Ausgabe 01/2010

Kulturmagazin Siam heute Ausgabe 01/2010
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„Deutsch war lange Zeit eine wichtige Fremdsprache“
Norbert Spitz, Leiter des Goethe-Instituts in Bangkok, im Interview mit Siam heute

Norbert Spitz ist Leider des Goethe Instituts in Bangkok
Dr. Norbert Spitz ist seit Februar 2009 Leiter des Goethe-Instituts in Bangkok. Vorherige Auslandsstationen waren Beirut, Kabul, Montreal und Khartum. Im Interview äußert er sich über kulturelle Beziehungen, die thailändische Nationalhymne, in Konkurrenz stehende Sprachen und Zukunftsprojekte.

SIAM HEUTE: Das Goethe-Institut hat neben der Sprachförderung die internationale kulturelle Zusammenarbeit zur Aufgabe. Wie definieren Sie deutsche Kultur?

Spitz: Die UNESCO hat im Jahr 1982 Kultur wie folgt definiert: „Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“

Unter dieser Definition sehe ich auch die deutsche Kultur, die sich durch eine unglaubliche Vielfältigkeit auszeichnet, die möglich ist, weil Kulturförderung in Deutschland als eine wichtige staatliche bzw. öffentliche Aufgabe gesehen wird. Auf der anderen Seite ist Kultur aber auch tief in unserer Gesellschaft verankert, und wir verstehen uns heute als eine Kulturnation, also eine Gesellschaft, die sich in weiten Teilen eher über das gemeinsame kulturelle Erbe definiert als beispielsweise über errungene Siege, eroberte Territorien oder internationalen Machterhalt.


SIAM HEUTE: Deutsche und thailändische Kultur im Vergleich – sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Spitz: Die kulturelle Szene in Thailand zeichnet sich dadurch aus, dass die Pflege der Tradition eine besondere Rolle spielt. Dennoch nehmen moderne, zeitgenössische Ausprägungen des kulturellen Lebens auch in Thailand einen immer größeren Raum ein. Das kann man statistisch belegen, beispielsweise mit einer gestiegenen Zahl von Kunstgalerien und neuen Festivals für Tanz und elektronische Musik.

Auch in Deutschland stehen Tradition und Moderne im Kulturleben nebeneinander, aber die Gewichtung ist doch eher umgekehrt: Uns interessiert das Neue stärker, weil es in der Regel eine direkte Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen widerspiegelt. Und wir Deutsche setzen uns ja sehr gerne mit unseren gesellschaftlichen Verhältnissen auseinander, wenn es sein muss auch kritisch. Ich erinnere nur daran, dass vor 40 Jahren die Studentenbewegung eine erhebliche Dynamik nicht nur im politischen Bereich auslöste, sondern auch im Bereich des kreativen und kulturellen Schaffens.


SIAM HEUTE: Wie könnten zukünftige kulturelle Veränderungen aussehen?

Spitz: Künstler und Kulturschaffende werden sich immer wieder mit neuen Produktionsmitteln und Produktionstechniken auseinandersetzen. Schon die Erfindung des Buchdrucks war eine kulturelle Revolution. Heute ist der drahtlose Zugang zum Internet und damit zu einem Großteil des weltweit gesammelten Wissens vielleicht eine Revolution von ähnlichem Ausmaß. Warum sollten diese technischen Möglichkeiten nur zur Wissensvermittlung genutzt werden? Das virtuelle Netz kann die Behauptung „Kultur verbindet“ tatsächlich mit Leben füllen, weil es eben auch die Möglichkeiten der Interaktion bietet und nicht nur die Möglichkeit, ganze Bücher herunterzuladen. Schon heute ist zum Beispiel ein Konzert möglich, bei dem ein Musiker in Montreal spielt, ein zweiter in Karlsruhe und ein dritter in Tokio – alle im selben Moment alleine in einem Studio, aber im Internet live zusammengeführt.

