Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS SÜDKOREA
Buchrezensionen von Anita Bolte
Ein Geschenk des Vogels von Eun Heekyung
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Buchinhalt/Buchkritik: Emotionslos und mit schonungslosem Blick lässt die Autorin uns aus Sicht der 12-jährigen Jinhi am gesellschaftlichen Leben Südkoreas in den 60er-Jahren teilnehmen. Schon früh wurde dem Mädchen intellektuelle Reife attestiert. Doch was als frühreif oder altklug angesehen werden könnte, ist in Wirklichkeit der früh erkannte Nutzen als Schutzmechanismus eines verletzten Kindes.
Ihren Vater kennt Jinhi nicht und von der Mutter, die sich später das Leben nahm, wurde sie als Kleinkind verlassen. Umsorgt von der Großmutter, wächst sie zusammen mit dem Bruder und der jüngeren Schwester ihrer Mutter auf. Um weniger verletzt zu werden, gibt Jinhi wenig preis von ihrem eigenen Gefühlsleben.
Sie teilt sich in zwei Ichs: das „sichtbare“ und das „sehende“ Ich. Letzteres beobachtet gnadenlos die Mitmenschen, erkennt deren Verfehlungen und Irrtümer. Zum Ausgleich von Ungerechtigkeiten manipuliert Jinhi ihre Mitmenschen durch logisches Denken zu entsprechenden Handlungen.
Fleiß und ehrgeiziges Streben machen sie zu einer Eliteschülerin, doch die Nähe anderer ist ihr oft unerträglich. Und ebenso wie ihre Mitmenschen beobachtet Jinhi sich selbst, versucht ihre Reaktionen voraus zu sehen und zu steuern. So muss sie sich gestehen, dass sie in nur vier Tagen die Gefühle Liebe, Abschiedsschmerz, Trauer der Trennung, und das Welken der Liebe kennen lernte. Und sie folgert daraus, das Glück und Trauer im Leben zu gleichen Anteilen enthalten sind. Denn Freude über erhaltene Liebe zieht unweigerlich Trauer über Verlust derselben nach sich.
Autorin:
Eun Heekyung wurde 1959 in Gochang im Südwesten Südkoreas geboren und studierte Koreanische Literatur in Seoul. Sie verbindet im vorliegenden Werk geschickt gesellschaftliche und politische Wandlungen, zeigt Konsequenzen des wirtschaftlichen Fortschritts auf. Sie thematisiert soziale Missstände, Sexualität und Geschlechterhierarchie. Sie wurde für diesen Roman 1995 mit dem Munhakdongne-Literaturpreis ausgezeichnet und avancierte in kürzester Zeit zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Koreas.
Buchtitel: Ein Geschenk des Vogels
Buchautorin: Eun Heekyung
Ersterscheinung: 1995 im Original
Ersterscheinung der deutschsprachigen Ausgabe: 2005
Pendragon Verlag, Bielefeld
320 Seiten
UVP: EUR (D) 19,90 / EUR (A) 20,50
ISBN: 3-86532-015-5
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Die letzten viereinhalb Sekunden meines Lebens und andere Erzählungen
von Sung Suk-je
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Der Koreaner Sung Suk-je, 1960 geboren, studierte Rechtswissenschaft in Seoul, bevor er Mitte der 1980er -Jahre zu schreiben begann. Die hier vorgestellten neun Erzählungen handeln von Außenseitern der Gesellschaft.
Zum Inhalt von „Die letzten viereinhalb Sekunden meines Lebens“:
Das Auto eines Gangsterbosses kollidiert auf Grund dessen erhitzten Gemütes und überhöhter Geschwindigkeit mit einem Brückengeländer und befindet sich jetzt im freien Flug und Fall in die tödliche Tiefe. Viereinhalb Sekunden bleiben für seinen Lebensrückblick – wobei das Unwesentliche sich in den Vordergrund drängt.
In der „Ersten Liebe“ begreift ein Schüler aus dem Arbeiterbezirk „Hölle“, dass nur Lernen der Türöffner für ein besseres Leben ist. Er reift vom Knaben zum Mann, erkennt aber erst beim Abschied zur Schulentlassung die Liebe seines Mitschülers.
