|
|
„Ich hoffe, morgen nach Burma zurückkehren zu können”
Im Alter von 19 Jahren wurde Suu Mon vom burmesischen Militär verhaftet – sie hatte an Studentenprotesten teilgenommen. Folter konnte den Willen der jungen Frau nicht brechen. Aus einer Mitläuferin wurde eine politische Aktivistin. Heute arbeitet die 30-Jährige als Korrespondentin für Radio Free Asia in Thailand. Siam heute hat sie ein Interview gegeben. Um Suu Mons Sicherheit zu wahren, wird ihr Familienname nicht veröffentlicht.
SIAM HEUTE: Im Jahr 2000 waren Sie die jüngste Inhaftierte in einem burmesischen Gefängnis. Was war passiert?
Suu Mon: In meiner Familie war ich die erste, die den Schulabschluss geschafft hatte. Mein Ziel war es, Lehrerin zu werden. Politik hat mich nicht interessiert. In meinem ersten Jahr an der Dagon Universität in Myanmar 1996 fanden allerdings Studentenproteste statt. Unsere Anführerin, Aung San Suu Kyi, hielt eine Rede vor ihrem Haus und diskutierte mit dem Leiter der Studentengruppe. Daraufhin beschloss ich, mich der Bewegung anzuschließen. Studierende und Einwohner haben demonstriert. Ich schrieb Gedichte, die an den Mauern des Büros der National Leage for Democracy (NLD) veröffentlicht wurden. Aung San Suu Kyi überreichte mir einen Preis für meine kritische Kunst. Daraufhin kamen der militärische Geheimdienst, Soldaten und Polizeikräfte zu mir nach Hause. Sie haben nach Beweise gegen mich gesucht, und mich dann mitgenommen. Die Universität wurde für vier Jahre [1996-2000] geschlossen. Etwa 1.000 Studenten wurden verhaftet und ins Insein Gefängnis gebracht.
SIAM HEUTE: Die Bedingungen in dem Insein Gefängnis bei Ranboon gelten als die schlimmsten im ganzen Land. Wie wurden Sie behandelt?
Suu Mon: Es war schrecklich. Ich wurde in eine winzige Zelle ohne Licht eingesperrt – diese werden normalerweise zur Todesstrafe Verurteilten zugeteilt. Es war sehr dreckig und hat gestunken. Wir wurden ohne Urteil eingesperrt. Sie haben uns gefoltert, verhört. Sie wollten, dass wir eine Vereinbarung unterschreiben, die besagt, dass wir nie wieder an politischen Aktivitäten teilnehmen würden. Während der Zeit der Verhöre haben wir nichts zu essen bekommen. Sie haben mich geschlagen. Ich habe den Schmerz gespürt, und dieser Schmerz hat mich überzeugt weiterzukämpfen. Ich habe nicht unterschrieben.
Mein Ziel war es noch immer, Lehramt zu studieren. Sie haben mir gesagt: ‚Die Universität ist wieder geöffnet. Unterschreib einfach.“ Wiedereröffnung nach vier Jahren – das war traurig. Ich erwiderte: „Ich traue euch nicht. Wenn ihr mich entlassen wollt, tut das, aber ich unterschreibe nicht.“ Das Papier symbolisierte für mich Kapitulation. Nach der Unterschrift wäre man für einen Verstoß gleich erschossen worden. Da blieb ich lieber im Gefängnis.
Nach elf Monaten wurde ich entlassen. Ich ging zurück zur Universität und sollte dort ein ähnliches Abkommen wie dem im Gefängnis, das ich nicht unterschrieb, unterzeichnen. ‚Du bist Studentin und solltest nicht an politischen Bewegungen teilnehmen‘, wurde mir gesagt. Ich erwiderte, dass ich das nicht garantieren könne. Mein Professor, der sich um mich sorgte, redete mir zu und fragte auch, ob ich dumm sei. Er sagte, ich solle nicht in Gewalt involviert sein und unterschreiben. Ich unterschrieb.
SIAM HEUTE: Doch Ihren Plan, Lehrerin zu werden, haben Sie geändert…
Suu Mon: Während meines zweiten Studienjahres traf ich Lokaljournalisten, die für eine private Wochenzeitung gearbeitet haben. Ich habe angefangen, neben dem Studium für die Zeitung zu arbeiten. Ich schrieb über soziale Themen, über internationale Hilfs- und Regierungsorganisationen. Ich recherchierte und verfasste beispielsweise Geschichten über UNICEF, Kindesmissbrauch, Gesundheitsfragen und Kinderernährung. Ich wollte Informationen mit den Menschen teilen und unsere Zeitung hat die Menschen vor Ort erreicht. Die meisten Berichte konnten wegen der Zensur jedoch nicht veröffentlicht werden.
SIAM HEUTE: Heute leben und arbeiten Sie in Thailand. Wie konnten Sie Burma verlassen?
Suu Mon: 2004 hat UNICEF mich ausgewählt, um am Asian-Pacific Youth Forum in Kambodscha teilzunehmen. Die zehntägige Konferenz handelte von Ethik und dem Einsatz gegen Kindesmissbrauch. UNICEF hatte mir den Reisepass besorgt. Sie gingen mit meinen Daten zum Militärbüro. Die Vereinten Nationen sind in unserem Land sehr einflussreich.
