Letztes Update: 22.11.2011

 
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Asiatische Literatur GESCHICHTEN AUS KAMBODSCHA


Buchrezensionen von Anita Bolte

Die Fahne Kambodschas







Stunde null in Phnom Penh von Christopher G. Moore
Kriminalroman - Aus dem Englischen von Peter Friedrich


Stunde null in Phnom Penh von Christopher G. Moore

Buchinhalt/Buchkritik:
Im dritten Roman mit dem in Bangkok lebenden jüdisch-italienischen Privatermittler Vincent Calvino führt diesen ein dubioser Auftrag in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Nur eine knappe Flugstunde entfernt findet er sich doch in einer völlig anderen Welt wieder: 15 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft Pol Pots ist das Leben in diesem Land noch immer weit von jeglicher Normalität entfernt.

In einem Land, wo Recht und Gesetz fehlen, misstraut jeder jedem. Die UNTAC, UN-Friedensmission, soll während ihrer Übergangsverwaltung die Ordnung wieder herstellen und freie Wahlen vorbereiten. Doch noch herrscht das Gesetz der Straße. Illegale Kontrollpunkte, Wegezoll, Waffenverkäufe und Bandenkriege raten vor allem nachts von einem Stadtgang ab. Calvino soll einen Michael Hatch finden. Gleichzeitig ist auch sein Freund, der thailändische Kommissar Pratt, an diesem interessiert, und er begleitet den Detektiv. Schon bald zeigt sich, dass es nicht nur um dubiose Geschäfte mit Waffenschmuggel nach Thailand geht. Geheimnisse belasten ihre Freundschaft und bringen das Leben vieler in Gefahr.

Moore ist sehr erfahren in südost-asiatischer Lebens- und Denkweise. Dieses versucht er in seinen Romanen dem Leser verständlich zu machen. Hinzu kommt bei dem hier vorliegenden Buch die Ausnahmesituation Kambodschas. Das Trauma nach den Massenmorden von 1975 bis 1979 durch die Roten Khmer ist bei den Überlebenden allgegenwärtig. Eigene Erfahrungen als Berichterstatter aus Phnom Penh 1993 ließ Moore somit in die Lektüre einfließen.

Der Autor:
Der kanadische Autor Christopher G. Moore war Juraprofessor, Theaterautor und Journalist, bevor er jetzt seit mehr als zehn Jahre als Schriftsteller in Thailands Hauptstadt Bangkok lebt. Mit „Stunde null in Phnom Penh“ erlangte er 2004 den dritten Platz beim Deutscher Krimi-Preis für internationale Bücher. Moores Calvino-Romane sind in 12 Sprachen erhältlich, darunter Japanisch, Chinesisch, Thai, Französisch und Türkisch.

Buchtitel: „Stunde null in Phnom Penh“
Autor: Christopher G. Moore
Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel „Cut Out“
bei White Lotus Press, Bangkok
Die Deutsche Erstausgabe erschien 2003
im Unionsverlag Zürich
319 Seiten, UVP: € 10,90 (D), € 11,30 (A), CHF 17,90
ISBN: 978-3-293-20546-8


In der Mitte des Flusses von Kim Echlin
Aus dem kanadischen Englisch von Claudia Feldmann
In der Mitte des Flusses von Kim Echlin

Buchinhalt/Buchkritik:
Die 16-jährige Kanadierin Anne und der fünf Jahre ältere Kambodschaner Serey lernen sich in Montreal während eines Konzertes kennen und lieben. Die Musik verbindet sie, der Blues umfängt ihre Liebe und Sehnsucht mit seiner Wehmut. Die mutterlos aufgewachsene und dadurch sehr selbstständige Anne ignoriert die Ängste ihres Vaters. Ewig könnte das Leben mit Serey so weiter gehen.

Vor sechs Jahren kam der Asiate als Student nach Kanada. Dann wurden 1975 die Grenzen Kambodschas unter dem mordenden Regime der Roten Khmer und ihrem Anführer Pol Pot geschlossen. Seit vier Jahren kann keiner rein, keiner kann raus. Niemand weiß, wo die anderen Familienmitglieder sind, ob sie noch leben. Doch „Liebe“ und „Ewigkeit“ vertragen sich selten. Bevor Annes 17. Geburtstag kommt, fliegt Serey zurück. Die Vietnamesen sind in Kambodscha einmarschiert, die Grenzen werden geöffnet. Er muss seine Familie suchen...

