„Der Tourismus reagiert sensibel auf Störungen“
Der deutsche Botschafter Hanns H. Schumacher im Interview mit Siam heute
Dr. Hanns Heinrich Schumacher ist seit Oktober 2008 deutscher Botschafter in Thailand. Im Interview erzählt er nicht nur von seinen bisherigen Stationen als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, sondern er äußert sich auch zur politischen Lage im „Land des Lächelns“.
SIAM HEUTE: Nach Ihrer Promotion arbeiteten Sie ab 1979 für drei Jahre in der Botschaft
in Israel. Als Botschafter repräsentierten Sie Deutschland in den Ländern Namibia, Finnland und zuletzt im Irak – mit Ausnahme Finnlands nicht gerade politisch stabile Länder. Gab es brenzlige Situationen, in denen Sie um Ihre Gesundheit fürchten mussten?
Schumacher: Die Situation im Irak war sicherlich besonders schwierig und belastend aufgrund der allgemeinen Sicherheitslage und der Notwendigkeit, bestimmte Maßnahmen zum persönlichen Schutz beachten zu müssen. Das Tragen von Schutzwesten ist physisch sehr beschwerlich. Daran war ich aber gewöhnt, da ich eine ähnliche Situation schon von 1997 bis 1999 als Vertreter für die Vereinten Nationen in Bosnien erlebt hatte. Ich bin den Anweisungen und Ratschlägen meines Sicherheitspersonals gefolgt und konnte so konkrete Gefährdungen vermeiden. Nein, eine Situation, in der ich direkt um meine Gesundheit fürchten musste, gab es nicht – wenn man davon absieht, dass ich in Finnland im Winter oft zum traditionellen Eislochschwimmen eingeladen wurde. Aber auch dem konnte ich aus dem Wege gehen.
SIAM HEUTE: Mit welchem Land, in dem Sie bisher gearbeitet haben, fühlen Sie sich auch heute noch besonders eng verbunden?
Schumacher: Viele Diplomaten fühlen sich traditionell mit ihrem ersten Posten besonders verbunden. Meine Aufgabe in Tel Aviv als Leiter der Konsular- und Rechtsabteilung war zudem in besonderem Maße beeinflusst durch die historische Verantwortung, die wir dort tragen und die besonderen Beziehungen beider Länder. Als einen außergewöhnlichen beruflichen Höhepunkt empfand ich meine Mitwirkung als deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen am Gipfel der Staats- und Regierungschefs in New York zur Erarbeitung eines neuen UNICEF Aktionsplans für Kinderrechte im Jahre 2002.
SIAM HEUTE: Sie sind erst seit wenigen Monaten im Amt. Wie war Ihr erster Eindruck von den Menschen im Land des Lächelns?
Schumacher: Nun, im „Land des Lächelns“ gab es bisher wenig zu lachen, wenn ich mich so salopp ausdrücken darf. Thailand ist immer ein Anker der Stabilität und ein bevorzugter politischer Partner in Südostasien gewesen. Wir würden uns sehr wünschen, dass das so bleibt! Politische Auseinandersetzungen dürfen nicht so zugespitzt werden, dass man das Gemeinwohl und die Interessen der breiten Bevölkerung völlig außer Acht lässt. Man muss abwarten, wie sich die Situation nach dem Urteil des Verfassungsgerichts und der anstehenden Regierungsneubildung nun entwickelt. Natürlich ist mein erster Eindruck sehr positiv: Thailand ist ein wunderbares Land, mit großem wirtschaftlichem Potenzial und enorm fleißigen und freundlichen Menschen. Die werden aber um den Lohn ihrer Arbeit gebracht, wenn das politische Patt andauert! Und gerade der Tourismus, eine wichtige Einnahmequelle Thailands, reagiert sensibel auf Störungen. Ein Vertrauensverlust hier ist nur sehr langsam wieder gut zu machen.
SIAM HEUTE: Worauf sollten sich die Menschen besinnen?