In „Vagabundendasein“ lässt die Japanerin Tomiko ihr Leben in einem Abschiedsbrief Revue passieren. Dieser wird jedoch nie abgesandt. Von ihren Eltern einst auf der Flucht aus Korea vergessen, von ihrem Lebensretter vergewaltigt und geschwängert, von dessen Ehefrau des ungeborenen Kindes beraubt und verjagt, trifft sie den Mann nach Jahren wieder. Zusammen verbringen sie ein freudloses, armseliges und stummes Leben in einer Trinkstube.
„Im Schatten des Orleanders“ wartet eine Braut im Hause ihrer Schwiegereltern 50 Jahre auf ihren Mann. Einst zog er als Soldat in den Krieg, aus dem er nicht zu ihr zurückkehrte.
Die Liebe spielt in vielen Erzählungen von Suk-je Sung eine tragende Rolle. Doch ist es die Tragik der Alltagsgeschichten oder die Vergeblichkeit des Bemühens seiner Protagonisten? Der Leser kann den Textinhalt als zerstörend empfinden, zumal den Antihelden wegen fehlender Entscheidungsfreiheit keine andere Wahl blieb. Dabei enthält der Schreibstil zweifelsohne sowohl Humor wie auch Einfühlungsvermögen.
„Die letzten viereinhalb Sekunden meines Lebens und andere Erzählungen“ von SUNG Suk-je
ist 2009 bei Edition Peperkorn, Thunum/Ostfriesland erschienen (ISBN 3-929181-82-1).
Vögel von Oh Jung-Hee
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Buchinhalt/Buchkritik:
Die zwölfjährige Uumi und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Uuil leben alleine in einem armseligen Hinterhofzimmer. Vor nicht langer Zeit sind sie mit ihrem Vater hier eingezogen. Zuvor wurden sie ungeliebt bei der Verwandtschaft weitergereicht. Der Aufenthaltsort der Mutter ist unbekannt. Nach ständigen und brutalen Misshandlungen durch den Vater war sie eines Tages verschwunden.
Zuerst läuft es in der fremden Umgebung für die Familie Park gut. Die Kinder gehen zur Schule, Vater Manshik kehrt mit einer neuen, noch recht jungen Frau heim. Doch das familiäre Glück ist nur von kurzer Zeit. Manshik findet Arbeit auf dem Bau, ist deshalb aber nur am Wochenende daheim. Seine neue Beziehung eskaliert. Auch die junge Frau verschwindet spurlos, der Vater kurze Zeit danach ebenso. Die beiden Kinder versuchen, ihrem Leben weiterhin einen Rhythmus und ein Ziel zu geben. Ohne Einkommen und Hilfe vergehen Tag für Tag, Woche für Woche. Dabei will Uumi ihrem jüngeren und zudem unterentwickeltem Bruder Schwester und Mutter zugleich sein. Und nach Außen soll der Schein der Normalität gewahrt bleiben.
Die 1947 in Seoul geborene Oh Jung-Hee zählt zu den begabtesten und angesehensten Autorinnen Südkoreas. In „Vögel“ erzählt sie aus der Perspektive der zwölfjährigen Uumi das tragische Leben des Geschwisterpaares in der Anonymität der Großstadt. Meisterlich versteht sie es, mit einfachen Worten den Verfall von traditionellen Werten aufzuzeigen. Familiäre Hilfe und Zuneigung gehen bei zunehmender Habgier und Desinteresse verloren. Aber der einzelne trägt mit dazu bei, wenn das Zusammenleben der Menschen verantwortungslos wird. Oh Jung-Hee lebt in Chunchon und erhielt 2003 den LiBeraturpreis.
„Vögel“ von Oh Jung-Hee ist beim Unionsverlag, Zürich erschienen (ISBN 3-293-20329-9).
Im Reich der Lichter von Kim Young-ha
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Buchinhalt/Buchkritik:
Kim Young ha wurde 1968 in Gangwon-do, Südkorea, geboren. Trotz Studiums der Betriebswirtschaft, fing er schon bald an zu schreiben. Veröffentlichungen von Erzählungen 1995 folgte 1996 bereits sein erster Roman. Im Jahr 1999 wurde ihm der Koreanische Literaturpreis für moderne Literatur zugesprochen. Der Roman „Empire of Light“ wurde erstmalig 2006 veröffentlicht, auf Deutsch erschien er zwei Jahre später. Spannend und einfühlsam erzählt wird hierin die Geschichte eines vergessenen Spions.
