Ausgabe 01/2010

Kulturmagazin Siam heute Ausgabe 01/2010
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„Die Medien haben Thailands Ruf als sicheres Reiseland zerstört“
Jörg Kohler, Buchantiquar und Inhaber des Antiquariats Old Maps & Prints, im Interview mit Siam heute

Jörg Kohler ist Buchantiquar in Bangkok.
Antiquar Jörg Kohler betreibt seit 1996 sein Geschäft Old Maps & Prints im River City Complex in Bangkok. Im Interview äußert er sich unter anderem über die kriselnde Wirtschaft, die mangelnde Verantwortung der Medien und Thailands Pech mit der Hochsaison.


SIAM HEUTE: Sie haben Ihren Abschluss in Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Universität Bochum gemacht. Nun verkaufen Sie Original-Landkarten und Ansichten…

Kohler: Ich wollte damals nicht ins Museum und so bin ich im Kunsthandel gelandet. Antiquitäten waren damals englische Möbel, italienische Leuchter, Gemälde, Porzellan – so bekam ich einen Überblick über die Materie. Aber eigentlich hat mich die Graphik interessiert. Eines Tages habe ich unseren Lieferanten kennen gelernt und festgestellt, dass alle ihr Wissen von ihm hatten. Da habe ich mich bei ihm beworben und bin in die Sparte Graphik reingerutscht. Ich bin also gelernter Buchantiquar – da kommt die Graphik automatisch, denn die Graphik ist die Buchillustration. Die meisten Graphiken kommen aus Büchern. Es läuft also darauf hinaus, dass schöne Bücher zerschnitten werden. Aber das hat sich geändert, weil jetzt ein unheimlicher Bedarf nach kompletten Büchern besteht, da diese durch den Zahn der Zeit und das Zerschneiden rar geworden sind. Dadurch erklärt sich der hohe Preis für komplette illustrierte Bücher. Wenn wir beispielsweise einen holländischen Atlas mit 60 Karten nehmen, kann der mehrere Hunderttausend Euro kosten, wobei einige Karten dann die Sahne und andere unter ferner liefen sind. Siam heute: Wie sind Sie nach Thailand gekommen? Kohler: Das erste Mal war ich als Backpacker 1980 in Thailand. Auf die Idee mich hier niederzulassen, wäre ich aber nie ohne meine Frau gekommen. Sie ist Thailänderin und ich habe sie 1982 in Deutschland kennen gelernt. Somit war ich schon etliche Male in Thailand, bevor ich 1996 unser Geschäft im River City Complex eröffnet habe. Vorher habe ich den Markt getestet: Schon 1992 war ich auf Messen, beim Rotary Club und in Hotels unterwegs. Das war gerade Thailands Sternstunde. Weltweit die vielleicht am besten wachsende Wirtschaft. Ausländische Firmen siedelten sich an. Drucke wurden als Firmenpräsente gekauft, die Angestellten sahen sich nach ihrer Inneneinrichtung um. Hotels wurden gebaut, und auch diese benötigten Stücke für ihr Innendesign. 1996 bot sich das River City an, weil es als Antiquitätenzentrum bei Händlern sogar bis Hongkong bekannt war.

SIAM HEUTE: 30 Geschäfte sind Anfang des Jahres aus diesem Komplex herausgegangen. Wo sehen sie die Ursachen?

Kohler: Wir haben ein neues Management und die Richtung, wo es hingehen soll, ist nicht klar. Auf zwei Etagen sollen jetzt Brandnames im Bereich Taschen und Kleidung angeboten werden. In dieser schwierigen Zeit der Krise ist uns das Kaufhaus mit deutlichen Mietminderungen, wie das beispielsweise Siam Paragon getan hat, auch nicht entgegen gekommen. Siam heute: Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für den ausbleibenden Tourismus? Kohler: Thailand hat oft Pech zur Hochsaison. Seit 2001 kommen die Amerikaner nicht mehr – aufgrund des 11. Septembers haben sie Angst vorm Fliegen. Anfang 2004 ist in Thailand die Vogelgrippe ausgebrochen und die Europäer sind erst wieder gekommen, als das Virus auch Europa erreichte. Die Schweinegrippe ist zum Glück für Thailand aus Mexiko gekommen. Die Hauptverantwortung für den aktuell ausbleibenden Tourismus sehe ich bei der Medienberichterstattung über die innenpolitische Krise. Die Flughafenblockade war unverständlich, aber wie die Medien danach über die harmlosen „Straßenkämpfe“ berichtet haben, war nicht schön. Das gleiche Video wurde immer wieder abgespielt. Durch die internationalen Medien hat Thailand ein schlechtes Image bekommen – der Ruf eines sicheren Reiselandes wurde zerstört – obwohl es nach wie vor sicher ist. Und es wird nie etwas richtig gestellt. Als die Rothemden demonstrierten wurde einmal geschossen – das Thaifernsehen hat berichtet, dass es Papiermunition war und auf dem Boden lag wirklich eine Art Konfetti – es sah aus wie nach Silvester. CNN und BBC berichteten: ‚Seit fünf Minuten wird mit M16 in die Menge geschossen…‘

SIAM HEUTE: Haben Sie die Hoffnung, dass die Touristen schon jetzt in der Hochsaison zurückkehren werden?

Kohler: Wir werden Touristen haben, aber nicht die, die das Land braucht. Dabei gibt es keinen Grund, nicht nach Thailand zu kommen. Derzeit gibt es außerdem Super-Angebote. Dennoch werden die Besserverdienenden noch nicht wieder kommen. Die Leute mit Geld sind bei einer Seuche oder politischen Krise die Ersten, die weg bleiben. Die sagen einfach: ‚Dann fahren wir eben doch Ski in St. Moritz und fliegen nicht nach Thailand‘. Die Touristen, die kommen werden, sind von der Finanzkrise betroffen und müssen sparen. Luxushotels, Airlines und auch ich werden Probleme haben. Im Moment geht es bei mir noch, weil alte Kunden, die Thailand wirklich kennen, weiterhin kommen. Aber ausländische Angestellte und das Botschaftspersonal sind oft nur für vier Jahre hier. Wenn die mich nicht an den Nachfolger empfehlen, habe ich Kundschaft verloren.

SIAM HEUTE: Ist die Rückkehr nach Deutschland eine Option?

Kohler: Nein. Je länger man hier ist, umso mehr merkt man, wie anders Deutschland ist. Dort weht ein anderer Wind. Mit harten Zeiten geht man anders um als hier. In Thailand sagt man, „mai ben rai“ – macht nichts, es geht schon weiter. Aus Thailand gehe ich nicht mehr weg. Hier leidet es sich angenehmer.

SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Birte Bolte.
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