SIAM HEUTE: Ein wichtiger Aspekt der Kulturförderung ist der Fokus auf die Sprache…

Spitz: Deutsch war lange Zeit eine in Thailand wichtige Fremdsprache. Heute gibt es im internationalen Kulturaustausch aber nicht mehr nur das Goethe-Institut, den British Council und die Alliance Française, die eine Sprachpolitik betreiben. Auch Länder wie Japan, China und Korea haben das Feld der auswärtigen Kulturpolitik als wichtiges Spielfeld erkannt und betreiben eine aktive Sprach- und Stipendienpolitik mit dem Ziel, junge Thailänder für ein Studium in diesen Ländern zu motivieren. Dem müssen wir Rechnung tragen und verstärkt kommunizieren, warum es nach wie vor interessant ist, Deutsch zu lernen. Immerhin ist Deutsch die in Europa am meisten gesprochene Muttersprache; Deutschland spielt in den Bereichen Politik und Wirtschaft eine zentrale Rolle, und unsere Universitäten und Hochschulen sind diversifiziert, vielfach zudem kostenfrei. Selbst da, wo Studiengebühren erhoben werden, belaufen sich diese auf 500 Euro pro Semester bei den staatlichen Hochschulen. All das sind Argumente, die wir noch deutlicher kommunizieren müssen.

SIAM HEUTE: Im vergangenen Jahr jährten sich die thailändisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen zum 150. Mal. Wie weit reichen die kulturellen Einflüsse zurück?

Spitz: Ein Kulturabkommen zwischen Deutschland und Thailand gibt es seit dem Jahr 1984, aber schon im Jahr 1960 nahm das Goethe-Institut in Bangkok seinen Betrieb auf. Was die „offiziellen“ Kulturbeziehungen betrifft, so werden diese also im kommenden Jahr 50 Jahre alt. Aber natürlich gab es schon vor dieser Zeit einen Austausch, in der Regel auf persönlicher Ebene und durch Reisen in das jeweils andere Land, aber auch durch Leistungen Einzelner für die Allgemeinheit. Hier denke ich an die Rolle Deutschlands beim Bau der Eisenbahn in Thailand, sowohl eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung des Landes, aber in der Moderne natürlich auch relevant für Tourismus und für interkulturelle Begegnung. Im engeren Kulturbereich denke ich an die thailändische Nationalhymne aus dem Jahr 1939, die der deutschstämmige Peter Feith komponierte.

SIAM HEUTE: Haben Sie den Traum von einem bestimmten deutsch-thailändischen Kulturprojekt?

Spitz: Für mich liegt die größte Herausforderung in der Kulturarbeit darin, der Kultur jenseits des Mainstreams zu einer größeren Visibilität zu verhelfen, wie etwa durch die Schaffung von nationalen und regionalen Netzwerken in den verschiedenen Sparten der zeitgenössischen Kultur. Wir arbeiten derzeit an einem konkreten Tanznetzwerk für Südostasien, das sowohl aus einer umfassenden Datenbank zum Tanz in der Region besteht, als auch aus einer Plattform, auf der sich Tänzer, Choreographen und Kritiker aus der Region und aus Deutschland begegnen, sich über ihre Werke austauschen und Ideen für gemeinsame Werke entwickeln. Am Ende wird dann ein Festival stehen, das dann hoffentlich auch das Augenmerk der internationalen Fachwelt finden wird.

Auch im Bereich der elektronischen Medien sehe ich große Potenziale. Deutschland gehört zu den Ländern mit einem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir verfügen dort über erhebliche Expertise im Bereich Kinder- und Jugendfernsehen. Hier in Thailand – wie in den meisten ASEAN-Staaten – sind fast 90 Prozent der Kinderprogramme aus dem Ausland eingekauft statt selbst produziert. Wir glauben, dass wir unsere deutsche Expertise für die Zielgruppe „junge Zuschauer“ verstärkt einbringen können. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Wissen der Schlüssel zum Erfolg ist. Warum soll es nicht irgendwann eine thailändische Variante von einer der ältesten und unterhaltsamsten Wissenssendung im deutschen Fernsehen geben, nämlich „Die Sendung mit der Maus“?


SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!


Interview aus dem Jahr 2009.





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