Giyoung, im sozialistischen Nordkorea geboren und von der Ideologie des Führers Kim Il-sung geformt, wird zum Spion ausgebildet. Unter hartem Drill werden ihm kapitalistisches Verhalten und südkoreanische „Erinnerungen“ antrainiert. Mit falscher Identität ausgestattet, schickt das Regime den 21-jährigen 1984 nach Seoul. Er integriert sich problemlos, besteht erfolgreich die Aufnahmeprüfung an Südkoreas Eliteuniversität und ist schon bald Mitglied der Studentenbewegung. Giyoung wird ein wichtiges Verbindungsmitglied und Nordkoreas ehrgeiziger Plan, die Intellektuelle zu unterwandern und die Juche-Ideologie Kim Il-sung voranzutreiben, scheint aufzugehen.
Aber ob aus Versehen oder wegen veränderten Machtstrukturen ... als 1994 Nordkoreas Führer an den Folgen eines Herzinfarkt stirbt, gelangt Giyoung plötzlich in Vergessenheit. Als die Befehle ausbleiben, richtet er sein Leben nach westlichen Maßstäben ein. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Filmimporteur, ist verheiratet und hat eine 15-jährige Tochter. Auch der beängstigende Gedanke, das sozialistische Paradies könnte eine Lüge sein, verfolgt ihn nicht mehr. Eines Morgens jedoch erhält er eine E-Mail, die alles verändern wird: Es ist der Befehl zur sofortigen Rückkehr nach Pjöngjang. Ihm bleiben 24 Stunden für die Vorbereitungen, nur ein Tag für seine Entscheidung: Bleibt er hier, werden sie kommen und ihn töten. Leistet er dem Befehl folge, werden sie ihn foltern, auf ewig wegsperren oder auch töten. Seine Frau und seine Tochter wissen nichts von seiner Vergangenheit. Doch auch sie haben Geheimnisse, die sie voreinander verbergen.
Neben der interessanten Agentenstory erhält der Leser wertvolle Einblicke in die unterschiedlichen Staats- und Wirtschaftsformen des zweigeteilten Landes.
„Im Reich der Lichter“ von Kim Young-ha ist im Wihelm Heyne Verlag München erschienen (ISBN 978-3-453-40544-8)
Wann kommt Mama? von Lee Tae-Jun und Kim Dong-Seong
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Buchinhalt/Buchkritik:
„Wann kommt Mama?“, ein 2007 vom Kinderbuchfonds Baobao im Züricher NordSüd Verlag erschienenes Bilderbuch, ist auf mehrfache Weise ein Novum: Der kurze und zugleich aussagestarke Text erscheint zweisprachig, auf Deutsch und Koreanisch. Es ist faszinierend, diese unterschiedlichen Schriftbilder zu vergleichen. Der Text wurde bereits 1938 von Lee Tae-Jun für eine Zeitung verfasst – vielleicht eine seiner letzten Veröffentlichungen auf Koreanisch. Danach verbot die japanische Besatzungsmacht alle Zeitungen in der Landessprache. 2004 illustrierte Kim Dong-Seong den Text meisterhaft mit der damaligen Zeit angepassten Bildern. Dabei wechselt seine Darstellungsart von einfarbigen, mit wenigen Strichen skizzierten Zeichnungen zu leuchtenden, mit kräftigen Farben gemalten Aquarelle.
Zum Inhalt der Geschichte: Es ist ein sonniger Wintertag irgendwo in Korea. Ein kleines Kind steht an einer Straßenbahnhaltestelle und wartet auf seine Mutter. Die erste Bahn kommt und hält. Menschen steigen ein, andere steigen aus. Aber die Mutter des Kindes ist nicht dabei. Bei den ersten Bahnen fragt das Kind noch den Schaffner: „Kommt meine Mama nicht?“ Es bekommt freundliche oder auch unfreundliche Antworten. Das Kind wartet und wartet, es hat kein Zeitgefühl mehr. Und es hat vielleicht auch kein Gefühl mehr zu fragen: „Kommt meine Mama nicht?“ Es wird dunkler, es fängt an zu schneien. Auf der letzten Seite der Bildergeschichte liegt bereit eine dicke Schneeschicht auf den Hausdächern. Und auf der weißen Straße sieht man in der Ferne eine Frau und das Kind Hand in Hand davon gehen.