Meine Kollegen und ich hatten bisher keinerlei journalistische Grundlagen gelernt. Wir hatten nur unsere Arbeitserfahrung, zu dem Zeitpunkt schrieb ich seit fünf Jahren. Ausländische Einrichtungen haben ein Trainingscenter als Sprachschule getarnt. Ich bekam die Chance, für ein Jahr an einem Journalismus-Trainingskursus in Chiang Mai teilzunehmen.
Als ich aus Chiang Mai zurück war, kam das Militär zu mir nach Hause, um mich auszufragen. ‚Wer hat das arrangiert? Wer hat dafür bezahlt? Die USA?‘ Ich habe erklärt, dass ich die Chance aufgrund meiner journalistischen Erfahrung bekam. Die Soldaten wussten nicht einmal, was ein Journalist macht – und ich hatte ja bereits eine Akte.
SIAM HEUTE: Wie konnten Sie daraufhin Myanmar erneut verlassen?
Suu Mon: Mein Lehrer, der auch für UNICEF arbeitet, und die Chiang Mai Universität haben mir wieder geholfen. Zum ersten Mal wurde ein Journalist aus Burma herausgeholt. 2006 bin ich somit zurück nach Chiang Mai gegangen. Ich habe angefangen, für die BBC zu arbeiten und war als Produzentin und Reporterin für eine 15-minütige Sendung des Bildungsprogramms für Burma zuständig. Nach zwei Jahren bin ich nach Bangkok gegangen, um für Radio Free Asia als Thailand-Korrespondentin zu arbeiten. Radio Free Asia wird von den USA finanziert und hat den Hauptsitz in Washington, D.C. Ich mag diese Arbeit. Als der Konflikt zwischen den gelben und roten Hemden beim Parlament zu eskalieren drohte und die Polizei Tränengas einsetzte, war ich vor Ort. Ich wollte die Demonstrationen meinen Landsleuten zeigen, um sie zu ermutigen: ‚Seht her, unser Nachbar protestiert!‘ Thailand hat das Problem sanft gelöst, in unserem Land wird geschossen.
Aber auch hier ist nicht alles perfekt. In Burma haben wir die Zensur, hier haben wir die Selbstzensur. Manchmal werden in Flüchtlingslager falsche Flüchtlinge gebracht, worüber wir nicht berichten sollen. Während die wahren Flüchtlinge im Wald untergetaucht sind, bringen Menschenhändler Menschen, die keine Flüchtlinge sind, in die Camps. Ich hasse das. Wir sind Burmesen. Egal wo wir sind, sollten wir unsere Leute nicht misshandeln und uns nicht ausnutzen. Wir sind für Demokratie, wir sollten nichts Schlechtes tun. Ich habe Verantwortung, nie habe ich das Papier im Gefängnis unterschrieben. Ich habe mir selbst versprochen, meinem Volk nichts Böses anzutun.
SIAM HEUTE: 2010 finden auf dem Papier die nächsten Wahlen statt. Erwarten Sie Veränderungen?
Suu Mon: Ich habe immer noch einen burmesischen Pass und mein Visum für Thailand. Freunde raten mir oft, mehr an meine eigene Sicherheit zu denken. Wenn ich mit meiner Familie telefoniere, höre ich meistens nur zu, ohne etwas zu sagen. Ich hoffe, schon morgen in mein Land zurückgehen zu können. Unsere Anführerin [Aung San Suu Kyi] kann jetzt amerikanische Diplomaten treffen. Aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass sich etwas ändert. Einige Gesetze werden vor der Wahl geändert werden. Menschen werden sterben und das will ich nicht sehen. Deswegen folgen wir unserer Anführerin bei ihrem friedlichen Weg. Aber manchmal denke ich, dass das den getöteten Menschen gegenüber nicht fair ist. Es gibt Aufstände im Land und noch immer töten sie. Dialog hängt von den Leuten ab. Wir beide können miteinander diskutieren, wir glauben einander, aber wenn man sich nicht vertraut, kann kein Dialog stattfinden. Sie [Anm. d. Red.: die Militärregierung] leugnen alles. Jetzt dürfen die USA an Verhandlungen teilnehmen, aber sie sollten an unser Volk denken.
SIAM HEUTE: Was schlagen Sie vor?
Suu Mon: Burmesen fliehen aus dem Land und treffen auf neue Probleme: Als Arbeitsmigranten werden sie ausgebeutet. Zwischen einer und zwei Millionen Burmesen leben allein in Thailand. Sie könnten die Situation ändern. Thailand und ASEAN sollten daran denken. Diese Menschen sollten nicht einfach nur als billige Arbeitskräfte betrachtet werden. Aber ASEAN kann nichts machen außer beraten. Das hat keinen Effekt auf die Regierung.
Vielleicht können die Burmesen im Land und außerhalb des Landes den Wandel schaffen. 20 Jahre sind vergangen und wir sind von unserem Ziel noch immer weit entfernt. Unsere jungen Generationen müssen sich auf die Veränderungen vorbereiten. Sie werden das Land wieder aufbauen müssen. Ich hoffe, dass ich eines Tages meine Erfahrungen mit ihnen teilen kann. Ich hatte eine großartige Chance bekommen.
Freunde sagen mir immer, nichts wird sich ändern. Aber wer weiß denn das? Eines Tages muss es sich ändern.
SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Birte Bolte im Jahr 2009.
© 2010 Siam heute
|
|

|