Asiatische Literatur – GESCHICHTEN AUS VIETNAM
Buchrezensionen von Anita Bolte
"Der pensionierte General" von Nguyen Huy Thiep
Erzählungen
aus dem Vietnamesischen von Günter Giesenfeld und Marianne Ngo
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Buchinhalt/Buchkritik:
In seiner „Bibliothek der Entdeckungen“ präsentiert uns der Mitteldeutsche Verlag einen bemerkenswerten Band mit 11 Erzählungen aus knapp zwei Jahrzehnten von dem Vietnamesen Nguyen Huy Thiep. Dieser war einer der ersten Vertreter der neuen jungen Literatur Vietnams seit Einführung der „Politik der Erneuerung“ 1986. Seine Erzählung „Der pensionierte General“ erschien zuerst in der Literaturzeitschrift „Van Nghe“ und löste damals einen heute kaum noch nachvollziehbaren Skandal aus. Nach den vorher in der vietnamesischen Literaturszene herrschenden „30 Jahre des Schweigens“, hervorgerufen durch die Einschränkungen und Kontrolle während der Kriege, provozierte der Autor durch seine eigene und nicht von der Nationalen Einheit gewünschte Sichtweise.
Zum Inhalt: General Thuan war zeitlebens Soldat. Sein Dorf, seine Frau und die Kinder sah er nur in den seltenen Urlaubstagen. Nun ist er pensioniert und freudig heimgekehrt. Anfängliche Euphorie weicht der Resignation. Sein Sohn, aber vor allem auch seine Schwiegertochter haben den familiären Alltag neben ihrer guten beruflichen Position organisiert. Seine demenzkranke Ehefrau siecht dahin, ebenso wie die alten traditionellen Familienregeln. Als seine ehemalige Einheit ihn zu einer Militärübung einlädt, kommt seine alte Tatkraft zurück. Das Ende der Geschichte ist – vielleicht aus Rücksicht zu der damaligen politischen Situation in Vietnam – nicht eindeutig, lässt aber viel Raum für Vermutungen und Spekulationen.
In seinen Erzählungen vermittelt der Autor viel Wissenswertes von Land und Leute, von Tradition und Glauben. Wir erfahren von Hoffnungen und enttäuschten Träumen. „Der Vietnamese wird verachtet, wo immer er hingeht“, heißt es in der Erzählung „Lieder“. So will Thiep wohl sagen, dass für ihn und seinen Landsleuten das Leben nur in Vietnam lebenswert ist, auch wenn die Lebensbedingungen viele Wünsche offen lassen.
Der Autor:
Nguyen Huy Thiep wurde 1950 in der Provinz Thai Nguyen geboren. 1970 machte er sein Lehrerexamen und ging dann freiwillig für zehn Jahre als Dorflehrer in die Bergregion in der Provinz Tay Bac im Nordwesten des Landes. Seit 1980 wohnt er in Hanoi, in einem „Dorf“ mitten in der Millionenmetropole. Wie viele seiner Berufskollegen hat er nicht sein Land als Dissident verlassen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als Allroundkünstler: Neben der Schriftstellerei arbeitet er als Töpfer, Zeichner, Maler, Händler, Büroangestellter und Restaurantbesitzer. In dem umfangreichen und äußerst informativen Nachwort des Übersetzers heißt es: N.H.T. genießt eine gewisse Narrenfreiheit – und benimmt sich auch oft so.
Buchtitel: Der pensionierte General
Buchautor: Nguyen Huy Thiep
Copyright 1971 - 2004
Erscheinung: Deutsche Erstausgabe 2009, Mitteldeutscher Verlag, Halle
288 Seiten, geb., illustriert, 19,00 €
ISBN 978-3-89812-633-5
Erhältlich u. a. bei Amazon.
