Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS ISRAEL
Buchrezensionen von Anita Bolte
Zweite Person Singular von Sayed Kashua
Roman – Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
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Buchinhalt/Buchkritik:
In dem hier vorgestellten Gesellschaftsroman schildert uns der junge Autor Sayed Kashua das Leben, die Ängste und Träume zweier in Jerusalem lebenden Israelis, die – wie er selbst – zwar einen israelischen Pass haben, aber der arabischen Minderheit angehören. Der schüchterne Amir stammt aus einem kleinen arabischen Dorf. Sein früh verstorbener Vater galt als Kollaborateur Israels, und so wuchs er allein mit seiner Mutter auf, von der Familie geächtet und von der Dorfgemeinschaft gemieden. Auch seine Kollegen von der Drogenberatungsstelle haben nur Spott für ihn über, verhöhnen seinen Fleiß und Ehrgeiz.
Als er einen Nebenjob als Pfleger für einen gleichaltrigen jüdischen Komapatienten übernehmen kann, bricht er mit seinem alten Arbeitsverhältnis. Zuerst nur aus Neugierde, nimmt er mehr und mehr die Bücher, die Musik, ja das Leben des kranken Jonathan ein. Unter der neuen Identität wird er als Student für Fotografie an der renommierten Kunsthochschule aufgenommen.
Auch der zweite Protagonist, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, will seine dörfliche Herkunft verleugnen. Er richtet sein ganzes Leben danach ein, so zu sein, wie sie, die jüdischen Israelis. Er baute sein Haus im vornehmen Stadtteil. Er wählte frei und selbstständig vor sieben Jahren eine moderne, intellektuelle Frau. Sie haben eine Tochter und einen Sohn. Die Kanzlei floriert, sie fahren die angesagten Automodelle, haben einen gehobenen Freundeskreis. Und doch kommt er sich ungebildet vor, hat Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben der „anderen“ Israelis. Als er eines Tages einen Zettel seiner Frau Laila an einen Amir findet, glaubt er an eine Liebesaffaire. Eifersucht, Wut und Angst drohen ihn zu zerstören. Er macht sich auf die Suche nach Amir.
Während Amir stets als „Ich-Erzähler“ auftritt, also als „Erste Person Singular“, wird vom Rechtsanwalt stets in der „Dritten Person Singular“ berichtet. Somit geht es beim Buchtitel „Zweite Person Singular“ um das „Du“ oder besser gesagt, um das „Dazwischen“ bei den Staatsbürgern Israels. Nur auf dem Papier sind die Rechte aller Israeli gleich. Dazwischen gibt es Unterschiede: bei der Zimmervermittlung für Studenten, bei Jobs, bei der Wertschätzung.
Ein berührendes, ein ergreifendes Buch, voller menschlicher Sehnsüchte und Irrungen. Eine Muss-Lektüre für jeden, der Israel und Arabien verstehen will.
Der Autor:
Sayed Kashua wurde 1975 als Sohn eines palästinensischen Widerstandskämpfers geboren und gehört zu den etwa 20 Prozent Israelis arabischer Abstammung. Er wuchs in der 20.000 Einwohner zählenden Ortschaft Tira nahe Tel Aviv auf. Als 14-Jähriger erhielt er die Zulassung für die Kunst- und Wissenschaftsakademie in Jerusalem. Viele Jahre war Beit Safafa, das arabische Dorf südlich von Jerusalem, sein Zuhause. Seit neuestem lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im jüdischen Viertel im Westen der israelischen Hauptstadt. Er ist Filmkritiker und Kolumnist der in Tel Aviv erscheinenden Wochenzeitung Ha’Ir. Zweite Person Singular ist sein dritter Roman. 2002 erschien im Berlin Verlag sein Debütroman "Tanzende Araber" (BvT 2004). "Da ward es Morgen" erschien 2005 (BvT 2006). Seit 2006 schreibt er regelmäßig in der Wochenzeitung Haaretz. Er ist zudem Autor der erfolgreichen israelischen Sitcom Avoda Aravit (arabische Arbeit).
