Letztes Update: 06.04.2012

 

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Asiatische Literatur GESCHICHTEN AUS SAUDI ARABIEN


Buchrezensionen von Anita Bolte

Die Fahne Saudi Arabiens










Die letzte Sure von Zoë Ferraris
Roman – Aus dem Amerikanischen von Matthias Müller

Die letzte Sure

Buchinhalt/Buchkritik:
Der Wüstenführer Nayir liebt die Stille und die Weite. Er ist Palästinenser, also weder ein Beduine noch ein Saudi. Als Staatenloser gehört er nirgendwohin und nirgendwo zu. Er lebt in der Stadt Dschidda am Roten Meer, doch er wohnt und fühlt sich Zuhause nur auf seinem Boot im Hafen. Auf seinen Touren duch die ausgedehnten Sandwüsten wird Nayir oftmals begleitet von seinem Freund Othman, ein Adoptivsohn der wohlhabenden saudischen Großfamilie Shrawi.

Als dessen 16-jährige Schwester Nouf plötzlich verschwunden ist, führt Nayir einen der Suchtrupps. Doch all sein Hoffen ist vergebens: Nouf wird erst nach Tagen tot in einem Wadi aufgefunden. Die Leiche kommt ins gerichtsmedizinische Institut, und Nayir soll sie im Auftrag der Familie heimholen. Im Labor begegnet ihm Katya, die ihm bis dahin unbekannte Verlobte seines Freundes. Von ihrer offenen, recht kecken Art ist Nayir irritiert. Ist doch schon die Tatsache, dass eine Frau arbeiten geht, für ihn verwirrend genug. Das junge Mädchen starb durch Ertrinken, die Leiche weist Schürfwunden auf. Die Familie nutzt ihren Einfluss und lässt weitere Ermittlungen offiziell beenden.

Dennoch bittet Othman seinen Freund um weitere Nachforschungen. Wurde Nouf entführt? Lief sie von Zuhause fort – vielleicht aus Panik vor der anstehenden arrangierten Heirat? Zusätzlich macht Nayir während der Beerdigung eine verstörende Entdeckung: Die Tote wird mit dem Rücken nach Mekka gelegt. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Nouf trug ein Kind unter ihrem Herzen, so dass dieses jetzt die vorgeschriebene Blickrichtung gen Mekka hat. Ohne es geplant zu haben, werden Nayir und Katya zu einem Ermittlerduo. Dabei muss der strenggläubige Wüstenführer seine Einstellungen über die islamische Frau und über die ihr zugedachte Rolle grundlegend ändern.

Zoë Ferraris weiß durch eigene Erfahrungen von was sie schreibt. Das gesamte Leben wird durch den Islam als Staatsregion geprägt: Frauen müssen voll verschleiert sein, wenn ein nicht zur Familie gehörender Mann sie sehen könnte. Die Religionspolizei kontrolliert auf den Straßen, ob Frauen in der vorgeschriebenen Begleitung sind. Frauen werden – wie in kaum einem anderen Land der Erde – diskriminiert. Sie haben weder das Wahlrecht, noch dürfen sie Auto fahren. Ohne Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds dürfen sie weder arbeiten, noch reisen, heiraten oder Ärzte besuchen. Die Autorin schildert in einer sinnlichen wie auch unterhaltsamen Art das muslimische Leben und seine Tabus. Mit Respekt vor dem Islam als Religion und ohne erhobenen Zeigefinger ist ihr Buch dennoch ein eindringliches Plädoyer für längst überfällige Reformen.

Dieses Buch wird der Beginn einer außergewöhnlichen Krimiserie mit einem strenggläubigen Wüstenführer und einer fortschrittlichen Rechtsmedizinerin als ungleiches Ermittlerteam.

Die Autorin:
Zoë Ferraris, geboren am 5. Juni 1970, hat mit 19 Jahren einen saudi-palästinensischen Beduinen geheiratet. Bevor sie ihr Romandebüt „Die letzte Sure“ schrieb, lebte sie mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter ein Jahr in der strenggläubigen muslimischen Gemeinde in Dschidda. Ihr Krimi wurde von der internationalen Presse gefeiert und mit dem Mystery Fiction Award der Santa Barbara Writer’s Conference ausgezeichnet. Heute lebt Zoë Ferraris mit ihrer Tochter Yasmina in New York. Sie hat einen MFA (Hochschulabschlus) der Columbia Universität in N.Y.

