Asiatische Literatur - GESCHICHTEN AUS TAIWAN
Buch-Rezensionen von Anita Bolte
Gui-Gui, das kleine Entodil von Chih-Yuan Chen
Ein Kinder-Bilderbuch
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Eines Tages kullert das Ei eines Krokodils einen Hügel hinunter, mitten in ein Entennest. Die darauf sitzende Ente wundert sich nicht und brütet einfach weiter. Auch als ihre Entenkinder aus den Eiern schlüpfen und das vierte, recht merkwürdig aussehende unaufhörlich „Gui-Gui“ quiekt, ist es der Entenmutter egal. Sie lehrt ihnen alles Lebenswichtige und schenkt ihnen vor allem eines: bedingungslose Liebe. So werden Gui-Gui und seine Entengeschwister fröhlich, stark und selbstbewusst. Und als eines Tages drei böse und gefräßige Krokodile auftauchen und Gui-Gui zwingen wollen, ihnen seine Entenfamilie zu opfern, greift er zu einer klugen List. Alle überleben und Gui-Gui, das Entodil, wird der Held der Enten.
Chih-Yuan Chen hat mit Gui-Gui ein wunderbares Bilderbuch geschaffen. Es ist ein Appell für Liebe, Toleranz und Zugehörigkeit. Der 1975 geborene Autor und Illustrator lebt und arbeitet in Taiwan. Seine anrührend erzählte Geschichte wird durch eine wunderbare malerische Darstellung verstärkt. Mit gedämpften, warmen Farben lässt er liebevoll gestaltete Figuren entstehen, oft auf einem sehr romantischen, gefühlsbetonten Hintergrund. Auch gelingt Chih-Yuan Chen meisterhaft die mimische Darstellung: ein zufriedenes Grinsen, ein stolzes in die Höherecken oder ein ratloses Hängenlassen der Arme. Sogar Gui-Guis Lieblingsspielzeug, eine ihn stets begleitende Holzente, lässt nach der Begegnung mit den Krokodilen voller Schmerz ein Rad rollen. Es gibt vieles zu entdecken für den jungen Leser oder Betrachter. Vor allem die Akzeptanz des „Anderssein“ kann man Kindern nicht schöner vermitteln als mit diesem Buch.
„Gui-Gui, das kleine Entodil“ von Chih-Yuan Chen ist bei Fischer Schatzinsel Frankfurt erschienen (ISBN: 978-3-596-85283-3).
Die Insel der Göttin von Jade Y. Chen
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In dem 2008 auf Deutsch übersetzten Roman erzählt die Autorin Jade Y. Chen die eigene tragische Familiengeschichte. Die „Insel der Göttin“ ist Taiwan, der vor dem chinesischen Festland liegende souveräne chinesische Inselstaat, vormals auch Formosa genannt. Jade Y. Chen erzählt das Generationen übergreifende Leiden der Frauen ihrer Familie. Ihre Großmutter Ayako verließ 1930 Okinawa als Vollwaise, um im unbekannten Taiwan zu heiraten. Ihre neue Familie Lin gilt als chinesische Vorzeigefamilie. Als der Zweite Weltkrieg kommt und ihr Mann auf Seiten der japanischen Armee an den Kämpfen im Südpazifik teilnimmt, steht Ayako mit zwei Töchtern und der Verantwortung für die Großfamilie alleine. Zuflucht und Trost sucht sie bei den Göttern. Die Töchter werden hart, fast gefühllos erzogen. Sehnen sich – wie einst Ayako auch – nach Liebe. Heiraten ebenso schnell und werden Mütter von Töchtern. Und jede dieser Frauen vermisst die Liebe und das Verständnis ihrer Mutter. Und dabei hätte es vielleicht nur einmal Mut für ein langes und offenes Gespräches bedurft.
Jade Y. Chen entflieht den deprimierenden Familienbanden als Studentin nach Frankreich, kommt danach nach Deutschland. Erst nach 15 Jahren kehrt sie 1987 zusammen mit ihrem deutschen Partner zum ersten Mal nach Taiwan zurück. Aber ist es schon zu spät?
„Die Insel der Göttin“ von Jade Y.Chen ist im Münchner Frühling Verlag erschienen (ISBN 978-3-940233-13-4). |