Jeder Thailänder möchte sein eigener Unternehmer sein
Paul Strunk, ehemaliger Direktor der GTCC in Bangkok, im Interview mit Siam heute
Bis Ende 2007 leitete Dr. Paul Strunk die German-Chamber of Commerce in Bangkok. Im Interview mit Siam heute äußert er sich über Unterschiede zwischen deutscher und thailändischer Lebenseinstellung sowie daraus resultierende Hürden im wirtschaftlichen Bereich.
SIAM HEUTE: Sie leben seit mehr als 28 Jahren in Bangkok und kennen die Stärken der thailändischen Kultur. Was können die Deutschen von den Thais – menschlich, kulturell oder wirtschaftlich lernen?
Strunk: Für mich steht Flexibilität, die Bereitschaft, Dinge sofort anzugehen und zu erledigen sowie eine positive Einstellung, Dinge lösen zu wollen im Vordergrund. Eine „I can do“-Haltung, nicht eine „I have a problem – I cannot do“-Haltung. Die Thais sind darüber hinaus viel stärker darauf konzentriert, erfolgreich zu sein und reich zu werden als andere Nationen. Das ist auch in Deutschland nicht der Fall. Hier teilen wir unsere Persönlichkeit in zwei Hälften – die berufliche Hälfte und die private Hälfte. Diese Teilung gibt es in Thailand nicht und das bringt viele Vorteile mit sich.
SIAM HEUTE: Was können die Thailänder von den Deutschen lernen?
Strunk: Die Deutschen sind gründlich, zuverlässig und vor allen Dingen fähig zu logischem Denken. In Thailand wünsche ich mir manchmal etwas mehr Gründlichkeit, Tiefe des Denkens, weniger Oberflächlichkeit – das würde der wirtschaftlichen und auch menschlichen Entwicklung der Thais zugute kommen. Der Thailänder ist in vielen Dingen oberflächlich – „mai pen rai“ (Anm. d. Red.: übersetzt etwa „macht nichts“). Die Menschen gehen nicht so sehr in die Tiefe – das ist natürlich für eine technologische Entwicklung des Landes nicht unbedingt hilfreich. Mehr deutsche Gründlichkeit und Zuverlässigkeit täte dem Entwicklungsprozess Thailands gut.
SIAM HEUTE: Was ist charakterisierend für wirtschaftliche Beziehungen in Thailand?
Strunk: In Thailand ist es so, dass alle Aktivitäten auf der Basis der Beziehungen der beteiligten Personen ablaufen. Das Aufschreiben von Vereinbarungen in Form von Verträgen und Gesetzen steht nicht im Vordergrund und wenn es Gesetze gibt, werden diese Gesetze nicht oder nur teilweise angewandt, weil die persönlichen Beziehungen wichtiger sind. Das kann man machen, solange man in einem kleinen Kreis arbeitet, wo sich die Menschen kennen, aber nicht in einer entwickelten Gesellschaft. Hier muss man Dinge festhalten in Verträgen und Regelwerken und muss sie auch befolgen, sonst kommt man in Teufelsküche.
SIAM HEUTE: Welche konkreten Probleme entstehen aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten regelmäßig bei der Zusammenarbeit von thailändischen und deutschen Unternehmen?