Buchtitel: „Zweite Person Singular“
Autor: Sayed Kashua
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
„Guf Sheni Yahid“ bei Keter Books, Jerusalem
Deutsche Ausgabe seit 2011 beim Bloomsbury Verlag, BERLIN VERLAGE
395 Seiten, UVP: € 22,00 (D), ISBN: 978-3-8270-1013-1
Die Libelle von John Le Carré
Roman – Aus dem Englischen von Werner Peterich
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Buchinhalt/Buchkritik:
Libellen sind wohl die auffälligsten Gestalten unter den Insekten. Sie besitzen die Fähigkeit, abrupte Richtungswechsel zu machen, stehen zu bleiben oder auch rückwärts zu fliegen. Dieses Talent stand wohl Pate für die Namensgebung dieses spannenden Romans, in dem es um vieles geht, nur nicht um eines: um Insekten.
In der Spionagestory geht es um Lug und Betrug, um Hass und Liebe, um Tod und Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Die junge englische Schauspielerin Charlie ist zwar talentiert, hat aber bisher wenig aus ihrem Leben gemacht. In all ihrem Sichtreibenlassen sucht sie nach einer sinnvollen Aufgabe, nach einer Bestätigung von Seiten einer nicht wirklich vorhandenen Familie. Durch ihre Londoner Teilnahme bei Veranstaltungen pro Palästina fällt das Interesse des auch in Europa agierenden israelischen Geheimdienstes auf sie.
Die „rote“ Charlie scheint der perfekte und schon lange gesuchte Köder, mit dessen Hilfe die Israelis an die Hintermänner und Drahtzieher von internationalen Terroranschlägen gelangen könnten. Geschickt wird sie umgarnt, manipuliert, zum anscheinend selbst bestimmten „Deal“ geführt. Willig tauscht sie das Theater der Bühne mit dem Theater des Lebens. Der sie in ihre Aufgabe einführende israelische Agent ist ein Meister der Psychologie: Sie soll die Geliebte eines Palästinensers spielen, dem Bruder des weltweit gesuchten Terroristenführers.
Bald weiß Charlie nicht mehr: Ist ihr Lehrmeister der Israeli Joseph oder der Palästinenser Michel? Der Geheimdienst inszeniert ein „wahres“ Theaterstück mit Charlie in der Hauptrolle. Wenn sie Michel lieben soll, liebt sie ihn, und denkt dabei an Joseph. Einmal nur wird ihr der „Geliebte“ auch tatsächlich vorgeführt: als Gefangener des Geheimdienstes. Bald darauf verunglückt er tödlich – angeblich als Bombenkurier. Charlie trauert real.
Fingierte Liebesbriefe werden den Palästinensern in die Hände gespielt. Der arabische Geheimdienst nimmt Kontakt mit der Aktivistin auf. Wie von den Israelis erhofft, holt die gegnerische Seite sie zu sich, bringt sie bis in die Kommandozentrale. Ist sie glaubhaft? Als Genossin Leila lebt und leidet sie mit den Palästinensern, sieht ihr Elend, hasst den Zionismus, möchte bleiben und helfen. Sie wird zur Terroristin ausgebildet und zurück nach Europa geschickt. Das Ziel heißt Deutschland. Wie ist ihr Auftrag? Wer ist ihr Auftraggeber? Wer ist sie selbst? Charlie hat sich verloren. Wen liebt sie – Joseph oder Michel – wer ist wer?
Meisterhaft beschreibt Le Carré die eigentliche menschliche Tragödie des Nahostkonflikts. Geschickt verbindet er Fiktion und Wirklichkeit, stellt die psychologische Kriegsführung mit den internationalen politischen Intrigen glaubhaft dar. Der bereits 1983 erschienene Roman hat bis heute nichts an seiner Aktualität und Brisanz verloren – leider.
Der Autor:
John le Carré (eigentlich David John Moore Cornwell) ist ein englischer Schriftsteller, geboren 1931in Poole, Dorset. Er studierte in Bern und Oxford Germanistik, bevor er in diplomatischen Diensten u. a. in Bonn und Hamburg tätig war. Mit dem 1963 in nur fünf Tagen geschriebenen Roman „Der Spion der aus der Kälte kam“ gelangte er als Bestsellerautor zu Weltruhm. Nach Jahren in Wien und Kreta kehrte Le Carré 1966 nach England zurück und wurde bald einer der international berühmtesten Autoren des anspruchsvollen Spionageromans. Der hier vorgestellte Roman wurde bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen von dem amerikanischen Regisseur George Roy Hill verfilmt. Diane Keaton übernahm dabei die Hauptrolle als israelische Agentin Charlie und Klaus Kinski die des Geheimdienstchef Kurtz.
