Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS MYANMAR (Birma)
Buchrezensionen von Anita Bolte
Das Herzenhören von Jan-Philipp Sendker
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Buchinhalt/Buchkritik:
Bis zum Tage nach Julias Abschlussexamen sind die Wins eine ganz normale New Yorker Familie. Dann jedoch verschwindet Tin Win, ihr Vater und erfolgreicher Anwalt. Seine Spur verliert sich in Bangkok, er bleibt unauffindbar. Polizei und Familie stehen vor einem Rätsel. Erst jetzt wird allen klar, dass sie nichts aus seinen ersten 20 Lebensjahren von ihm wissen. Warum ist er verschwunden?
Vier Jahre später findet Julia, inzwischen selbst Anwältin, einen Liebesbrief ihres Vaters. Vor über 40 Jahren schrieb er ihn an eine unbekannte Frau, an eine Adresse im fernen Birma. Sofort macht sich die 27-Jährige auf den Weg nach Asien. Schon am ersten Tag in Kalaw, ihrem Zielort in der südwestlichen Bergwelt Birmas, spricht sie ein älterer Mann an. Seit vier Jahren warte er auf sie, sagt U Ba. Und unversehens ist Julia mitten in seiner Erzählung, im Leben ihres Vaters.
Su Kyi, eine gütige und alleinstehende Nachbarin nimmt sich des einsamen, kleinen Jungen an, nachdem ihn die Mutter nach des Vaters Tod verlässt. Das Kind bleibt verängstigt, zu groß sind die Narben der Seele. Vielleicht zu groß, als dass die Augen noch was sehen wollen, und Tin Win erblindet. Su Kyi bringt ihn täglich zu den Mönchen ins Kloster. U May, der alte Abt und selber blind, wird sein Freund und Lehrer, lockt ihn aus seiner Finsternis.
Jahre später wird Tin Win unversehens von einem unüberhörbaren Pochen angezogen. Er folgt den feinen Tönen und steht plötzlich vor einem jungen Mädchen: Mi Mi. Mit diesem Herzenhören erlangt Tin Win die Gabe des Hörens. Mi Mis Füße, von Geburt an verkrüppelt und unbrauchbar, werden von nun an durch Tin Win ersetzt. Und Mi Mi, auf seinem Rücken hockend, lässt ihn durch ihre Augen sehen, schöner als wie er alleine es je konnte.
Kein Tag vergeht, ohne dass die beiden nun zusammen sind, ganze vier Jahre lang. Bis im fernen Rangun sich ein Onkel Tin Wins an das Waisenkind erinnert und es herbeordert. Er benötigt für seine florierenden Geschäfte eine gute Tat – so sagen ihm die Astrologen. Nur wenige Stunden bleiben den Liebenden zum Abschied.
Auch nach geglückter Augen-Operation lässt der kinderlose Onkel Tin Win nicht wieder heim. Zu erfolgversprechend ist der junge Mann, dessen Kontakte nach Kalaw er strickt unterbindet. Zwei Jahre später, nach erfolgreich beendeter Schule, muss Tin Win zum Studium nach New York. Es ist die Zeit, wo deutsche Kriegshäfen die englischen Häfen blockieren und die Japaner ihren Angriff auf Birma vorbereiten. So wurde er Student, dann Anwalt, Ehemann und Vater. Hatte er eine Wahl? Wann und warum holte ihn die Vergangenheit wieder ein?
Jan-Philipp Sendker erzählt eine bewegende Geschichte, voller Ehrfurcht, Sehnsucht und geheimnisvollen Mächten. Er lässt uns Leser eintauchen in eine märchenhafte, mystische und doch wahrhaftige Welt. Wir hören von Lebensinhalten ohne Hast und Gier, voller Vertrauen, Demut und Liebe. Mit sprachgewaltigen und dann wieder schlichten und einfachen Worten erzählt der Autor eine ebenso spannende Familiensaga wie auch eine wunderschöne Geschichte einer Liebe – still und unerschütterlich. Wir werden neugierig auf dieses unbekannte Birma (jetzt Myanmar), das Land, das nur durch seine unsagbare Armut und politische Isolation in unser Bewusstsein dringt. Sendker vermittelt Werte, deren Stellenwert in unserer heutigen, westlichen Gesellschaft immer mehr sinkt.
