Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS JAPAN
Buchrezensionen von Anita Bolte
Die Umarmung des Todes von Natsuo Kirino
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Buchinhalt/Buchkritik: Zur Nachtschicht in einer Lunchpaket-Fabrik am Rande Tokios treffen sich regelmäßig vier Kolleginnen und sind bei der Fließbandarbeit ein eingespieltes Team: Masako, ehemalige Bankerin, bis sie als Opfer von Mobbing die Firma verließ, ist eine von ihnen. Ihr Mann Yoshiki und sie leben nur noch nebeneinander her, ihr gemeinsamer 17-jähriger Sohn Nobuki, von der Schule verwiesen, spricht zu Hause seit langem nicht mehr.
Die 33-jährige Kuniko, übergewichtig und konsumsüchtig, lebt ständig über ihre Verhältnisse. Als ihr Lebensgefährte ohne Abschied und Bekanntgabe neuer Adresse die gemeinsame Wohnung verlässt, machen Gläubiger und Kredithaie ihr das Leben schwer.
Yoshie, die älteste des Quartetts und von den anderen respektvoll „Meisterin“ genannt, ist Witwe und pflegt am Tage aufopfernd ihre bettlägerige Schwiegermutter. Miki, ihre jüngere Tochter geht zur Oberschule und entgleitet ihrer Aufsicht immer mehr. Zu der älteren Tochter hat sie den Kontakt gänzlich verloren.
Yayoi, eine bildhübsche junge Frau, Mutter von zwei kleinen Söhnen, arbeitet, spart und träumt vom eigenen Haus. Ihr Ehemann Kenji geht seit einigen Wochen eigene Wege, bringt kein Geld mehr nach Hause, kümmert sich kaum noch um die Kinder. Nachdem er ihr am Tage zuvor gesteht, das gesamte gemeinsame Ersparte beim Bakkarat-Spiel verloren zu haben und sie noch zusätzlich schlägt, bricht für Yayoi eine Welt zusammen.
Als sie ihn am nächsten Abend wiedersieht, verliert sie die Nerven und tötet ihn im Affekt. Doch was soll sie jetzt machen? Hilflos vertraut sie sich Masako an. Mit Hilfe der anderen beiden vertuschen die Kolleginnen den Mord, entsorgen die Leiche. Auch die kommenden Polizeiverhöre überstehen alle, und als plötzlich Satake, der Betreiber eines Bordells und Spielkasinos, verhaftet wird, wähnen sie sich endlich in Sicherheit.
Doch die Freundschaft hält dem Druck nicht stand. Rätselhafte Menschen tauchen auf, Begierlichkeiten entstehen, Und plötzlich ist auch die Gefahr wieder da, greifbar und Furcht einflößend.
Die Autorin:
Die Japanerin Natsuo Kirino, 1951 als Hashioka Mariko in Kanazawa geboren, studierte Rechtswissenschaften bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Bereits mit ihrem dritten, hier vorgestellten Roman, gelang ihr 1997 der große Durchbruch. In Japan als „bester Kriminalroman des Jahres“ gefeiert und 2002 verfilmt, erlangte sie mit ihrem sozialkritischen Roman auch in Europa und USA Aufsehen. Sie ist die erste, direkt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzte Kriminalschriftstellerin. Dieses Buch ist voller Spannung, gespickt mit menschlicher Psyche und Abnormität im Leben einer modernen Konsumgesellschaft. Ein „Muss“ für alle Krimifans.
Buchtitel: „Die Umarmung des Todes“
Autorin: Natsuo Kirino
Erscheinung der deutschen Ausgabe: 2005 Goldmann Verlag, München
Ersterscheinung der Originalausgabe: "Out" 1997
608 Seiten
UVP: EUR (D) 9,95, EUR (A) 10,30, CHF 18,90
ISBN: 978-3-442-45852-3
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Hotel Iris von Yoko Ogawa
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die 17-jährige Mari lebt und arbeitet in dem von ihrer Mutter geleiteten kleinen Hotel Iris in einem Badeort an der Küste. Schon von Kindheit an kennt sie nichts anderes als das strenge Regiment ihrer Mutter. Freizeit und Freunde sind tabu.