John Le Carré lebt heute als freier Schriftsteller in Cornwall, England.
Buchtitel: „Die Libelle“
Autor: John de Carré.
Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel
„The Little Drummer Girl“ im Verlag Hodder and Stoughton, London
Deutschsprachige Ausgabe seit 2003 im List Verlag, München
664 Seiten, ISBN: 978-3-471-78091-6, UVP: 20,00 (D), CHF 27.90
Die Zeit wird es zeigen von Mira Magén
Roman – Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die 13-jährige Anna ist von Geburt an gehandicapt. Die Koordination ihrer Beine funktioniert nicht ausreichend, das Gehen ist ein täglicher Kampf. Sie ist ein mageres, kleines Mädchen. Umso größer jedoch sind ihre Sprachgewandtheit und Beobachtungsgabe. Mit ihren Eltern Mike und Cheli, der ein Jahr jüngeren Schwester Naomi und ihrem fünfjährigen Bruder Tom verbringt sie die Sommer am Strand, wo die Familie eine Imbissküche betreibt.
Seit Langem träumt Anna davon, Fahrrad fahren zu können. Obwohl der Vater ihr das bisher aus Sorge um sie verboten hat, kann sie eines Tages nicht widerstehen. Sie „leiht“ sich ein herrenloses Fahrrad aus, und bevor Tom sie verpetzen kann, erlaubt sie ihm, auf dem Gepäckträger zu sitzen. Doch die Fahrt endet nicht gut: Tom verliert den Halt, stürzt auf den Steinboden und fällt ins Koma. Anna wird von Schuldgefühlen zerfressen, erstickt fast am Verschweigen des wahren Tatgeschehens.
Mike und Cheli sind zwei Menschen voller Kraft, Leidenschaft und Selbstvertrauen. Obwohl sie im jeweils anderen den idealen Partner fürs Leben gefunden haben, gewähren sie dem anderen stets die nötigen Freiräume. Jetzt scheinen die Sorgen sie aufzufressen, die Fürsorge für die Familie bringt sie ans Ende ihrer Leistungsfähigkeit. Und dann ist da noch der Küchenjunge Edisso: ein 15-jähriger Äthiopier, schwarz, still und schon viel zu erwachsen und verantwortungsbewusst. Er wird nicht nur für Anna zur Stütze in der schwersten Zeit der Familie.
Dieser eindringliche Roman behandelt das Leben einer israelischen Familie. Jeder sorgt sich um den jeweils anderen, will ihn vor Verletzungen und Enttäuschungen bewahren. Zum Spagat zwischen Religion, Tradition und Überleben in einer modernen kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft kommen die täglichen Kämpfe um Zeit, Geld oder Liebe. Jeder durchläuft und verarbeitet das Erlebte in unterschiedlichen Prozessen. Wird die Familie der Zerreißprobe des Schicksals standhalten können?
Mira Magén schreibt voller Gefühl und Sinnlichkeit, verleiht dem einfachen Moment einen ganz besonderen Zauber, nimmt dem großen Geschehen die Gewalt. Die Autorin ist eine wahre Meisterin der Darstellung voller Lebenserfahrung, mit viel Herz und Gefühl.
Die Autorin:
Mira Magén wurde Anfang der fünfziger Jahre in Israel als Tochter eines Bauern geboren und wuchs mit vier Geschwistern in Kfar Saba auf. Ihre Eltern flohen während des Dritten Reiches vor den Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei. Aus einer strenggläubigen orthodoxen Familie stammend, ist ihr Lebenslauf von religiöser Erziehung und gleichzeitiger Revolte geprägt: Sie diente in der Armee, studierte danach Psychologie und Soziologie. Es folgen Ehe und Kinder, alle fünf Jahre ein anderer Beruf: Lehrerin, Sekretärin, Krankenschwester und schließlich Schriftstellerin. Mira Magén lebt in Jerusalem und zählt zu den bedeutendsten Autorinnen ihres Landes. Dabei schreibt sie über Themen, die für manch anderen noch tabu sind. Ihr Werk, das Romane und Erzählungen umfasst, wurde u.a. mit dem Preis des Premierministers 2005 ausgezeichnet.