Autor:
Jan-Philipp Sendker, 1960 in Hamburg geboren, ist Journalist und war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent für den „Stern“. Er lebt heute als Schriftsteller und freier Autor des „Stern“ mit seiner Familie in Potsdam. Mit seinem Romandebüt „Das Herzenhören“ gelang ihm 2002 ein Bestseller, dem inzwischen weitere folgten.
Buchtitel: Das Herzenhören
Buchautor: Jan-Philipp Sendker
Erscheinung: 2004 als Taschenbuch im Wilhelm Goldmann Verlag München;
2002 im Karl Blessing Verlag, München
288 Seiten
UVP: € 7,95 (D), € 8,20 (A), CHF 14,90
ISBN: 978-3-442-45726-7
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Reise nach Myanmar (Birma) Kulturkompass fürs Handgepäck
Herausgegeben von Alice Grünfelder und Lucien Leitess
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Buchinhalt/Buchkritik:
Myanmar, dieser uns fast unbekannte südostasiatische Staat, ist auch in unserer Literaturszene kaum vertreten. Alice Grünfelder und Lucien Leitess' Herausgabe von "Reise nach Myanmar (Birma) Kulturkompass fürs Handgepäck" ist somit eine Rarität in Bezug auf Literatur über Myanmar. Den Herausgebern dieses Buches, sowohl Literatur- wie auch Asienexperten, ist mit der Auswahl der Texte eine hervorragende Mischung gelungen. Lernen wir über Aldous Huxley, Pierre Loti oder George Orwell das Leben, Land und Leute in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen, so geben uns die Brüder Boucaud, Mya Than Tint oder Ma Thanegi einen Eindruck über den heutigen Vielvölkerstaat.
Mag der „Tourist“ Cees Nooteboom den Entwicklungsrückstand Birmas mit seinem Warenmangel und dem unübersehbaren Verfall noch als „Glück“ aufgrund Heimweh nach früheren Zeiten empfinden, so sagt Paul Theroux passend: „In Birma geschieht nichts, aber es erwartet auch niemand, dass irgendetwas geschieht.“
Eindrucksvoll schildert uns Bertil Lintner, wie die „sozialistische“ Mangelwirtschaft durch Schmuggelware und dem allgegenwärtigen Schwarzmarkt kompensiert wird. Der Buddhismusexperte Heinz Bechert lässt uns verstehen, wie eng birmanische Identifikation und nationale Eigenständigkeit mit dem Buddhismus als der ihr angestammten Religion verbunden sind.
Erschütternd ist der Bericht des Asienwissenschaftlers Michael Aris. Der 1999 verstorbene Engländer ist der Ehemann von Aung San Suu Kyi. Die 1945 geborene Birmanin ist Tochter des 1947 ermordeten Nationalhelden Aung San. Als sie 1988 wegen Erkrankung der Mutter in die Heimat zurückkehrte, setzte sie sich mutig für die demokratische Entwicklung ihres Landes ein. Seit 1989 steht sie mit Unterbrechungen in Rangun unter Hausarrest. Die von ihrer Partei gewonnene Wahl im Jahr 1990 erkannte das Militär nicht an. 1991 erhielt Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis, den ihre Söhne für sie in Empfang nahmen.
Buchtitel: „Reise nach Myanmar (Birma)
Kulturkompass fürs Handgepäck“
Herausgeber: Alice Grünfelder und Lucien Leitess
Ersterscheinung: 2009 Unionsverlag Zürich
252 Seiten
UVP: EUR 9,90, CHF 17,90
ISBN: 978-3-293-20443-0
Erhältlich u. a. bei Amazon. |