Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS TIBET
Buchrezensionen von Anita Bolte
Wolkenkind von Soname Yangchen
Biografie – Aus dem Englischen von Reinhard Kreissl
Autor/Buchinhalt/Buchkritik:
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Man sieht Soname Yangchen, der engagierten und selbstbewussten, in London lebenden Asiatin ihre Vergangenheit nicht an. Irgendwann im Frühjahr 1973 im Süden Tibets geboren, war ihre Kindheit von Armut und Verfolgung geprägt. Fanatische Rotgardisten ziehen plündernd und mordend durch das von China annektierte Land. Sonames Familie, von alten Adelsgeschlechtern abstammend und vor Maos Zeit zu den Wohlhabenden zählend, wird gequält, schikaniert und gedemütigt.
Trotzdem empfindet Soname ihre frühe Kindheit als glücklich, mit der Natur und den Tieren eng verbunden, mit der Großfamilie vereint. Doch als sie sechs Jahre alt ist, wird sie zur jüngeren Schwester der Mutter nach Lhasa geschickt. Sie wäre dort eher in Sicherheit und könnte, da sie eine sehr gute Gesangsstimme hat, eine Kunst- und Theaterschule besuchen. Doch die Tante entzieht sich schon bald der Aufgabe, und Soname findet sich als Hausmädchen bei einer fremden Familie wieder. Zehn Jahre wird sie dort wie ein „Aschenputtel“ leben, von früh morgens bis spät in der Nacht arbeiten. Kein Schulbesuch, keine Bezahlung, keine Anerkennung, keine Liebe: Sie ist eine Sklavin geworden.
Als sie erkennt, dass Tibet ihr keine Zukunft bieten kann, entschließt sich die 16-Jährige zur Flucht. Mit wechselnden Leidensgefährten beginnt eine abenteuerliche Reise, eine mühsame Klettertour durch den schneebedeckten Himalaya, dem Dach der Welt. Vor ihr liegt eine unbekannte Zukunft, hinter ihr eine traumatische Vergangenheit. Sieben Wochen später ist sie in Katmandu, einem Höllenspektakel: Autos, Tiere, Menschenmassen. Nepal kann sie nicht halten, es treibt sie weiter. Nach Delhi, der indischen Hauptstadt, folgt Dharamsala, der neue, nordindische Sitz des Dalai Lama mit der tibetischen Exilregierung. „Alles im Leben hängt vom Karma ab“, weiß Soname.
So nimmt sie auch die nächsten Schicksalsschläge hin: Sie wird schwanger, bringt eine Tochter zur Welt, wird vom Kindsvater verlassen. Mit Kind findet sie keine Arbeit, ohne Arbeit kann sie kein Kind versorgen: Es bricht ihr das Herz, als sie ihre Tochter fortgeben muss. Einige Jahre später, sie ist wieder in Delhi und arbeitet in einem Sari-Laden. Sie kommt mit reichen Leuten zusammen, wird als „Exot“ in deren Kreisen aufgenommen.
Der Franzose Mark lädt sie ein nach Frankreich und verschafft ihr ein Visum. Mit 23 Jahren hält Soname zum erstenmal einen eigenen Ausweis in den Händen. Im Oktober 1997 fliegt sie über Moskau nach Paris. Einen Monat später reist sie weiter nach England. Hier lebt Michael, den sie auch aus Indien kennt. Als der 20 Jahre Ältere ihr einen Heiratsantrag macht, nimmt sie an.
Das Leben änderte sich rasend schnell wie auf einer Achterbahn. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich selber als Reinmachefrau. Und ihre große Leidenschaft, das Singen, kann sie auch ausleben. Was spontan auf einer Hochzeitsfeier beginnt, macht sie Schritt für Schritt zur „Stimme Tibets“, zur Botschafterin ihres vergessenen Landes. Und das Allerschönste für sie ist: Sie hat nicht nur den Kontakt zu ihrer Schwester und Familie wiedergefunden, sondern auch zu ihrer Tochter. Es ist letztlich immer eine Frage von Karma.
Buchtitel: „Wolkenkind“
Autor: Soname Yangchen mit Vicki Mackenzie
Ersterscheinung: 2005 im Droemer Verlag, München
seit November 2006 als Knaur Taschenbuch
304 Seiten, UVP: € 8,99 (D), € 9,30 (A)
ISBN:978-3-426-77926-2
Tibet hinter dem Spiegel von Ulli Olvedi
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Ulli Olvedi, 1942 geborene Deutsche, ist Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Qi Gong- Lehrerin. Sie ist gleichermaßen bei München wie auch in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, zu Hause. Schon seit Jahrzehnten mit dem tibetischen Buddhismus vertraut, gibt sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen in Sachbüchern und Romanen wieder.
In dem Roman „Tibet hinter dem Spiegel“ lernt der Leser drei in Kathmandu aufeinander treffende Menschen kennen. Die deutsche Buddhistin Teresa hat sich hier ein eigenständiges, selbstbestimmendes Leben aufgebaut. Die 15-jährige Joe flieht in den Ferien zu der ihr fremden Großmutter aus einer gefühlskalten und erfolgsorientierten Familie. Tashi, der Tibeter und Frauenkenner, wird von der Kunstmafia verfolgt. Ein wertvolles Rollbild aus einem tibetischen Kloster ist verschwunden, ein Maler in Nepal ermordet, und Tashis bester Freund unauffindbar. Die drei helfen und öffnen sich einander. Bei der Flucht in die tibetischen Berge wächst der einzelne aus sich heraus und erkennt seine Bestimmung.
Die Autorin vermittelt geschickt buddhistische Lehre und Weisheit mit modernen Lebensanschauungen, verpackt in einen spannenden Kriminalfall.
„Tibet hinter dem Spiegel“ ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen (ISBN 978-3-596-16362-5). |