Buchtitel: „Die Zeit wird es zeigen“
Autorin: Mira Magén
Die hebräische Originalausgabe erschien 2008
Unter „Jamim jagidu, Anna“ bei Keter Books
Deutschsprachige Ausgabe 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag, München
396 Seiten, UVP: € 14,90 (D), € 15,40 (A), CHF 22,90
ISBN: 978-3-423-24747-4
Die Verheißung von Sahar Khalifa
Roman – Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
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Buchinhalt/Buchkritik:
Der Ich-Erzähler Ibrahim ist Moslem und arbeitet als Lehrer in einer Dorfschule in der Nähe Jerusalems. Er wohnt bescheiden in einem ehemaligem Stallgebäude und träumt von einem selbstbestimmten Leben als freier Schriftsteller. Ein Leben wie das seiner geschiedenen Eltern lehnt er ab: Der Vater ist ein erfolgreicher, nach immer noch mehr Kapital strebender Bauunternehmer, seine Mutter frustriert, vom Schicksal enttäuscht.
In der schönen Mariam glaubt er seine große Liebe gefunden zu haben. Von der Familie aus Brasilien zusammen mit ihrer Mutter zurück nach Israel geschickt, lebt sie hier als wohlhabende Christin in den Tag hinein, voller Sehnsucht nach ihrer südamerikanischen Heimat. Die Trauer um den frühen Tod eines jüngeren Bruders weckt in ihr den Wunsch nach einem Leben im Kloster. Ibrahim und Mariam kommen sich trotz aller Unterschiede näher. Als sie von ihm schwanger wird, fürchtet Ibrahim die Konsequenzen. Gleichzeitig eskaliert 1967 die politische Lage, der Nahostkonflikt entwickelt sich zum Krieg. Ibrahim entzieht sich der Verantwortung und meldet sich zur Armee.
Die Erzählung beginnt Jahrzehnte später, als Ibrahim in die palästinensischen Gebiete zurückkehrt, nach mehreren gescheiterten Ehen, auf die Suche nach seinem verlorenen Glück. Doch nicht nur Mariam mit „seinem“ Kind sind schwer auffindbar, auch Jerusalem ist nicht wieder zu erkennen. So vieles hatte sich verändert, „aus Westjordanland wurde Palästina“ – „Und zuletzt ging alles verloren, ja sogar Jerusalem.“
Khalifa erzählt in melancholischem Stil mit zum Teil verstörenden Worten das Leben im damaligen und heutigem Israel. Der Wandel Jerusalems und seiner so unterschiedlichen Einwohner und Besucher ist nachvollziehbar. Die Person des Protagonisten Ibrahims erscheint als alter wohlhabender Mann wie auch als pubertierender Jüngling oft widersprüchlich.
Die Autorin:
Sahar Khalifa wurde 1941 in Nablus, Palästina, geboren. Mit 18 Jahren ging sie eine traditionelle Ehe ein, die 13 Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte in den USA und arbeitete als Dozentin an der Universität Bir-Zait. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Heute lebt sie in Nablus und Amman. Für ihren Roman »Die Verheißung« erhielt sie 2006 in Kairo die Nagib-Machfus-Medaille
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Buchtitel: „Die Verheißung“
Autorin: Sahar Khalifa
Die Originalausgabe erschien 2002 bei Dar al-Adab in Beirut
Deutsche Erstausgabe 2004 im Unionsverlag, Zürich,
seit 2007 als Taschenbuch
256 Seiten, UVP: € 9,90 (D), 15,90 CHF
ISBN: 978-3-293-20391-4
Ein schönes Attentat von Assaf Gavron
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
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Buchinhalt/Buchkritik:
Der Nahostkonflikt gehört in Tel Aviv, Israels „Weißer Stadt“ am Mittelmeer, längst zum Alltagsgeschehen. Hier arbeitet Eitan Einoch, ein junger und erfolgreicher Israeli, in einer Hightech-Firma an der Entwicklung von Computerprogrammen, die weltweite Zeitersparnis versprechen.