Der kurze Text zu den mit viel Liebe zum Detail verfassten Zeichnungen lässt dem Vorleser und „seinem“ Kind Raum für eigene Entdeckungen und Interpretationen. Die Personen, ihre Art der Kleidung, ihr Verhalten machen nicht nur auf das Fremdländische neugierig, sondern verschaffen dem Leser auch einen Zugang. „Wann kommt Mama?“ wurde zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 nominiert.
„Wann kommt Mama?“ von Lee Tae-Jun und Kim Dong-Seong ist im NordSüd Verlag Zürich erschienen (ISBN 978-3-314-01535-9).
Das Haus auf dem Weg von Lee Hye Kyoung
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Die koreanische Autorin Lee Hye Kyoung kennt das Leben in einer Großfamilie aus eigener Erfahrung. Die jüngste von acht Geschwistern wurde in ihrer Heimat eine bekannte Schriftstellerin. In ihrem international erfolgreichsten Werk „Das Haus auf dem Weg“ erzählt sie die Geschichte einer Großfamilie – autobiographische Elemente hat die Koreanerin somit sehr wahrscheinlich mit eingearbeitet.
Der Roman über die Familie Lee umfasst einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren, beginnend am Ende der Geschichte. Die gesamte Familie ist in Seoul versammelt. Was als harmonische Zusammenkunft gedacht war, endet fast in einer Katastrophe. Die demenzkranke Mutter verläuft sich in der fremden Umgebung und wird erst nach Tagen gefunden und heim gebracht. In der Zeit des Suchens und Wartens lässt jeder einzelne die Familiengeschichte mit all ihren Facetten Revue passieren. Der Vater, die vier Söhne, Eunyong, die einzige Tochter, und schließlich Frau Yun, die Mutter, haben jeder ihre eigenen oft schmerzhaften Erinnerungen. Der Vater, einst selbst von familiären Fesseln geprägt („wo er kriechen musste, wenn er fliegen wollte“), traf falsche Entscheidungen zum „Wohle“ der Söhne. Bei diesen kommt zu der Auflehnung gegen das väterliche Patriarchat zunehmend eine Entfremdung unter den Geschwistern. Bei der zusätzlich rasant einsetzenden Kapitalisierung im Land mit den schweren politischen Unruhen entgeht fast jedem, dass die Tochter und Schwester sich im „Dienste“ der Familie aufopfert.
Der Leser erfährt in diesem Buch vieles über koreanisches Leben, Fühlen und Denken. Er hat Verständnis und Mitgefühl für jede einzelne Romanfigur. Und auch der Seelenschmerz wird fühlbar, als der Sohn Yunki die Bedeutung des Wortes „Familie“ aus dem Lateinischen „familia“ ableitet: der Begriff für alle Sklaven, die einem Herrn gehören.
2004 erhielt die Autorin für „Das Haus auf dem Weg“ auf der Leipziger Buchmesse den LiBeratur-Förderpreis.
„Das Haus auf dem Weg“ von Lee Hye Kyoung ist im Pendragon Verlag Bielefeld erschienen (ISBN 3-86532-018-X).
Kurve und Gerade von Yi Yun-Gi
Erstmals hat der deutschsprachige Leser Gelegenheit, auf ein Werk des 1947 geborenen südkoreanischen Autors Yi Yun-Gi zuzugreifen. Sein Band „Kurve und Gerade“ mit sieben Erzählungen, überwiegend in der Ich-Form eines Mannes mittleren Alters gehalten, treffen westliche auf östliche Denkweisen, Selbsterkenntnis auf überlieferte Wertbegriffe. Oft liegt der Handlung ein Lehrer-Schüler- oder auch Freund-Freund-Verhältnis zugrunde und der „Erzählende“ ist Reporter oder Schriftsteller. Somit stellt sich beim Lesen leicht ein autobiografischer Verdacht ein. In Dialogen über buddhistische Lehre und asiatische Erziehung zeigt Yun-Gi auf den Wandel der Menschen und den Zerfall von Traditionen.
„Kurve und Gerade“ von Yi Yun-Gi ist im Wallstein Verlag erschienen (ISBN 978-3-8353-0241-9; EUR (D) 22,00, EUR (A) 22,70; CHF 42,30). |