Anne bleibt ratlos und rastlos zurück. Jahre kommen und gehen. Sie belegt ein Sprachenstudium, geht zum Frauenzentrum, lernt heimlich Khmer. Eines Abends, nach elf Jahren, glaubt sie im Fernsehen bei einer Live-Dokumentation aus Phnom Penh, ihn, ihre verlorene Liebe, wiederzusehen. Jetzt gibt es für sie kein Halten: Sie kündigt die Wohnung, die Stelle an der Uni, besorgt sich die nötigen Reisepapiere und fliegt nach Südostasien. „Ich habe dich gefunden“. „Ich hatte mich elf Jahre nach dir gesehnt.“ „Was ist mit deiner Familie?“ fragte ich. „Warum hast du nie auf meine Briefe geantwortet?“ entgegnetest Du.

Kim Echlin berührt mit den Worten und dem Inhalt dieser Geschichte. Voller Poesie erzählt sie von einer Leidenschaft, die von einem Erdteil ins andere reicht, von einer Liebe, die auch der Tod nicht auslöschen kann. Der Roman berichtet von kaum vorstellbaren Gräueltaten, geschehen in der jüngeren Vergangenheit. Zwei Millionen Menschen kamen ums Leben, jeder siebte wurde dem grausamen Regime geopfert. Und die Welt schaute weg.

„Du sagtest: Schau nicht in die Vergangenheit, träum nicht von der Zukunft, konzentriert dich auf die Gegenwart.“ Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Und endlich will sich die Protagonistin von ihrer Sehnsucht befreien. Sie schreibt ein Buch ... dieses Buch. Und wir Leser nehmen Anteil an einer Liebe, deren Sprache und Tiefe wie Musik ist. Und wir begegnen einer Musik, dem Blues, deren Rhythmus und Melancholie die Menschen auch ohne Worte miteinander verbindet.

Die Autorin:
Kim Echlin ist eine der renommiertesten Autorinnen Kanadas. Sie lebte u.a. in Paris und bereiste China, Frankreich und Zimbabwe; in Kanada arbeitete sie als Fernsehproduzentin und Journalistin. „In der Mitte des Flusses“ (= „Der verlorene Liebhaber“) ist ihr sechstes Buch und ihr erstes auf Deutsch. Kim Echlin lebt mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in Toronto; an der dortigen Universität unterrichtet sie seit 1997 Kreatives Schreiben.

Buchtitel: „In der Mitte des Flusses“
Autor: Kim Echlin
Titel der Originalausgabe „The Disappeared“
Erschienen 2009 by Grove Press (Black Cat)
Deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter „Der verschollene Liebhaber“
beim Verlag Gustav Kiepenheuer,
seit April 2011 als Taschenbuch im atb Aufbau Verlag, Berlin
263 Seiten, UVP: € 8,95 (D) ISBN: 978-3-7466-2690-1


Der weite Weg der Hoffnung von Loung Ung

Der weite Weg der Hoffnung von Loung Ung

In „Der weite Weg der Hoffnung“ schildert Loung Ung das Leben und Leid der Menschen unter Pol Pots Schreckensherrschaft in Kambodscha. Als die Roten Khmer im April 1975 in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, einmarschieren, war die Autorin fünf Jahre alt. Innerhalb von nur 24 Stunden wurden fast alle Einwohner der Stadt vertrieben. Mit nur dem Nötigsten versehen, reiht sich auch die Familie Ung in den langen Strom der Heimatlosen ein. Unter der Schreckensherrschaft Pol Pots verbreiten sich unglaubliche Tyrannei, einhergehend mit Zwangsarbeit, Entbehrungen, Krankheit und Hunger. Zur Schaffung einer klassenlosen und rein agrarischen Gesellschaft wird die bisherige Mittel- und Oberschicht gnadenlos verfolgt. Bildung ist verboten, schon der Besitz einer Brille macht seinen Träger verdächtig. Eine Kindheit zwischen Terror und zügelloser Gewalt, harter Arbeit und Angst – unvorstellbar in unserer heutigen Zeit. Und doch sind es nur drei Jahrzehnte her, dass vietnamesische Truppen der Tyrannei in seinem Nachbarland ein Ende setzten. Fünf Jahre dauerte die Herrschaft der Roten Khmer – für die Autorin leidvolle, traumatisierende Jahre. Sie verlor nicht nur ihre Kindheit, sondern auch Vater, Mutter und zwei Schwestern. Aber sie verlor nie ihren Mut und ihre Stärke. Im Vorwort zu diesem Buch schreibt sie: „Hätten Sie zu jener Zeit in Kambodscha gelebt, dann wäre dies auch Ihre Geschichte.“ Passender kann man es nicht beschreiben, wie wahllos und unverschuldet das Unheil über jemanden kommen kann. Heute lebt Loung Ung in den USA. Sie ist Sprecherin der Kampagne gegen Landminen, die 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

„Der weite Weg der Hoffnung“ ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen (ISBN 978-3-596-15287-2).





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