Eines Morgens, als er wie immer mit dem Minibus zur Arbeit fährt, spricht eine ältere Frau ihn auf das „verdächtige“ Aussehen eines Mitfahrers an. Doch er beschwichtigt sie, ebenso einen darauf besorgt reagierenden jungen Fahrgast, der ihm für den „Fall des Falles“ eine Mitteilung für seine Freundin daheim in Jerusalem geben will. Kurz nachdem er bei seiner Firma ausgestiegen ist, detoniert der Kleinbus.
Eitan, auch das „Krokodil“ genannt, quälen Gewissensbisse: War er zu unbesorgt gewesen? Hätte er auf die Frau oder den jungen Mitreisenden eingehen müssen? Hätte er die anderen retten können? Warum hatte der Attentäter gewartet, bis er ausgestiegen war? In den nächsten Tagen wird für ihn nichts mehr so sein, wie vorher. Um die Botschaft an die Freundin des Unbekannten zu überbringen, fährt er kurzentschlossen nach Jerusalem. Auf dem Weg dorthin gelangt er in seinem Auto unter Beschuss. Er überlebt und ebenso zwei Tage später bei einem Selbstmordattentat in einem Café in der Jerusalemer Innenstadt. Obwohl stets direkt neben ihn Menschen sterben, bleibt er wie durch ein Wunder unversehrt. Er wird von den Medien entdeckt und ist bald das Gesprächsthema Nr. 1. Doch er scheint traumatisiert, weicht mehr und mehr von seinem früheren Tagesablauf ab.
Zeitgleich erzählt uns der Autor Assaf Gavron aber auch vom jungen Palästinenser Fahmi Sabih. Er liegt im Koma, reagiert minimal auf die Außenwelt, auf Musik und die Stimme seiner innig geliebten Schwester. Er soll ein Attentäter sein, und einen Anschlag auf einen Israeli namens „Krokodil“ verübt haben. Aufgewachsen in einem Bergdorf, bekommt er die Entbehrungen und Diskriminierungen durch die israelische Besetzung hautnah mit. Erst vor Kurzem verlor die Familie die Mutter. Schuld waren Trinkwassermangel und von den Besatzern verweigerte Hilfe. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis Fahmi bei seinem fanatischem Bruder und der Intifada landet.
In diesem Buch gibt der Autor dem Opfer des Terrors wie auch dem Attentäter ein menschliches Antlitz. Durch die abwechselnde Darstellung zweier getrennter Geschichten bewegen beide Personen sich aufeinander zu. Fast könnten sie Freunde werden, wären da nicht diese vielen von der großen Politik verschuldeten Hindernisse. Es scheint, es gibt keine Lösung und kein Ende. Nicht für Eitan Einoch und nicht für Fahmi Sabih. Weder für die Israelis noch für die Araber – und auch nicht für die Geschichte dieses Buches. Assaf Gavron lässt den Leser sich in beide Seiten mit Verständnis und ohne Vorurteile hinein versetzen. So dass auch wir am Ende ratlos sind und nur noch auf ein Wunder im Nahostkonflikt hoffen. Vielleicht können solche Bücher von solchen Schriftstellern dazu beihelfen.
Der Autor:
Assaf Gavron wurde 1968 geboren, wuchs in Jerusalem auf, studierte in London und Vancouver und lebt heute in Tel Aviv. Er hat vier Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Gavron ist als einer der originellsten Schriftsteller, in seiner israelischen Heimat der absolute Bestsellerautor. Außerdem hat er u.a. Jonathan Safran Foer und J.D. Salinger ins Hebräische übersetzt, ist Sänger und Songwriter der israelischen Kultband „The Mouth and Foot“ und war im Schreibteam des Computerspiels „Peacemaker“, das den Nahost-Konflikt simuliert. Einer seiner Romane wird gerade verfilmt.
Buchtitel: „Ein schönes Attentat“ , Autor: Assaf Gavron
Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel „Tanin pigua“ bei Kinneret Zmora Dvir, Tel Aviv, Deutschsprachige Ausgabe 2008 Luchterhand Literaturverlag München
Taschenbuchausgabe 2010 btb Verlag München
350 Seiten, UVP: € 9,00 (D), € 9,30 (A), CHF 15,50, ISBN: 978-3-442-74008-6
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