Asiatische Literatur - GESCHICHTEN AUS INDIEN
Buchrezensionen von Anita Bolte
Doktor Wakankar von Uday Prakash
Aus dem Leben eines aufrechten Hindus
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Buchinhalt:
In dem hier vorliegendem Roman erzählt Uday Prakash aus dem Leben eines indischen Arztes. Doktor Wakankar ist ein aufrechter, gesetzestreuer und tief religiöser Mensch. Er kämpft gegen die herrschende Korruption und dem weit verbreiteten Opportunismus im Land. Er ist unbestechlich, nimmt Nachteile und Strafversetzungen in Kauf – auch wenn ihm deshalb seine Frau und seine vier Töchter mitunter leid tun. Dass einfache Volk erkennt schnell seine Qualitäten als Arzt und sein Ruf der Menschlichkeit verbreitet sich rasant. Er schreibt medizinische Artikel, die in internationalen Fachzeitschriften erscheinen. Daraufhin erfolgte Einladungen nach Deutschland und England geben ihm seine Behörden aber zu spät. Neben all seiner Arbeit engagiert sich Doktor Wakankar sein Leben lang in der „Sangh“-Vereinigung. Doch als diese Hindupartei tatsächlich an die Macht gelangt, unterscheidet sie sich in nichts von allen vorherigen Machthabern. Hochgesteckte Ziele und Ideale weichen der Profitgier und dem Karrieredenken. Der vorherige moralisch und religiös begründete Verhaltenskodex scheint vergessen. Doktor Wakankar ist gesundheitlich schwer angeschlagen und steht vor der schwersten Entscheidung seines Lebens.
Informationen über den Autoren & Preise:
Uday Prakash ist ein indischer Autor, Fernsehproduzent und Journalist und wurde 1952 in einem Dorf in Madhya Pradesh geboren. Er schreibt seine Bücher in Hindi. Das hier vorgestellte Werk wurde von einer bedeutenden indischen Literaturzeitschrift zum besten Hindi-Roman der letzten zwei Jahrzehnte gewählt. Der im Herbst 2003 gegründete Draupadi Verlag in Heidelberg, der die Romane Uday Prakash in deutscher Übersetzung herausgibt, ist ein Verlag für Indien. Er verlegt ausschließlich indische Literatur und Sachbücher über Indien.
Das Buch erschien im Original bereits 1992. Da der Autor ungeschönt die Missstände in der indischen Gesellschaft anprangert, kann man ihn als politischen Roman einstufen.
Buchtitel: „Doktor Wakankar – Aus dem Leben eines aufrechten Hindus“
Autor: Uday Prakash
Erscheinung der deutschen Ausgabe: Juni 2009 im Draupadi Verlag Heidelberg
112 Seiten
UVP: EUR 12,80 / 19,80 CHF
ISBN 978-3-937603-32-2
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Immer wieder Gandhi von Vikas Swarup
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Buchinhalt/Buchkritik:
Nach Vikas Swarups Bestseller „Rupien! Rupien!“ (vorgestellt in SIAM HEUTE, Ausgabe 04/2009) erschien endlich im Januar dieses Jahres sein 2008 auf Englisch veröffentlichter zweiter Roman auf Deutsch. In „Immer wieder Gandhi“ lässt sich der Enthüllungsjournalist Prem Kalra auch vom mächtigen und kriminellen Innenminister Indiens nicht einschüchtern. In seinen Kolumnen prangert er unerschrocken die Machenschaften der Reichen an. Seit Jahren legen diese das Gesetz nach ihrem Belieben und zu ihren Gunsten aus, so wie Vicky Rai, der kaltblütige Sohn des Innenministers. Dieser feiert eine rauschende Party. Anlass ist der „gekaufte“ Freispruch von seiner Mordanklage an das Barmädchen Ruby Gill. Weil diese sich weigerte, ihm nach der Sperrstunde einen weiteren Drink zu servieren, erschoss er sie brutal. Doch auf dieser Party wartet sein eigener Mörder. Die Kugel trifft ihr Ziel. Die Polizei ist vor Ort, alle Anwesenden werden kontrolliert. Sechs Personen sind im Besitz einer Pistole und werden umgehend festgenommen. Aber wer ist der Mörder?