Buchtitel: „Die letzte Sure“
Autorin: Zoe Ferraris
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel
„Findung Nouf“ bei Houghton Mifflin, Boston
Deutsche Taschenbuchausgabe April 2009
beim Goldmann Verlag, München
411 Seiten, UVP: € 8,95 (D), € 9,20 (A), 13,50 CHF
ISBN: 978-3-442-46698-6


Die Liebenden von Dschidda von Sulaiman Addonia
Roman – Aus dem Englischen

Die Liebenden von Dschidda von Sulaiman Addonia

Buchinhalt/Buchkritik:
In Eritrea tobt der Unabhängigkeitskrieg. Der zehnjährige Naser und sein erst dreijähriger Bruder Ibrahim werden nachts mit Kamelen von einer Schmugglerbande in den sicheren Sudan gebracht. Erst viel später wird Naser begreifen, dass seine geliebte Mutter alles hergab, um das Leben ihrer Söhne zu retten.

1979, nach fünf Monaten im Flüchtlingslager, holt ein Onkel die Jungen zu sich auf die andere Seite des Roten Meeres: nach Saudi Arabien. Die Stadt Dschidda, in der Eva, die Mutter der Menschheit begraben sein soll, wird von nun an ihre Heimat sein. Auch wenn der erste, von Wohlstand geprägte Eindruck begeistert, wird sich das Leben dort schwer gestalten.

Männer und Frau leben hier – bis zur Heirat – in völlig getrennten Welten. Die im Dschallabija weiß gekleideten Männer und die im Abaja, dem schwarzen Ganzkörperschleier verhüllten Frauen, haben außerhalb der Familie keinerlei Kontakt.

Eine Folge der Geschlechtertrennung ist die Homosexualität. Mit fünfzehn Jahren wird Naser von dem für ihn als Ausländer zuständigen Kefil zum erstenmal missbraucht. Er bleibt in der Opferrolle bei wechselnden Tätern. Das Gesetz der Scharia gilt nicht für die Reichen.

Als Naser die Hasstiraden des Imam nicht mehr ertragen kann und die Moschee fortan meidet, bricht sein Onkel den Kontakt zu ihm ab. Damit  hat er auch seinen Bruder verloren. Das Tagebuch wird zum einzigen Vertrauten. Die zwar gegen regelmäßige Zahlungen geduldeten Ausländer werden diskriminiert. Ein Studium ist Naser versagt. Ein älterer Freund besorgt ihm einen Job als Autowäscher. Er ist mehr als fleißig, spart für ein besseres Leben in der Zukunft – und wenn er über das Wasser des Roten Meeres schaut, denkt er an seine Mutter, träumt von der Liebe.

Und plötzlich bekommt der „Schwarz-Weiß-Film“ auf Al-Nuzla Straßen Farbe: ein schwarzverhülltes Mädchen schreibt ihm heimlich Briefe. Ihr einziges Erkennungsmal: pinkfarbene Schuhe. Er folgt ihr, verliert seinen Job, riskiert alles. Es ist Liebe „vor“ dem ersten Blick. Er möchte ihre Stimme hören, will ihr Gesicht sehe... Doch in den Straßen patroulliert die Religionspolizei. Die beiden jungen Menschen machen das Unmögliche war, sie lieben sich. Doch haben sie eine Zukunft? Für ihr Vergehen drohen öffentliches Auspeitschen bis hin zum Tod durch Steinigung.

Der Autor:
Sulaiman Addonia wurde als Sohn einer eritreischen Mutter und eines äthiopischen Vaters in Eritrea geboren. In seiner Kindheit verbrachte er nach dem Om-Hajar-Massaker von 1976 etliche Jahre in einem Flüchtlingscamp im Sudan. Später lebte und studierte er in Dschidda, Saudi-Arabien. Seit 1990 lebte er in London, zog aber vor Kurzem mit seiner Familie nach Brüssel. Sein vorliegendes Romandebüt lautet im Original „The Consequences of Love“ und wurde auf die Shortlist für den Best First Book Award des Commonwealth Winter`s Prize gewählt. Eindrucksvoll schildert der Autor das  Leben durch die vom Islam fehlgeleiteten Regeln. Die Folgen der unterdrückten Sexualität sind gravierend und grausam, sowohl für die Frau wie für den Mann.

Buchtitel: „Die Liebenden von Dschidda“
Autor: Sulaiman Addonia
Ersterscheinung: 2008 „The Consequences ov Love“

bei Chatto & Windus, London
Deutsche Ausgabe: 2009 
bei Hoffmann und CampeVerlag, Hamburg
383 Seiten, UVP: € 22,00 (D), € 22,70 (A), 38,90 CHF
ISBN: 978-3-455-40146-2





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