körperlich dem Verkehrschaos seiner Straßen entfliehen.
Von der ersten Seite an weiß Wei Liang, die in Peking geborene Autorin, ihren Leser zu fesseln. Sie begeistert durch eine klare, pragmatische, aber auch ebenso bildreiche Ausdrucksweise. Vor allem weiß sie, wovon sie spricht: Sie selbst verbrachte ihre Kindheit in einem chinesischen Arbeitslager, nahm 1989 als Studentin an den Protesten auf dem Tian’anmen-Platz teil und verließ China im selben Jahr in Richtung USA. Sie lässt sie uns spüren – die Folgen und Wunden der Kulturrevolution, deren Narben auch noch im Kapitalismus sozialistischer Prägung präsent sind. Und man sieht die Kluft zwischen der neuen Elite, den aufsteigenden Geschäftemachern und den unzähligen Wanderarbeitern, die in der Metropole ihr Glück versuchen und durch mühsame Arbeit ihre Familien daheim auf dem Land unterstützen wollen.
Doch zurück zum spannenden wie auch anrührenden Inhalt: Ein wertvoller Zeuge wird ermordet. Plötzlich ist die Frage nicht „was“, sondern „wer“ ist das Jadeauge. Am Ende steht eine ebenso überraschende wie auch schmerzhafte Aufklärung. Und der Leser, noch ganz im Bann dieser Gesellschaftsgeschichte, fragt sich ungläubig: War das jetzt ein „Krimi“ oder doch eher eine Huldigung an den ewigen Traum nach Liebe?
„Das Jadeauge“ von Diane Wei Liang ist jetzt im List Verlag erschienen (ISBN: 978-3-471-79172-1; Preis: 18 Euro, CHF 32,90).
Gefahr und Begierde von Eileen Chang
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Eileen Changs „Gefahr und Begierde“ erzählt fünf sinnliche, sehnsuchts- wie auch lustvolle, mitunter trostlose Berichte zwischenmenschlicher Episoden.
Die Erzählungen spielen zwischen 1944 und 1950 im von den Japanern besetzten Shanghai oder Hongkong. Aber Orte und Zeit sind nicht ausschlaggebend. Vielmehr richtet sich der schonungslose Blick auf die Abgründe der menschlichen Beziehungen – auf Liebe und Erotik, auf Hass und Zorn.
Da genügt eine einfache Straßensperre, und der brave und stille Lü Zongzhen, Buchhalter in der Huamoa-Bank und Fahrgast in dieser mit Zwangspause belegten Straßenbahn, stellt plötzlich seine bisherigen Wertvorstellungen über Ehe und Familie in Frage. Er sieht die ihm gegenüber sitzende junge Frau Wu Cuiyuan zum ersten Mal und macht ihr nach wenigen Minuten das Angebot, seine Zweitfrau zu werden.
In „Liebe in einer gefallenen Stadt“ begleiten wir für kurze Zeit Liusu. Als geschiedene Frau rangiert sie im Hause der Großfamilie Bai als nutzloser Esser weit, weit unten. Dann präsentiert Frau Xu den Heiratskandidaten Liuyuan – eigentlich für Liusus Nichte. Doch der weltgewandte Frauenschwarm hält nichts von traditionellen Werten, aber viel von neuzeitlichen Lebensfreuden. Liusu folgt ihm auf seinem Wunsch nach Hongkong, verliebt sich in Liuyuan und weiß, dass sie ihn nur behalten kann, wenn sie ihm ihre Liebe nicht zeigt. Doch erst die Bombardierung Hongkongs und der Fall der Stadt bringt die ersehnte Heirat.
In „Gefahr und Begierde“ soll Wang Jiazhi, Mitglied einer patriotischen, studentischen Theatergruppe, sich die Freundschaft der Ehefrau des einflussreichen Regierungsbeamten, Herrn Yi, der mit den Japanern kooperiert, erschleichen, um so an den Kollaborateur selbst heranzukommen. Als Studentin würde er der jungen Frau misstrauen – so soll sie als Gattin eines Geschäftsmannes den Lockvogel spielen und Herrn Yi in eine Falle locken. Für die Glaubhaftigkeit opfert sie in der Gruppe sogar die Jungfräulichkeit. Alles läuft nach Plan, keiner im Hause Yi schöpft Verdacht und so wird sie seine Konkubine. Der Hinterhalt ist geplant, in dieser Nacht soll Lao Yi sterben. Doch vorher fahren Jiazhi und Herr Yi zu einem kleinen Juwelierladen und er schenkt ihr einen Diamantring, rosafarben mit sechs Karat. Sie sitzen nebeneinander, sprechen leise miteinander, lächeln sich zu. Und schlagartig erkennt Jiazhi: Sie liebt diesen Mann, und er liebt sie. Doch es ist zu spät!
Diese Kurzgeschichte wurde 2007 von dem taiwanesischen Regisseur Ang Lee verfilmt und in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die Hauptrollen spielen Tang Wei als Jiazhi und Tony Leung als Yi.
Eileen Chang, eigentlich Zhang Ailing, wurde 1920 in Shanghai geboren und veröffentlichte diese Erzählungen bereits 1968. Aufgrund ihres unnachahmlichen klaren Sprachstils, der fein skizzierten Charaktere voller Melancholie und Schonungslosigkeit, gehört die 1995 verstorbene Autorin auch oder gerade heute zur Vertreterin der modernen chinesischen Literatur.
„Gefahr und Begierde – Erzählungen“ von Eileen Chang ist im List Verlag erschienen (ISBN: 978-3-546-00429-0; EUR 18,00, CHF 32,90).
