Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS SRI LANKA
Buchrezensionen von Anita Bolte
Staub im Paradies von Ernst Solèr
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Buchinhalt/Buchkritik:
Fred Staub aus Zürich, soeben zum Kommandanten der Kantonspolizei befördert, fliegt im Februar 2007 mit seiner gesamten Familie nach Sri Lanka. Sie besuchen dort seine Tochter Anna, die in den Bergen als Wissenschaftlerin auf einer internationalen Forschungsstation mitarbeitet. Doch was als erholsamer Urlaub geplant, wird schon bald zu einem lebensbedrohlichen Einsatz.
Vor ihren Augen wird ein Kollege Annas und ebenfalls Schweizer von einem unsichtbaren Scharfschützen ermordet. Staubs einheimischer Polizeikollege Verasinghe scheint um eine ehrliche Aufklärung bemüht. Doch umgehend mischt sich das Militär ein, dessen General tamilische Rebellen für die Täter erklärt und jegliche weitere Ermittlung untersagt.
Doch Staub, ebenso hartnäckig wie unbelehrbar, nimmt mit Hilfe seines inländischen Kollegen die Witterung auf. Fast zeitgleich ermittelt Staubs ehemalige Brigade in einem Zürchner Mordfall. Alle Befragungen zu einem erstochen aufgefundenen Tamilen stoßen unter den Emigranten auf Schweigen. Nur mühsam wird die Identität des Opfers und das eventuelle Motiv der Tat ermittelt. Die Spur des Ermordeten führt zurück nach Sri Lanka.
Staub lässt sich nicht lange bitten, sich in dessen familiären Umfeld vor Ort umzusehen. Überraschungen und gefährliche Einsätze folgen. Sie lernen neben den Schach spielenden und skrupellosen General einen korrupten und schwerreichen Koordinator der Schweizer Tsunamihilfe kennen sowie einen wie ein Feudalherr lebenden deutschen Teeplantagenbesitzer mit einer Sammelleidenschaft für Waffen. Staub sehnt sich bei nicht endendem Teekonsum nach einer richtigen Tasse Kaffee. Er resigniert vor der im tropischen Klima explodierenden Mückenplage. Und fast gegen seinen Willen ist er von diesem Land und seinen Menschen fasziniert.
Leider ist dieses Buch Fred Staubs letzter Fall...! Der viel zu früh verstorbene Autor Ernst Solèr überzeugt mit großer Detailkenntnis, feiner Beobachtungsgabe und schlichter Darstellung der oft komplizierten menschlichen Psyche. Leute wie ihn braucht die globalisierte Welt – und sei es auch nur, um das Wissen über ferne Länder und andere Völker in unsere Wohnzimmer zu tragen in Form eines unterhaltsamen Krimis.
Der Autor:
Ernst Solèr, geboren 1960 in Männedorf am Zürichsee, lebte und arbeitete als Journalist und Schriftsteller in Zürich. Er schrieb insgesamt vier Kriminalromane um den launischen Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantons Kantonspolizei: 2006 debütierte er mit Staub im Feuer, es folgten Staub im Wasser (2007) und Staub im Schnee (2008). Staub im Paradies erschien 2009 posthum, nachdem er im Juli 2008 mit 48 Jahren einem Krebsleiden erlag. Er hinterlässt eine Tochter.
Buchtitel: „Staub im Paradies“
Autor: Ernst Solèr
Die deutschsprachige Originalausgabe erschien 2009
im GRAFIT Verlag, Dortmund
222 Seiten, UVP: € 8,50 (D), € 8,80 (A), CHF 16,50
ISBN: 978-3-89425-357-8
Der Fall Hamilton von Michelle de Krester
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Buchinhalt/Buchkritik: Ceylon (jetzt: Sri Lanka) ist „eine kleine Insel, die auf einem Ozean reitet“, heißt es am Rande dieses Romanes. Ebenso nur am Rande ist „der Fall Hamilton“ Inhalt des Buches. In erster Linie geht es um den jungen Singhalesen Sam in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in dieser ehemals britischen Kolonie. Sam und seine jüngere Schwester Claudia werden “very british“ erzogen. Ein noch jüngerer Bruder starb im Säuglingsalter einen rätselhaften Kindstod.
Die Eltern gehören zur aufstrebenden und doch dem wirtschaftlichem Untergang geweihten Gesellschaftselite. Sams stärkste Erinnerung an die Eltern ist, dass sie nicht da waren. Er gibt sich stets die größte Mühe, allen Erwartungen gerecht zu werden, ist „britischer“ als die Briten selbst.
Und doch wird er von den Europäern als „Schwarzer“ brüskiert, und von den Tamilen als „Singhalese“ abgelehnt. Er wird zum verspotteten Einzelgänger. Das Familienerbe schwindet durch den aufwendigen Lebensstil der Eltern, und Sam nutzt sein im „Mutterland“ absolviertes Jurastudium für eine eigene Anwaltskanzlei.
Der englische Teefarmer Hamilton wird ermordet. Sam gibt seine Theorie zum besten: nicht die zwei unter Verdacht stehenden Kulis sind die Täter, sondern der beste Freund des Plantagenbesitzers. Plötzlich ist Sam berühmt, die Karriere scheint gesichert.