Schumacher: Das besondere an thailändischer Kultur war für mich immer die Fähigkeit der Menschen, Konflikte und Interessengegensätze zumeist gelassen und friedlich zu lösen sowie dem Streben nach der Einheit der Nation in Respekt und Achtung vor dem Königshaus den Vorrang zu geben. Dies hat – auch bei den bekannten gewaltsamen Auseinandersetzungen in der jüngeren Vergangenheit – Thailand letztlich zu einem politischen und wirtschaftlichen Erfolgsmodell in der Region gemacht. Dies sollte man nicht verspielen.
SIAM HEUTE: Was raten Sie deutschen Touristen, die derzeit überlegen, ob sie ihren Urlaub im Jahr 2009 in Thailand verbringen möchten?
Schumacher: Wir informieren sachlich über die politischen Umstände und warnen vor Situationen und auch Regionen, die es zu meiden gilt. Die Entscheidung, nach Thailand zu reisen, muss dann jeder alleinverantwortlich treffen. Während der Besetzung der Flughäfen mussten wir zeitweilig von nicht erforderlichen Reisen nach Thailand abraten. Dieser Hinweis wurde nach Öffnung der Flughäfen zurückgenommen. Ich rate also, sich über die Website der Botschaft oder das Bürgertelefon des Auswärtigen Amtes in Berlin vor Reiseantritt über die aktuelle Lage zu informieren.
SIAM HEUTE: Politische Krisen sind für Thailand nichts Neues. In Europa studierte Thais, unter anderem die späteren Premierminister Por Pibulsongkram und Pridi Pranomyong, haben sich an den westlichen Demokratiesystemen orientiert, bevor ihre politische Gruppe, die so genannte „Kanarath“, die absolute Monarchie beendete und König Rama VII der parlamentarischen Monarchie 1932 zustimmte. War es falsch, den Westen als Vorbild für Thailand zu nehmen?
Schumacher: Es ist einhellige Meinung, dass westliche Länder ihre Regierungssysteme anderen Rechts- und Kulturkreisen nicht einfach überstülpen können. Gerade Thailand hat aber immer wieder den Dreiklang – Religion, König und Einheit der Nation – beschworen. Ich sehe, dass die Einheit der Nation bei vielen handelnden Politikern zur Zeit leider nicht das prioritäre Entscheidungskriterium ist. Die Erwartungen der EU und ihrer Partner an eine legitime und gewählte Regierung des Landes hat nur bedingt etwas mit „Demokratie nach westlichem Vorbild“ zu tun. Es gibt viele, akzeptable Formen der Demokratie.
SIAM HEUTE: Wie könnte man das gegenseitige Verständnis für die Kulturen unserer beiden Länder verstärken?
Schumacher: Gerade die kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind ungewöhnlich stark und vielfältig. Wir haben viele Mittler, auf beiden Seiten, die an einem intensiven Kulturaustausch mitwirken. Deutschland ist ein attraktiver Studienstandort für thailändische Studierende. Dies wollen wir weiter fördern und verstärken. Der Wissenschaftsaustausch muss intensiviert werden. Unser Goethe Institut in Bangkok, der DAAD, die politischen Stiftungen machen eine hervorragende Arbeit. Umgekehrt wäre es für Thailand vielleicht zu empfehlen, den Gedanken der Errichtung eines thailändischen Kulturinstitutes in Deutschland, den man ja schon einige Male geäußert hatte, auch wirklich umzusetzen.
SIAM HEUTE: Sie gehen zunächst von einer normalen Amtszeit von drei bis vier Jahren aus. Was erhoffen Sie sich ganz persönlich von Ihrer Zeit in Bangkok?
Schumacher: Eine beruflich fordernde und lohnende Amtszeit, an deren Ende ich sagen kann: Ich habe in der langen Ahnenreihe meiner Vorgänger einen bleibenden Beitrag geleistet, die Beziehungen unserer beiden Ländern weiter entwickelt, sie enger und verständnisvoller gestaltet – und ich habe die Zeit und Möglichkeiten gehabt, soviel wie möglich von diesem wunderbaren Land kennenzulernen. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, länger als drei bis vier Jahre zu bleiben und hier nach fünf Jahren meine aktive Dienstzeit zu beenden.
SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Birte Bolte im Dezember 2008.
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