Diese sechs Verdächtigen kreuzten auf zum Teil irrsinnigste Art den Weg des Opfers und könnten unterschiedlicher nicht sein. Und jeder von ihnen hat ein Motiv für die Tat. Da ist Mohan Kumar, der seit seiner Pensionierung als Staatsminister unter seiner schwindenden Macht leidende Bürokrat. Zusätzlich wird er zeitweise vom Geist Gandhis besessen, der ihn zu Handlungen wider seines eigenen Willens zwingt. Die 23-jährige Schauspielerin Shabnam Saxena ist der neue Star Indiens. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, versucht sie einen Spagat zwischen Ruhm und Anstand. Eketi, der junge, lebenshungrige Stammenangehörige der Onges, wurde von seinem aussterbenden Inselvolk los geschickt, um ihren heiligen, aber leider gestohlenen Stein zurückzuholen. Ebenfalls auf der Suche nach Glück ist Munna Mobile. Als Taschendieb ist er recht erfolgreich. Als eines Tages ein Koffer voller Geld in seine Hände fällt, wird das erträumte Leben von Wohlstand greifbar, und er begegnet der Liebe seines Lebens. Auch der Amerikaner Larry Page ist in Sachen Liebe nach Indien gereist. Er ist Gabelstaplerfahrer bei Walmart, hat Ähnlichkeit mit dem Hollywood-Schauspieler Michael J. Fox und trägt nur zufällig den gleichen Namen wie der berühmte Erfinder von Google.Der letzte Verdächtige ist der Innenminister selbst, Jogannath Rai.
Mit diesem Werk wird Vikas Swarup seine Leserschaft begeistern. Meisterhaft ist es ihm gelungen, die verschlungenen Wege der Akteure zusammen zu führen. Nie verlor er einen noch so verworrenen Faden der Handlungen, was dem Leser durchaus passieren kann. Das Romanende ist unerwartet, durchaus plausibel, aber vielleicht doch nicht das Ende!?
Buchtitel: „Immer wieder Gandhi“
Autor: Vikas Swarup
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04165-1
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Rupien! Rupien! von Vikas Swarup
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Buchinhalt/Buchkritik:
Weltweit berühmt wurde Vikas Swarups Geschichte über einen armen indischen Jungen, der dank Quiz-Show zum Millionär wird, als Film mit dem Titel „Slumdog Millionär“. Der Originaltitel des 2005 veröffentlichen Romans lautet „Q&A“ (Questions & Answers). Auf Deutsch ist die großartige Story über ein Leben zwischen Wellblechhütte und Glaspalast, zwischen Überlebenskunst und Überfluss unter „Rupien! Rupien!“ erhältlich.
Ram Mohammad Thomas, ein armer indischer Kellner, gewinnt in der indischen Variante von „Wer wird Millionär“ eine Milliarde Rupien, den bisher höchsten Gewinn überhaupt. Doch die Produzenten verweigern die Auszahlung und lassen den Kandidaten verhaften. Wie kann eine arme 18-jährige Vollwaise ohne jede Schulbildung die Antworten auf die gestellten zwölf Quizfragen wissen? Das kann und darf nur Betrug sein! Mit Folter soll einer Unterschrift auf ein entsprechendes Geständnis nachgeholfen werden. Da erscheint wie ein rettender Engel aus dem Nichts eine junge Anwältin. Nur eine Nacht bleiben ihr und dem „Slumdog Millionär“ als Vorbereitung für die Gerichtsverhandlung, eine Nacht für die Geschichte seines Lebens. Denn nur sie lieferte ihm die erforderlichen Antworten. „Ich hatte Glück, es wurden nur Fragen gestellt, auf die ich die Antwort wusste.“
Der Leser erlebt mit, wie der kleine Junge als Säugling in einer Altkleidertonne entsorgt wird, Schwestern eines Waisenhauses ihn aufnehmen, Adoptiveltern aber erst nach zwei Jahren gefunden werden – um ihn doch nur nach wenigen Tagen wieder zu verlassen. Jedoch beginnt jetzt die glücklichste Zeit im Leben des Kindes: Vater Timothy, ein christlicher Priester, sorgt für ihn, gibt ihm ein Zuhause, lehrt ihn sogar die englische Sprache. Doch auch dieses Glück dauert nur kurze Zeit an. Es folgen erniedrigende Jahre im Waisenhaus, „Verkauf“ an Gangster, Flucht, ein Leben auf der Straße – und immer wieder Augenblicke von Freundschaft, Vertrauen und Liebe.
Der Roman liest sich spannend und temporeich. Die einzelnen Schauplätze wechseln zeitlich wie auch örtlich zwischen Delhi und Mumbai (seit 1997 die offizielle Bezeichnung von Bombay). Obwohl er bedrückende Themen behandelt wie Kinderarbeit, Verstümmelung, Prostitution, wird doch die Intelligenz und Schlauheit des Einzelnen hervorgehoben. Das Buch wurde inzwischen in fast 30 Sprachen übersetzt. Danny Boyles Verfilmung „Slumdog Millionär“ aus dem Jahre 2008 gewann gleichermaßen die Gunst von Publikum und Filmindustrie: Bei den Filmpreis-Verleihungen 2009 gingen allein vier Golden Globes und acht Oscars an Slumdog Millionär.
Buchtitel: „Rupien! Rupien!“
Autor: Vikas Swarup
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch
UVP:EUR (D) 8,95; EUR (A) 9,20; CHF 16,90
ISBN: ISBN 978-3-462-03738-8
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Der weiße Tiger von Aravind Adiga
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Buchinhalt/Buchkritik:
In einem ungewöhnlichen Stil lässt Aravind Adiga seinen Antihelden Balram den Erfolg seines Lebens erzählen, vom einfachen Diener ohne Schulabschluss zum erfolgreichen Unternehmer. Gleichzeitig zeichnet er mit Witz, Ironie und fragwürdiger Moral ein Porträt der indischen Gesellschaft.