Ein freies Leben von Ha Jin
Viel eigenes Erleben und Empfinden hat Ha Jin, der 1956 in Nordchina geborene und seit 1985 in den USA lebende Schriftsteller, in seinem neuesten Roman „Ein freies Leben“ verarbeitet. Er versteht es meisterlich, ein Emigrantenleben minutiös mit allen Hindernissen, Rückschlägen und Erfolgen darzustellen.
Zum Inhalt: Nur zum Studium kam Nan Wu 1985 in die USA. Doch kurz nach der blutigen Niederschlagung des Studentenprotestes 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking beschließen seine Frau Pingping und er, in Amerika zu bleiben. Es gelingt ihnen, ihren bis dahin bei den Großeltern lebenden sechsjährigen Sohn Taotao nachkommen zu lassen. Nan gibt sein Politologiestudium auf, um Geld zu verdienen. Er ist sich für keinen Job zu schade. Als Aushilfskellner wird er zusehends mehr in der Küche eines Restaurants eingesetzt, und so bildet er sich zum Koch weiter. Die Familie zieht von Boston nach Atlanta, und das Ehepaar erwirbt dort ein eigenes kleines Restaurant. Sie arbeiten hart, denn im Gegensatz zu anderen Exilanten sind Nan Wu und Pingping fest entschlossen, sich dem Leben im neuen Land anzupassen. Sie beziehen Stellung zu politischen Werten trotz aller nostalgischer Gefühle für die alte Heimat. Nan strebt die Einbürgerung an, auch wenn ihn eine Frage quält: Für welche Seite im Falle eines Krieges zwischen den USA und China wäre er fähig zu kämpfen?
Es muss die einst selbst gespürte Sehnsucht nach Freiheit gewesen sein, die bei dieser Veröffentlichung von Ha Jin, dem heutigen Professor für englische Literatur an der Boston University, die Regie führte. Und wie der Erfolgsautor selbst hat auch seine Romanfigur Nan Wu eine große Leidenschaft: die Poesie.
„Ein freies Leben“ von Ha Jin ist im Ullstein Verlag erschienen ISBN 978-3-550-08723-3; unverbindliche Preisempfehlung: EUR (D) 24,90; EUR (A) 25,60; CHF 44,90).
Die gebundenen Füße von Kathryn Harrison
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China von 1878 bis 1926: Es ist die Zeit, in der die europäischen Einflüsse immer sichtbarer sind, aber die alten chinesischen Traditionen weiter tränenreich erzwungen werden. Zu dieser Zeit hat die 1961 geborene Amerikanerin Kathryn Harrison ihre Familiensaga „Die gebundenen Füße“ entstehen lassen.
Der kleinen May werden nach „alter Tradition“ die Zehen gebrochen und unter den Fuß gebunden, damit sie später mit ihren „kleinen Lotusfüßen“ einen reichen Mann heiraten kann. Das Leiden dieses kleinen Mädchens wird nie wieder enden – wie bei Generationen von Frauen zuvor. Da Tradition stets in einem Spannungsverhältnis zum Fortschritt steht, erlebt der Leser mit, wie May nicht nur mit den herkömmlichen Regeln bricht, sondern auch mit der Familie, ihrer Zwangsehe entflieht, sich mit Prostitution ein neues Leben erkauft – und letztlich von dem verträumten Australier Arthur bedingungslos geliebt und geheiratet wird. Aber Glück ist nicht beständig: Die traumatisch verfolgende, längst begrabene Tradition verlangt weiterhin ihren Preis.
Auf 400 Seiten erhält der Leser eine umfangreiche Aufarbeitung nicht nur chinesischer, sondern auch europäischer Kultur und Geschichte, bis hin zum Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Fleißarbeit – sowohl von der Autorin erbracht, als wohl auch vom Leser erwartet.
„Die gebundenen Füße“ von Kathryn Harrison ist im Ullstein Taschenbuchverlag erschienen (ISBN : 978-3-548-26901-6; EUR (D) 8,95; EUR (A) 9,20; CHF 16,90).
Innere Ruhe von Klaus G. Förg
Für asiatische Sprichwörter rund um Gelassen- und Ausgeglichenheit hat der Fotograf Klaus G. Förg die passenden Momente mit der Kamera eingefangen. „Die größte Offenbarung ist die Stille“, zitiert Förg den chinesischen Philosophen Laotse, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte und den Daoismus begründete, in seinem Werk „Innere Ruhe“. Passend bebildert wird das Zitat mit einer meditierenden thailändischen Nonne. Ein anderes Foto zeigt beispielsweise einen älteren Herrn, wie er auf der Stufe vor einer Haustür mit angewinkelten Beinen, ganz entspannt Zeitung liest. „Erfreue dich deines Lebens, es ist schon später, als du denkst“ lautet das dazu ausgewählte chinesische Sprichwort.
„Innere Ruhe“ von Klaus G. Förg ist im Rosenheimer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-475-53836-0).
Heitere Gelassenheit von Klaus G. Förg
Mit dem Geschenkband „Heitere Gelassenheit“ erfreut der Autor und Fotograf Klaus G. Förg seine Fan-Gemeinde erneut mit inspirierenden asiatischen Weisheiten und dazu passenden ausdrucksstarken Fotografien. Momentaufnahmen von Stille und Besinnlichkeit sollen den Betrachter teilnehmen lassen an Harmonie und Frieden. Wir entdecken im Alltäglichen das Einzigartige, in Kleinigkeiten das Große. Die kunstvolle Verschnürung auf dem Buchrücken lässt unsere „Traumreise“ mit Konfuzius, Laotse oder Zhuangzi mit Augen und Fingern gleichzeitig ertasten.
„Heitere Gelassenheit“ von Klaus G. Förg ist im Rosenheimer Verlag erschienen (ISBN 978-3-475-53799-8; UVP: EUR (D) 14,95; EUR (A) 15,40; CHF 24,95). |