Knattern zur Ruhe
Phitsanulok: Rafting, Phra Buddha Chinnaraj, kommunistisches Dorf…
Von Birte Bolte
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Es rattert. Ein paar „Id dek“ knattern den Berg hoch. Diese selbst gebauten Traktoren haben jeweils ein simples Holzgerüst mit offener Ladefläche hinten und aufgesetztem Motor vorne. Der erste Fahrer lenkt kraftvoll die beiden Steuerhebel nach links und rechts, um den Erdlöchern auszuweichen. „Hrrr“, „hrrr“ – die Räder drehen durch. Schnell hüpfen die zwei Helfer von der Ladefläche herunter und schieben an. Und auch dieser „Id dek“ nimmt weiter seinen Lauf durch die Gebirgszüge Phitsanuloks, von Feld zu Feld.
„Landwirtschaft ist die Haupteinnahmequelle der Bewohner von Phitsanulok“, sagt Provinzleiter Dr. Preecha Rüangschan (53). Seit vier Monaten ist er in dieser ländlichen Provinz mit 84.000 Einwohnern höchster Beamter – und dieses Mal übt er sich als Fahrer. Eine Journalistengruppe ist auf Einladung der Touristenbehörde angereist. Viele Landwirte bauen Mais und Kartoffeln an. Eine der Kartoffelbäuerinnen ist Rattanaporn Pimsaen. Ein Hut aus Bambus schützt sie vor der Sonneneinstrahlung, ebenso wie ihre Jacke – bei knapp 30 Grad Celsius. Die 35-Jährige bewirtschaftet alleine fünf Hektar – neben Industriekartoffeln baut sie Mangos und Custard-Apples an. „Meine Vorfahren waren auch schon Bauern“, sagt sie. Vor 20 Jahren empfand sie das Leben in einer Landwirtschaftsfamilie finanziell als einfacher, „weil man nicht so viel kaufen musste. Man hatte viele Helfer. Heute benötigt man Maschinen und Chemie.“ Für ihre Kartoffeln bekommt sie 1 Baht (2 Cent) pro Kilo, Custard-Apples kann sie für 5 Baht (10 Cent) pro Kilo verkaufen. „Dafür ist das Leben durch die Technologie aber auch angenehmer geworden“, betont sie. Per „Id Dek“-Technologie geht es zurück zum Fuße der Felder.
Nächster Stopp ist am Fluss Kek. Das bedeutet Drache auf Chinesisch. Auf mittlerer Höhe der Gebirgszüge befinden sich ein paar Ressort-Anlagen. „Im Bereich Tourismus setzen wir auf unsere Natur und Gesundheitsangebote“, sagt Provinzleiter Preecha und lädt die Journalisten zum Ausprobieren ein.
Nach ein paar Einweisungen des geübten Rafting-Personals geht es los. Zehn Leute pro Boot, gemeinsam lässt jedes Team sein Boot ins vom Schlamm braun gefärbte Wasser. Drei auf jeder Seite paddeln, zwei in der Mitte geben Acht auf die Nachbarn und die Experten bestimmen die Richtung von den Bootsenden aus. Die Fahrt beginnt wie eine gemütliche Bootstour, das Wasser ist ruhig. Ein Mitfahrer springt freiwillig ins Wasser. „Ich brauche eine Abkühlung“, ruft er. Nach ein paar Minuten schwimmt er zurück. Mit seinen nassen Sachen ist es trotz seiner zierlichen Figur weitaus schwieriger ihn zurückzuholen, als erwartet. Fünf Leute schaffen es letztendlich.
Das Wasser fließt schneller, die ersten Stromschnellen rücken näher. Gellendes Schreien – „wir machen Stimmung“, erklären die beiden jungen Damen und schreien weiter. Auf und ab, auf und ab – alle bleiben an Bord, keine ernste Gefahr und viel Arbeit für die Experten, das Paddeln der Helfer nimmt während der Stromschnellen deutlich ab.
