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Verschmelzung von Geschichte und Märchen
Das Nationalmuseum in Bangkok bietet wöchentlich Führungen auf Deutsch an
Von Birte Bolte
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Als Ganesha, der hinduistische Gott der Weisheit, auf seiner Ratte durch das Land ritt, kreuzte eine Schlange seinen Weg. Die Ratte scheute. Ganesha fiel herunter und sein dicker Bauch platzte auf. Kurzerhand benutzte er die Schlange, um sich den Bauch wieder zuzubinden – sehr zur Belustigung der Göttin des Mondes. Erbost über ihre Heiterkeit nahm er einen seiner Stoßzähne aus seinem Elefantenkopf und warf ihn ihr hinterher… und so entstand der Halbmond – das ist nur eine der vielen humorvollen Anekdoten, die Gaby Fassbender auf ihrer Führung durchs Nationalmuseum Bangkok erzählt.
Die 46-Jährige gehört zu den National Museum Volonteers Bangkok. Die in erster Linie aus Ausländern bestehende Gruppe bietet wöchentlich Führungen in verschiedenen Sprachen an. Mittwochs und donnerstags, jeweils ab 9.30 Uhr, finden Touren auf Deutsch statt. Ein Team von ungefähr 20 Deutschen, Schweizern und Österreichern wechselt sich ab.
„Ich gebe seit vier Jahren drei bis vier Führungen im Jahr“, sagt Fassbender. „Wir haben alle unseren eigenen Stil. Ich erzähle im Stil eines Märchens.“ Ein faszinierendes Märchen – zwei Stunden voller Anekdoten, Geistergeschichten und Legenden, aber auch historischer Wahrheiten, sind wie im Nu verflogen.
Das Nationalmuseum Bangkok befindet sich direkt neben der Thammasat Universität beim Sanaam Luang (Platz des Königs) im Zentrum der thailändischen Hauptstadt. Gleich hinter dem Eingang befindet sich ein Erinnerungsstück an den Begründer Bangkoks. König Rama I, erster Monarch der Chakkri-Dynastie ab 1782, ließ ein thailändisches Teakhaus für seine ältere Schwester Sri Sudarak bauen. Das Bauwerk, ohne Nägel gebaut und auf Stelzen stehend, zeugt von chinesischem Einfluss. „Ein männlicher Löwe mit einem Seidenballen unter der Tatze und ein weiblicher Löwe, das ein Junges unter der Tatze hat, beschützen das Haus vor Eindringlichen“, erklärt Fassbender und verweist auf die Steinmetzstatuen im original chinesischen Stil. Grund für den Einfluss Chinas ist die chinesisch-stämmige Mutter des Königs Rama I.
Doch nicht nur die starken Löwen sollen Schutz bieten – eine wenige Zentimeter hohe Türschwelle aus Holz soll die bösen Geister aufhalten. „Die Geister der Luft und Erde breiten sich geradlinig aus. Sie können Schwellen nicht überwinden“, erläutert die Kunstexpertin den Jahrhunderte alten Glauben.
In den Ausstellungsräumen erwarten den Besucher des Nationalmuseums sowohl Steinkunst der Khmer als auch der Mon. Während die Khmer den Osten des Lanna-Reiches regierten, dominierten die Mon den Nordwesten bis zum 14. Jahrhundert. Die Mon sind bekannt für ihre Dvaravati-Steinkunst. Im Jahr 1899 wurde Lanna formell von Siam annektiert. Der letzte Herrscher, Kaeo Nawarat, verstarb 1939.
Das Nationalmuseum beherbergt zahlreiche Fundstücke der beeindruckenden Geschichte Lannas und Siams. „Siam ist ein indisches Wort und bedeutet ‚Gold‘. Siam ist somit das goldene Land“, sagt Fassbender. Das Repertoire an Exponaten reicht von hinduistischen Gottheiten und Buddha-Figuren bis zum Rad der Lehre oder dem Waffenarsenal der Könige Mongkut und Chulalongkorn (Rama IV und Rama V).
Bei manchen Ausstellungsgegenständen musste moderne Diplomatie der alten Kunst zu Hilfe eilen. „Vishnus kosmischer Traum“ – ein Relief, das im Nordosten Thailands über einem Khmer-Tempel gefunden wurde – gelangte erst über Umwege ins Nationalmuseum: „Es wurde aus Thailand gestohlen und bei einem hohen Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in den Vereinigten Staaten gefunden“, erklärt die Museumsführerin
Den Abschluss der Führung bildet die Trauerhalle. In frischem Glanz erstrahlt die „Große Kutsche des Sieges“, die König Rama I ursprünglich für die Feuerbestattung seines Vaters errichten ließ. Anlässlich der Einäscherung von Prinzessin Galyani Vdhana, der Schwester von König Bhumibol Adulayadej, wurde der königliche Wagen 2008 vollständig renoviert. „Die 16 Meter hohe Kutsche muss von 256 Menschen, die in Trippelschritten gehen, gezogen werden. Alle Teilnehmer sind in Rot gekleidet“, sagt Gaby Fassbender. Rot sei eine neutrale Farbe, so dass das Gold der Kutsche besser zur Geltung komme. Auf vier Stangen gut sichtbar befinden sich rot-goldene Schirme. „Sie repräsentieren den Rang des Verstorbenen“, erklärt die Museumsführerin. Eine Prinzessin erhalte drei Schirme, die Königin fünf und dem König ist die höchste Anzahl von sieben Schirmen vorbehalten. „So konnten die Menschen früher erkennen, wem die Prozedur galt“, so Fassbender.
Als Erinnerungsstück an das Museum empfiehlt sich die jüngste Publikation der National Museum Volonteers Bangkok. Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Vereins erschien im vergangenen Juni der Museumsführer „Inspirations – A Guide to Our Forty Favorite Pieces.“ Erhältlich ist dieser beim Nationalmuseum. |
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