Eines Nachts gibt es im Hotel Tumult wegen eines älteren Hotelgastes, der sich in Begleitung einer Prostituierten befindet. Die würdevolle Haltung des Mannes imponiert Mari, der besondere Klang, der Befehlston seiner Stimme fasziniert sie. Als sie den Mann eines Tages in der Stadt wieder sieht, folgt sie ihm heimlich. Sie lernen sich kennen, treffen sich erneut. Der „Mann“ oder auch der „Übersetzer“, wie ihn Mari in ihrer Gedankenwelt nennt, lebt auf einer kleinen Insel vor dem Touristenstrand allein in seinem Haus, umgeben von penetranter Ordnung.
Seine Frau fand vor Jahren ein gewaltsames Ende. Nach dem formellen Tee verwandelt er sich in einen Sadisten. Mari fürchtet sich und leidet, doch sie genießt auch seine schmerzhafte Brutalität, versinkt in Todessehnsucht: „Mehr als alles andere auf der Welt wollte ich die Wünsche dieses Mannes erfüllen.“
Der hier vorliegende Roman war bei seinem Erscheinen 2001 der erste in deutscher Übersetzung von der 1962 in Okayama geborenen Autorin. Ihr Schreibstil ist dem düsteren und freudlosen Leben Maris angepasst: Mit knappen und ungeschönten Worten erscheint schon auf wenigen Seiten ein umfangreiches Szenarium. Der Leser erlebt die in der Ich-Form erzählende Handlung teils schockiert, teils gierig auf den Fortgang der Tragödie. Yoko Ogawa gehört in Japan zu den bekanntesten Autorinnen der Gegenwart und wurde mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Sie lebt heute mit Mann und Tochter in der Stadt Ashiya in der Präfektur Hyogo.
Buchtitel: „Hotel Iris“
Autorin: Yoko Ogawa
Erscheinung der deutschen Ausgabe: 2001 Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München
Ersterscheinung der Originalausgabe: 1996
ISBN: 3-935890-00-1
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Herr Nakano und die Frauen von Hiromi Kawakami
Buchinhalt/Buchkritik:
Das Bild einer modernen Gesellschaft in Japan, insbesondere in Bezug auf die Denk- und Verhaltensweisen der Figuren, vermittelt Hiromi Kawakami in ihrem Buch „Herr Nakano und die Frauen“. Kein Thema ist tabu: Vereinsamung des Einzelnen, Angst vor den Mitmenschen, fehlendes Vertrauen.
In beredtem Schweigen, dann wieder mit wortgewaltigen Nichtigkeiten wird dem Leser die Welt des Trödelhändlers Nakano vorgestellt. Immer aus Sicht der jungen Angestellten Hitomi lernen wir die weiteren Personen im Bannkreis dieses kleinen Ladens kennen: Nakanos ältere Schwester Masayo, deren fast greisen Liebhaber Maruyama, Nakanos exotische Geliebte Sakiko und Herrn Nakanos jungen Gehilfen Takeo. Mitunter könnte der Leser meinen, dass es in dieser Geschichte keine wirklichen Probleme gibt, dass die Gefühlsressourcen aller Personen aus einer extremen Schieflage hervorgegangen sein müssen. Wie sonst kann es sein, dass die jetzige Ehe des Herrn Nakano sowie seine zwei vorherigen und seine insgesamt drei Kinder nur am Rande erwähnt werden und diese Menschen in der gesamten Handlung nicht in Erscheinung treten. Doch hat diese Erzählung durchaus ihren Reiz, und bei Beendigung der Lektüre kann der Leser diese entweder resigniert mit einem Achselzucken oder mit der Erkenntnis, dass alles nur eine Frage der Einstellung ist, aus der Hand legen.
Buchtitel: „Herr Nakano und die Frauen“
Autor:
Hiromi Kawakami
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: Carl Hanser Verlag
UVP:
EUR (D) 17,90; EUR (A) 19,960; CHF 37,90
ISBN: 978-3-446-23274-7
Erhältlich u. a. bei Amazon.
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