"Der Traum von Orly" von The Dung
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Buchinhalt/Buchkritik:
Orly ist ein internationaler Flughafen südlich von Paris. Und von diesem träumt Tran Linh, der junge vietnamesische Französischlehrer, wenn er an seine Zukunft denkt. Denn Orly ist für ihn gleichbedeutend das Tor in ein besseres Leben, in Wohlstand und Unabhängigkeit. Doch sein Weg dorthin ist weit und beschwerlich. Früher ging er noch von einer guten Existenz in Hanoi aus. Doch ohne vermögende und einflussreiche Eltern und ohne verwandtschaftliche Beziehungen in der Hauptstadt erhält man dort keine Planstelle, kein Bleiberecht. So musste er nach erfolgreichem Studium die ihm zugewiesene Stelle des Französischlehrers in Quang An annehmen. Doch ob Hauptstadt oder tiefste Provinz: Das Leben in Vietnam ist entbehrungsreich. Auch ein Intellektueller kann sich trotz Berufstätigkeit kaum ernähren, ist oft auf „Geschenke“ oder Kredite angewiesen. Viele verlassen das Land illegal als „Boatpeople“. Wenn sie dabei nicht den Stürmen oder Piraten zur Beute werden, so sehen sie doch einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch Tran Linh will legal nach Deutschland auswandern. Im Bruderland „DDR“ werden Dolmetscher und Betreuer für die dort lebenden vietnamesischen Vertragsarbeiter benötigt. Er lernt autodidaktisch die deutsche Sprache und bemüht sich um die Zulassung zur staatlichen Dolmetscherprüfung. Er ist ehrgeizig und gerissen. Mit schauspielerischem Talent und mit Krediten finanzierten Geschenken „schmiert“ er alle wichtigen Personen auf seiner Karriereleiter. Ist er erst in Deutschland und erfüllt seine fünfjährige Verpflichtung, dann wird er schon den Weg über Orly nach Paris finden, um irgendwann als reicher Mann zurückzukommen nach Hanoi, seinem eigentlichem Ziel – ohne sich als Emigrant im eigenen Land zu fühlen. Doch Tran Linhs große Schwäche ist das weibliche Geschlecht. Und oft genug scheinen seine Affären seinem Auswanderungsziel hinderlich zu sein, ja gar sein Leben zu bedrohen. Doch am 22.12.1989 sitzt er zum ersten Mal in seinem Leben in einem Flugzeug.
Was er da noch nicht weiß: Sein Zielland, die DDR, wird nicht mehr lange existieren. Doch genau hier endet der Roman. Anstelle eines Vorworts weist der Verlag darauf hin, dass der Schriftsteller beabsichtigt, eine Fortsetzung zu schreiben. Nur leider ist die real existierende Hauptperson der Geschichte auf mysteriöse Weise spurlos verschwunden. Der beabsichtigte Titel von Band II soll lauten: Der Tod kam in Berlin.
Der Autor:
Der Autor The Dung wurde 1954 in Tuyen Quang in Vietnam geboren. Er studierte Pädagogik in Hanoi, nahm von 1971 bis 1976 als Soldat am Vietnamkrieg teil und siedelte 1989 nach Deutschland über. Seine Stärke ist zweifelsohne die Poesie, die er auch seinem Protagonisten im vorliegenden Roman verleiht.
Buchtitel: „Der Traum von Orly“
Autorin: The Dung
Erscheinung der deutschsprachigen Ausgabe: 2010 Horlemann Verlag, Bad Honnef
288 Seiten
UVP: EUR 17,90
ISBN 3895022918
Erhältlich u. a. bei Amazon.
MADE IN VIETNAM von Carolin Philipps
Ein Jugendbuch ab 14 Jahren
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Buchinhalt/Buchkritik:
Das Dorf, in dem die Familie zu Hause ist, liegt nahe Ho-Chi-Minh-Stadt. Die 14-jährige Lan war stets die beste Schülerin der Klasse und ihr Traum war es, einst Ärztin zu werden. Doch als ihr Vater krank wird, muss sie zum Arbeiten und Leben in die etliche Kilometer entfernte Schuhfabrik. Die Familie ist auf das Geld angewiesen. Die Kinder arbeiten ohne Unterbrechung von morgens bis spät in die Nacht, oft ohne einen freien Tag in der Woche. Fallen ihnen dann vor Müdigkeit die Augen zu, werden sie von Aufsehern hart bestraft und ihr karger Lohn zusätzlich gekürzt. Großaufträge aus Europa erfolgen am laufenden Band, machen den vietnamesischen Fabrikbesitzer reich und immer gieriger. Für das Leid seiner Arbeitnehmer hat er keine Augen, wohl aber dessen Vater, und als Lan ihm begegnet, scheint die Hoffnungslosigkeit ein Ende zu haben. Doch vorher wird noch alles schlimmer: Nach einem der seltenen Besuche zu Hause muss sie auch ihre 11-jährige Schwester Thao mit in die Schuhfabrik nehmen: Das Geld reicht sonst nicht mehr. Und hier hat sich inzwischen hoher Besuch angesagt: Ein deutscher Arbeitsinspektor kommt mit seiner Familie, will die Fabrik besichtigen und der Firma vielleicht die „Blaue Plakette“ verleihen, das Gütesiegel für faire Arbeitsbedingungen.
