Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS DEM IRAK
Buchrezensionen von Anita Bolte
Die Sirenen von Bagdad von Yasmina Khadra
Roman – Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
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Buchinhalt/Buchkritik:
2003: Es ist Krieg im Irak. Die Amerikaner haben das Land besetzt, es längst befreit von seinem Diktator Saddam Hussein. Das Leben in Kafr Karam, einem kleinen Dorf in der Wüste, ist zum Stillstand gekommen. Der hier Erzählende, bisher Student in Bagdad, ist wieder daheim bei der Familie. Man schlägt die Zeit tot, trifft sich, diskutiert. Doch plötzlich hat das beschauliche Leben ein Ende. Alles fängt mit Suleiman an, dem geisteskranken Sohn des Schmieds. Er wurde das tödliche Opfer der amerikanischen Armee.
Ein Irrtum – „leider“! Die Soldaten wie auch die irakische Polizei machen kein großes Aufheben wegen des „Missverständnisses“. Hätte nur der amerikanische Oberbefehlshaber dem Dorfschmied kein Schmerzensgeld angeboten – denn für einen trauernden Muslimen gibt es keine Entschädigung. Im Dorf brodelt es, die jungen Männer revoltieren. Unser Erzählende, der die Tragödie hautnah miterlebte, aber verkriecht sich. Er war nie stark, eher ein Träumer, ein von seinen Schwestern umhegter Feingeist.
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Während einer Hochzeitsfeier schlagen Raketen ein, töten 17 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder. Wenige Tage später dringt ein Trupp GIs nachts in die Häuser ein, zerrt die Menschen aus ihren Betten. Bei ihrer Suche nach Waffen und Aufständischen zerstören sie nicht nur die kleinen individuell wichtigen Habseligkeiten. Sie verletzen vor allem die Würde und Ehre der Beduinen. Sein alter, gebrechlicher Vater liegt vor ihnen, unbekleidet hervorgezehrt, verspottet. Grenzenloser Hass fährt in den einzigen Sohn der Familie. Er weiß, es liegt an ihm, die zugefügte Schmach zu rächen, und koste es das eigene Leben.
Er macht sich umgehend auf dem Weg nach Bagdad. Der öffentliche Busverkehr dorthin ist längst zum Erliegen gekommen. Die Reise ist mühsam und gefährlich. Und auch die Stadt selbst ist kaum wieder zu erkennen. Die meisten Hotels haben geschlossen. Kinderbanden, Diebe und Bettler bestimmen das Straßenbild. Er schließt sich den Dschihadisten an, obwohl er sich bei ihnen fremd fühlt. Nur der Hass verbindet sie. „Ein anderer war in meine Haut geschlüpft. Ich war fassungslos, mit welcher Leichtigkeit man von einer Welt in die andere hinüberwechselte.“ Er wird nach Beirut geschickt, ausgesucht für einen Spezialauftrag, zur Vorbereitung für die alles übertreffende Mission. Er denkt nur noch selten selbst. „Was habe ich aus meinem Schicksal gemacht? Einundzwanzig verpfuschte Jahre. Das ist die einzige Gewissheit, die mir bleibt.“
In diesem schonungslosen wie einfühlsamen Roman wird dem Leser allzu klar, wie schnell Integrität durch radikalisierte Kräfte fehlgesteuert, missbraucht werden kann. Welche verheerenden Folgen unüberlegtes „ehrverletzendes“ Verhalten auslösen kann, für den Einzelnen ebenso wie für ein ganzes Volk.
Der Autor:
Yasmina Khadra ist das Pseudonym des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier der algerischen Armee konnte er sein Inkognito, welches die Vornamen seiner Frau sind, erst lüften, als er im Dezember 2000 mit seiner Familie ins französische Exil ging. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der arabischen Welt.
Buchtitel: „Die Sirenen von Bagdad“
Autor: Yasmina Khadra
Ersterscheinung: 2006 „Les Sirénes de Bagdad“
bei Editions Julliard, Paris
für die deutschsprachige Ausgabe: 2008 im Carl Hanser Verlag, München
seit 2010 im Deutschen Taschenbuchverlag München (dtv)
315 Seiten, UVP: € 9,90 (D), 15,90 CHF
ISBN: 978-3-423-13865-9
Das dunkle Schiff von Sherko Fatah
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Buchinhalt/Buchkritik:
Kerim lebt mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Brüdern im Norden Iraks. Die Familie hat gelernt, mit Krieg zu leben und zu überleben. Sie akzeptiert die Repression der Diktatur Saddam Husseins. Der Vater, Inhaber und Koch eines kleinen Gasthauses am Rande der Berge, ist arbeitsam und wortkarg. Dass er eher ein Mann ohne Glauben ist, weiß er geschickt zu verbergen. Als eines Tages zwei Geheimdienstler in seinem Restaurant ungehörig auftreten, gebietet er ihnen Einhalt und bezahlt das mit seinem Leben. Fortan übernimmt der noch junge Kerim die Arbeit und Verantwortung anstelle des Vaters. Sein Schülertraum von einer Karriere im Ausland zerplatzt.
Als er allein mit dem vollgepackten Auto zum jährlichen Besuch bei den Großeltern in den Bergen unterwegs ist, wird er von „Gotteskriegern“ gefangen genommen. Seine Todesangst weicht einer Bewunderung zu dem „Lehrer“ der Gruppe. Niemals hat jemand so mit ihm gesprochen, auch nicht der Vater. Er spürt, wie sehr ihn der Ruf des Glaubens erreicht. Doch ihre Brutalitäten schrecken ihn ab, lassen ihn zweifeln. Als ein neugewonnener Freund aus der Gruppe als Selbstmordattentäter geopfert wird, reift sein Plan zur Flucht, bevor er selber zum Todeskandidat erwählt wird.
Er findet einen „väterlichen“ Helfer, und befindet sich bald auf einer Odyssee nach Westen. Als blinder Passagier eines Frachtschiffes entdeckt und auf See ausgesetzt, gelangt er dennoch irgendwann nach Deutschland, Der hier lebende Bruder seines Vaters nimmt ihn erfreut auf, hilft ihm durch den Dschungel der Bürokratie. Kerim lernt die deutsche Sprache, lernt eine deutsche Frau kennen. Seinem Antrag auf Asyl wird stattgegeben. Doch seine Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln. Die regelmäßigen Anrufe bei seiner Mutter beginnen, ihm Mühe zu machen. Mehr und mehr wird er sich seiner Einsamkeit bewusst. Das ständige Gefühl, ein Gast zu sein, macht ihn krank. Und immer öfter fallen ihm die Worte des Lehrers bei den „Gotteskriegern“ ein ... .
Der Autor:
Sherko Fatah wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren. 1975 siedelte er mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin über. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Der hier vorgestellte Roman ist sein viertes Werk und kam auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008. Es ist ein gelungener Roman mit Spannung und einem realen politischen Hintergrund. Es wird erkennbar, dass nicht der Islam sondern dessen Extremismus der Kern des Problems ist.
Buchtitel: „Das dunkle Schiff“
Buchautor: Sherko Fatah
Erscheinung in Deutschland: 2009 btb Verlag, München
448 Seiten
UVP: EUR (D) 10,-- (D), EUR (A) 10,30, CHF 18,90
ISBN: 9978-3-442-73907-3
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