Balram Halwai sitzt nachts allein in seinem 15 Quadratmeter großen Büro. Eine Radiosprecherin informiert über den bevorstehenden Besuchs des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Bangalore – Balrams Stadt und der Hightech-Metropole Indiens schlechthin. Hier will die chinesische Delegation von erfolgreichen Unternehmern hören und lernen – aber Balram will sie vor den falschen Informationen bewahren, denn die wahre Erfolgsstory – das ist seine. Und so mailt er in dieser und den folgenden Nächten seine Geschichte: Als „Munna“ (Junge) namenlos bis zur Einschulung, vom Dorfschullehrer mit „Balram“ (Begleiter des Gottes Krishna) versehen, wird er danach für eine kluge Antwort mit „der Weiße Tiger“ betitelt. Balram will seinem kleinen Dorf und der Großfamilie entfliehen, träumt von einem versprochenen Stipendium – doch Großmutter Kusum, die Familienregentin, schickt ihn zum Arbeiten ins Teehaus, denn der Name „Halwai“ bedeutet Zuckerbäcker. Er muss Diener sein, wie all die anderen vor ihm und nach ihm auch. Aber Balram erkennt, dass er – wenn schon kein origineller Denker – so doch ein origineller Zuhörer sein kann. Und so lernt er durch Lauschen: Als Fahrer kann man mehr verdienen als ein Tellerwäscher. Er erschleicht sich eine Ausbildung zum Chauffeur, eine Anstellung als solcher ebenso, er dient und bedient seinen Herrn rund um die Uhr und muss doch erkennen: Er bleibt ein Sklave im großen indischen Hühnerkäfig. Es gibt nur noch zwei Kasten, die zählen: gefressen und gefressen werden. Er lernt: Nur wer Geld hat, hat das Sagen, wer das Sagen hat, bekommt noch mehr Geld. Und wie kommt er zu Geld? Notfalls durch Mord. „What a fucking joke“, wie der Romanheld, beeinflusst von der Frau seines Chefs, zu sagen pflegt.
Informationen über den Autoren:
Der 1974 in der indischen Stadt Madras geborene und bisher als Korrespondent arbeitende Schriftsteller Aravind Adiga hat mit seinem 2008 erschienenen Erstlingswerk „Der weiße Tiger“ größtes Aufsehen erregt. Die erfolgreiche Bilanz: Publikation in 16 Ländern und die Auszeichnung mit dem Man Booker Preis 2008.
Buchtitel: „Der weiße Tiger“
Autor: Aravind Adiga
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: C.H. Beck
UVP: EUR (D) 19,90; EUR (A) 20,50; CHF 35,90
ISBN: 978-3-406-57691-1
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Die geschenkte Nacht von Rana Dasgupta
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Buchinhalt/Buchkritik:
Seine Erfahrungen als Weltbürger verwendet der 1971 in Canterbury geborene indisch-englische Autor Rana Dasgupta für den Ausgangspunkt seines Debütromans. In „Die geschenkte Nacht“ sitzen die Insassen einer Boeing 747 im Schneesturm irgendwo auf einem einsamen Airport auf dem Weg nach Tokio fest. An einen Weiterflug ist vorerst nicht zu denken. Die Fluggäste werden so gut es geht auf verfügbare Hotels aufgeteilt. Doch für die letzten 13 Reisenden ist kein Platz mehr zu bekommen. Die Nacht in der Wartehalle bricht an. Ein Passagier schlägt vor, sich die Zeit mit Geschichten erzählen zu vertreiben, denn „... wir kennen uns nicht gut genug, um schweigend dazusitzen“. Und so erfährt der Leser jetzt Märchenhaftes über einen japanischen erfolgreichen Geschäftsmann, der eine Puppe bastelt, sich in sie verliebt und zum Leben erweckt; über einen Milliardär, der sein Leben lang ohne Schlaf auskommt oder über einen Vatermörder, der sich heimlich einmauern lässt, um endlich genügend Raum und Stille für geistige Entfaltung zu haben. Den Leser erwarten dreizehn Erzählungen, die zwar fiktiv sind, aber in der heutigen Zeit und an realen Plätzen spielen. Eine literarische Weltreise mit Stationen in London, Frankfurt, New York, Istanbul, Marseille, Warschau, Buenos Aires und Neu Delhi nimmt ihren Lauf.
Buchtitel: „Die geschenkte Nacht“
Autor: Rana Dasgupta
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: Wilhelm Heyne Verlag
UVP:UR (D) 9,95; EUR (A) 10,30; CHF 18,90
ISBN:
978-3-453-40524-0
Erhältlich u. a. bei Amazon. |