Es folgt ein ruhiger Abschnitt. Unendliche Ruhe. Ein paar Vögel zwitschern. Andere Lebewesen sind nicht zu hören oder sehen.
Nach anderthalb Stunden und mehreren Rafting-Phasen folgt kurz vor Fahrtende der längste Stromschnellenabschnitt. Aus Respekt vor der Natur hören zwei Mitfahrer vorzeitig auf zu paddeln, um sich hinter der ersten Gummibank des Schlauchboots zu verstecken. Die anderen paddeln weiter. Wieder geht das Boot rauf und runter – ein bisschen schneller, ein bisschen länger. Anschließend geht es bei einem Ressort ans Ufer.
Der gute Schnitt in Phitsanulok bekommt auch dieses Mal keinen Kratzer. „Seit Beginn vor 13 Jahren ist hier noch niemand beim Rafting gestorben“, sagt Phanuwat Khatnak von der örtlichen Tourismusbehörde. „Aber jeder braucht eine Versicherung“, fügt er schelmisch an.
Im Ressort informiert der Vorsitzende des Tourismusvereins, Manit Sichasumbann, über seine Heimat. „Die Behörden versuchen unsere Provinz als Zentrum Indochinas zu vermarkten, weil es geographisch genau in der Mitte liegt“, sagt der 57-Jährige. „Wir hoffen auf Geld vom Staat, um die Bahn zu verbessern und den nationalen Flughafen zu einem internationalen auszubauen.“ Die Zukunft der jungen Menschen sieht er im Handel. „Während meine Generation zu Hause ein Geschäft aufgebaut hat, werden die jungen Leute mobil und flexibel sein müssen.“ Ausländische Touristen sieht Manit noch nicht als wesentliche Einnahmequelle. „Ich weiß nicht, ob wir hier schon soweit sind.“ Dabei war er selbst maßgeblich an dem Ausbau einer der großen Attraktionen beteiligt: „Vor 24 Jahren konnten wir die Tourismusbehörde überzeugen, uns bei der Vermarktung des ehemaligen kommunistischen Dorfes Phu Hin Rongla zu helfen.“ Aus Angst vor Verfolgung hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele Kommunisten in die Wälder und ins Gebirge zurückgezogen. In Phitsanulok errichteten sie ab dem Jahre 1967 eine komplett eigenständige Siedlung. „Sie hatten sogar eine Schule aufgebaut“, so der Vereinspräsident. „Heute ist es ein beliebter Urlaubsort. Es gibt einen Wasserfall, die Landschaft ist schön und die Temperaturen sind angenehm.“ Die Region ist inzwischen ein Nationalpark.
Nach dem Stopp im Ressort geht es zum Abschluss der Tour zu Phitsanuloks bekanntester Attraktion – der Budda-Statue Phra Buddha Chinnaraj (häufig auch Chinnarat geschrieben). Viele Thais betrachten diese als schönste im Land. Vor dem Tempelgebäude angekommen, ziehen sich die Besucher die Schuhe aus, schon von außen ist das leuchtende Gold zu sehen. Gebückt gehen die Besucher in den Raum. Mit unangezündeten Räucherstäbchen und Blume in der Hand fangen viele an zu beten. Eine junge Frau schüttelt eine Holzbox, in der sich etliche Stäbchen befinden. Ein Spiel, bei dem etwas über die eigene Zukunft gesagt werden soll. Auf jedem Stäbchen steht eine Botschaft. Die Box wird geschüttelt und die Botschaft des ersten Stäbchens, das herausfällt, ist für einen bestimmt. Was steht drauf? „Das verrate ich nicht“, sagt sie und lächelt.
Nach einer halben Stunden geht es zurück nach Bangkok – das Knattern vom „Id dek“, die Ruhe vom Fluss, die Schönheit des Buddhas – all das bleiben Erinnerungen, die sich lohnen, von Zeit zu Zeit aufgefrischt zu werden.