|
|
Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS DEM IRAN
Buchrezensionen von Anita Bolte
Der Colonel von Mahmut Doulatabadi
Roman – Aus dem Persischen und mit einem Nachwort von Bahman Nirumand
 |
Buchinhalt/Buchkritik:
Dieses ist die Geschichte vom Untergang Persiens. Seit 1979 wütet die Revolution im Lande. Der Colonel, einst Offizier der persischen Armee des Schahs, sieht durch die gesprungene Scheibe seines Fensters seinen Lebensinhalt und -sinn davoneilen. Die Revolution raubt ihm seine Kinder. In dieser Nacht werden Beamte an seine Tür klopfen und ihn auffordern, Parwaneh, seine jüngste Tochter, mit dreizehn Jahren fast noch ein Kind, während der Nacht zu beerdigen.
„Zur Nachtzeit werden die Verbrechen begangen. Zur Nachtzeit werden sie vorbereitet, zur Nachtzeit werden sie vertuscht.“ Seine Frau ist tot – gestorben durch seine eigene Hand, sein mittlerer Sohn liegt begraben. Amir, sein Ältester, vegetiert im Keller, traumatisiert nach endlos langen Verhören durch den Folterer des Schah-Regimes.
Der Colonel hatte jedem seiner fünf Kinder seinen eigenen Weg gehen lassen. Nun lässt ihn der Gedanke keine Ruhe, ob das schreckliche Schicksal, das jedem von ihm widerfährt, nicht doch auf seine Erziehungsmethode zurückgeführt werden muss. Andererseits ist er der Ansicht, dass ein Mensch, der Zwängen unterliegt, nur ein halber Mensch sein kann. Seine Tochter Farzaneh ist mit dem sich stets auf die Seite des jeweils Mächtigen stellenden Schurken Ghorbani verheiratet. So ist sie für die Familie des Colonels aber vor allem für sich selbst schon längst verloren.
„Alles, was wir tun oder nicht tun, führt zum selben Ergebnis: Schuld und Verrat.“ Unentwegt steht der Colonel am Fenster, den Blick suchend. „Meine Kinder, meine Kinder.“ Diese Nacht hat er seine Jüngste begraben. Doch bei Tage werden sie seinen jüngsten Sohn bringen: Masud, der den Märtyrertod starb. „Wäre man nur besser vorbereitet auf solche Zeiten.“ Für den Colonel gibt es jetzt keinen Grund mehr, sich zu fürchten. Er besitzt nichts mehr, dessen Verlust er fürchten muss.
„Der Colonel“ ist die erste große literarische Verarbeitung dieser dramatischen Zeit. Sprachgewaltig wie auch voller Melancholie vermittelt uns Mahmut Doulatabadi in einzigartiger Deutlichkeit jene Schrecken und Gräuel. Er gibt dem Sterben ein Gesicht, ja – selbst der Tod ist gnädiger als der Folterer. Was der Colonel, hier stellvertretend für ein ganzes Volk stehend, erlebt, ist die Hölle – ein Dasein, dessen Ende sehnlichst herbei gesehnt wird. „Niemanden sollte es verwundern, dass der Roman in der Heimat des Autors bislang nicht im Original erschienen ist“, sagt der Übersetzer in seinem Nachwort.
Die Autor:
»Ich komme vom Rande der Salzwüste, ich schreibe am Abgrund der Welt, ich zweifle ...« Mahmud Doulatabadi wurde 1940 im Nordosten des Irans geboren und arbeitete in der Landwirtschaft und als Handwerker. Später absolvierte er die Theaterakademie in Teheran und war eine Zeitlang Schauspieler. Aus politischen Gründen war er zwei Jahre in Haft. Hinter dieser kurzen Aufzählung seines Schaffens steckt ein bewegtes, leidenschaftliches Leben. Heute lebt er mit Frau und drei Kindern in Teheran als freier Schriftsteller und Universitätsdozent für Literatur. Er hat zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays veröffentlicht und gilt als bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen persischen Prosa.
Buchtitel: „Der Colonel“
Autor: Mahmut Doulatabadi
Die Originalausgabe 2008 zur Veröffentlichung vorgelegt,
aber im Iran nicht freigegeben (geschrieben bereits 25 Jahre vorher)
Weltweite Erstausgabe 2009 (auf Deutsch) beim Unionsverlag Zürich
seit Juli 2010 als Taschenbuch, 224 Seiten, UVP: € 9,90 (D), CHF 15,90
ISBN: 978-3-293-20499-7
|
|

|