Erst nach Jahrzehnten kommen ihm Zweifel, beunruhigt ihn immer öfter die Vorstellung, dass er einst falsche Entscheidungen traf. Unbeirrbar sucht Ceylon weiter seinen Weg in die Unabhängigkeit. Seine geliebte Schwester warf ihr Leben fort, seiner ebenfalls verstorbenen Ehefrau brachte er nie Liebe entgegen. Seine alte Mutter „bestrafte“ er mit einem enthaltsamen, isolierten Lebensabend. Und Harry, sein über alles geliebter Sohn, lehnt ihn ab, hat keine Verbindung mehr zu ihm. Nur ein herrenloser Hund hält zu ihm, liebt ihn scheinbar bedingungslos. Und auch der „Fall Hamilton“ gibt keine Ruhe. Wurde er, Sam, auch hier nur „benutzt“?
Die Autorin:
Michelle de Kretser wurde 1957 in Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, geboren. Als sie vierzehn Jahre war, emigrierte ihre Familie nach Australien. Sie studierte Literaturwissenschaft in Melbourne und Paris und arbeitete als Lektorin. Für „Der Fall Hamilton“, ihrem zweiten Roman, erhielt sie zahlreiche Preise: den Commonwealth Writers Prize 2004, den Tasmania Pacific Prize 2005, den britischen Encore Award 2004 und den LiBeraturpreis 2007. Die Autorin lebt zurzeit in Melbourne.
Buchtitel: Der Fall Hamilton
Buchautorin: Michelle de Krester
Erscheinung: als Taschenbauch 2008 im Unionsverlag Zürich
deutsche Erstausgabe 2006 im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart,
351 Seiten
UVP: 9,90 EUR (D)
ISBN: 978-3-293-20424-9
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Der Koch von Martin Suter
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Buchinhalt/Buchkritik:
Maravan ist ein 33-jähriger Tamile aus Sri Lanka, wo schon seit 25 Jahren der Bürgerkrieg tobt. Als 1983 seine Eltern bei einem Anschlag ums Leben kamen, flüchteten er und seine Geschwister mit der Großmutter und der Großtante Nangay von Colombo nach Jaffna. Vom Kleinkindalter an war Maravan fasziniert von Nangays Kochkunst, mit derem bescheidenen Einkommen die Familie ihr Überleben sicherte.
Von Nangay lernte Maravan, wie sich Rohprodukte verwandeln, so dass sie nicht nur sättigen, sondern auch glücklich machen. Später schickte die Tante ihn ins indische Kerala, in die Hochburg der Gewürze. Hier konnte er seine Kenntnisse als Koch vervollständigen. Doch jetzt, im Jahre 2008 geflüchtet vor einem Krieg, von dem die Weltöffentlichkeit kaum etwas mitbekommt, lässt man ihn, den Asylbewerber, nur die unteren Dienste verrichten.
Als er einem Koch hilfsbereit einen Tipp in Sachen „Curry“ geben will, entlässt man ihn bald mit fadenscheinigen Begründungen. Nur die Kollegin Andrea hält zu ihm, erkennt sein begnadetes Kochtalent, und zusammen betreiben sie bald einen Cateringservice der besonderen Art: Love Food. Nach uralten Rezepten, ohne Drogen aber in spezieller und molekularer Zubereitung entstehen Menüs, die den Paaren die Liebesfähigkeit zurückgeben, ja steigern.
Was anfangs nur als therapeutische Unterstützung für Verheiratete gedacht war, wurde schnell zum Geheimtipp für eine andere Gesellschaft: Lobbyisten, Geschäftemacher, die in der schweizerischen Grauzone geschickt die Globalisierung für sich nutzen. Maravan erkennt die Fehlentwicklung seiner Firma, aber er braucht das Geld zur Unterstützung der Familie daheim. Die Versorgung mit dem Nötigsten geht dort ins Unbezahlbare. Zudem ist die Großtante schwer krank, die Medikamente sind teuer. Auch die tamilische Diaspora taucht an Maravans Tür auf, „bittet“ um immer höhere „Spenden“. Am größten wird Maravans Verzweiflung, als sein Lieblingsneffe Ulagu verschwunden ist. Wurde der kleine sanfte Junge zu einem Kindersoldaten? Kocht er, Maravan, für jene Leute, die den Krieg in seiner Heimat am Laufen halten?
Der Autor:
Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Der smarte Schweizer ist Schriftsteller, Kolumnist, Drehbuchautor und gelernter Werbetexter. Er verfasst Songtexte und schreibt Theaterstücke. Für seine Werke wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. 2010 erhält Martin Suter den SWIFT-Preis für Wirtschaftssatire der Stiftung Marktwirtschaft insbesondere für seine satirische Kolumne Business Class über die Schwächen der Managerkaste. Martin Suter wurde vor Kurzem ins französische Wörterbuch „Le Petit Larousse illustre 2011“ in der Kategorie „50 berühmte Persönlichkeiten der Gegenwart“ aufgenommen. Er lebt mit seiner Familie in Spanien und Guatemala.
Buchtitel: Der Koch
Buchautor: Martin Suter
Erscheinung: 2010 Diogenes Verlag, Zürich
312 Seiten
UVP: € 21,90
ISBN: 978-3-257-06739-2
Erhältlich u. a. bei Amazon. |