In ihren zahlreich erschienenen Jugendbüchern weist Carolin Philipps immer wieder auf Missstände und Ungerechtigkeiten hin. Auch in diesem Buch geht sie auf die Entwicklung Vietnams, die Kriegszeiten und auch seiner Spätfolgen ein. Sie erwähnt das von den Amerikanern aus der Luft eingesetzte Gift „Agent Orange“ zur Entlaubung des Urwaldes wie auch das vietnamesische Tunnelsystem von Cu Chi bei Ho-Chi-Minh-Stadt (Name bis 1976: Saigon). Zwar vermisst der Leser hier manchmal die große Erzählkunst, doch erfahren die jungen Menschen sehr viel Wissenswertes über das Land, seine Geschichte und seine Kultur. Am Ende des Romans hat die Autorin offen gelassen, ob die Zukunft eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in Vietnam bringen wird.
Die Autorin:
Die 1954 in Meppen geborene deutsche Autorin hat Geschichte und Anglistik studiert und ist Gymnasiallehrerin in Hamburg. Sie ist mit einem Vietnamesen verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
Buchtitel: „Made in Vietnam“
Autorin: Carolin Philipps
Erscheinung der deutschsprachigen Ausgabe: 2009 Verlag Carl Ueberreuter, Wien
139 Seiten
UVP: EUR 9,95
ISBN 978-3-8000-5421-3
Erhältlich u. a. bei Amazon.
Totalschaden von Que Du Luu
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Buchinhalt/Buchkritik:
„Totalschaden“, der Debütroman einer jungen Vietnamesin mit chinesischer Abstammung, ist ein großes Leseerlebnis. Mit schlichten und unkomplizierten Worten erzählt die Autorin Que Du Luu ausdrucksstark als Ich-Erzählung die Geschichte des Jurastudenten Patrick. Mit zehn Jahren verlor dieser die Eltern an einem einzigen Tag. Die psychisch kranke Mutter griff dem Vater ins Lenkrad, um Albert Einstein zu retten, den sie auf der Straße stehen sah. Der Vater stirbt, die Mutter kommt in eine Nervenklinik. Seitdem verweigert Patrick jeglichen Kontakt zur Mutter. Die nächste Zeit verbringt er bei der Familie seiner ihm bis dato unbekannten Tante, dann führt er ein ausgeglichenes, wenn auch kontaktarmes Leben in einem Wohnheim, bis seine Nachbarin Susi ihn wegen eines kleinen Gefallens in ihre Wohnung bittet. Dort sieht er ein Poster, auf dem ihm Albert Einstein die Zunge entgegen streckt. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder allgegenwärtig: Patrick flippt aus. Es entstehen Irrungen und Wirrungen, Freundschaft und vielleicht Liebe. Bekommt die Mutter-Sohn-Beziehung eine zweite Chance?
Die Autorin:
Die Autorin Que Du Luu wurde 1973 in Cholon/Vietnam geboren (heute ist dies ein Stadtteil von Ho Chi Minh Stadt). Nach dem Ende des Vietnamkrieges musste die zur chinesischen Minderheit zählende Familie 1976 fliehen. Sie entkamen als Bootpeople: 56 Personen mussten auf einem 21 Meter langen Schiff ausharren. Deutschland nahm die Familie auf. Que Du Luu lebte zuerst in Herford und jetzt in Bielefeld. Ihre jetzige Heimat ist auch Handlungsort von „Totalschaden“. Mit Lebensweisheit und ebenso viel Witz hat die junge Schriftstellerin ein kleines Meisterwerk geschrieben. 2007 erhielt sie hierfür den Adelbert-von-Chamisso-Preis von der Robert Bosch Stiftung.
Buchtitel: „Totalschaden“
Autorin:
Que Du Luu
Verlag der deutschsprachigen Ausgabe: DTV
ISBN 978-3-423-13696-9
Erhältlich u.a. bei Amazon.
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