Strunk: Es gibt Verträge und in denen stehen Lieferfristen. Diese haben ihren Sinn. Der deutsche Schuhgroßhändler braucht die Schuhe zu einem bestimmten Datum, beispielsweise den Sommerschuh spätestens im Frühjahr. Sommerschuhe werden im Frühjahr verkauft und nicht im Sommer. Für den Thai ist diese Notwendigkeit nicht immer erkennbar, obwohl sie im Vertrag steht. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Der Deutsche wird bei dem Thai nicht wieder bestellen. Der Thai sagt, es ist ja nur ein Monat Verspätung, stell’ dich nicht so an. Das ist ein alltägliches Beispiel. Ähnliche Beispiele treten bei der Qualität auf. Im Grunde ist die Qualität der von Thailand gelieferten Produkte gut, aber ist sie es mal nicht, hört man auch das Wort „mai pen rai“ – ist ja nicht so schlimm. Auch da ist es einfach eine Frage der Disziplin. Der Thailänder hat seine eigene Disziplin, aber nicht die Disziplin, die von anderen akzeptiert wird, er lebt sein eigenes Leben und er muss lernen, in einer Struktur zu leben. Das fällt dem Thailänder schwer, weil er ein freier Mensch ist (Anm. d. Red.: „thai“ bedeutet frei) und das tut, was ihm gerade in den Sinn kommt, aber damit kann er nicht erfolgreich sein im 21. Jahrhundert, in einer globalisierten Welt, in der er als Exporteur eine wichtige Rolle spielen will. Auch das ist ein Lernprozess und führt immer wieder zu Störungen in den Vertragsbeziehungen zwischen Deutschen und Thailändern.
SIAM HEUTE: Ist das der Grund, weshalb Thailands Nachbarn wirtschaftlich stark aufholen?
Strunk: Das macht sich schon bemerkbar. Thailand ist Vietnam beispielsweise sicherlich um zehn bis 20 Jahre wirtschaftlich voraus – die Wirtschaft ist zehnmal größer, die Investitionen sind auch zehnmal größer, aber der Abstand wird kleiner. Vietnam geht mit einer Dynamik, einer Selbstbestimmtheit, einer hohen Intelligenz an seinen Entwicklungsprozess und will nach vorne kommen. Außerdem sind die Gesetze in Vietnam für Investitionen im Land zurzeit attraktiver als in Thailand. In dieser Hinsicht hat Thailand gegenüber Vietnam an Attraktivität verloren. Es kommt eins zum anderen und Thailand muss hier schon aufpassen, das es nicht weiteres Terrain verliert. Natürlich gilt Ähnliches auch für das Verhältnis Thailand-Singapur. Singapur ist unser Musterschüler, Singapur beweist uns, was ein Land ohne Korruption erreichen kann. Thailand lernt nicht so gerne von Singapur, das hat persönliche Gründe. Aber wie Singapur funktioniert, wie man in Singapur einreisen kann, mit welcher Geschwindigkeit man durch den Zoll kommt – all das könnte auch für Thailand ein Beispiel sein, wie man es machen kann.
SIAM HEUTE: Wenn ein deutscher Unternehmer unsicher ist, ob er in Thailand oder Vietnam investieren soll, was würden Sie ihm raten?
Strunk: Meine Empfehlung ist natürlich immer auf den Einzelfall ausgerichtet, aber Sie haben in Thailand eine offene unternehmerfreundliche Gesellschaft schon seit Beginn der Industrialisierung. Thailand ist das Land Nummer Eins – vor allen anderen Ländern, wenn Sie die Anzahl der unternehmerischen Tätigkeit bezogen auf die Anzahl der arbeitenden Bevölkerung betrachten. Jeder Thailänder will sein eigener Unternehmer werden und nicht Angestellter sein. Dieses unternehmerische Denken findet sich in der gesamten Gesellschaft und es ist ein unternehmerisches Denken im Sinne eines kapitalistischen Systems – nicht eines sozialistischkommunistischen Systems. Das sind große Unterschiede. Die guten Leute sind in der Wirtschaft und nicht in der Politik. Das ist für den Unternehmer vorteilhaft, jeder versteht sofort, wovon der Unternehmer redet. Sie sind gut beraten, bei der Gründung eines Unternehmens in Thailand Hilfe durch begleitende Anwälte in Anspruch zu nehmen. Eine Firmengründung in Vietnam mag einfacher sein, weil das Land modernere klare Regelwerke hat als Thailand, aber wenn es dann an die Arbeit geht und die Unternehmer in die Jahre des Schaffens kommen, läuft es in Thailand ganz rund und ohne große Behinderungen. Sie müssen nur mit einer gewissen Freundlichkeit an die Sache herangehen. Deutschland und die deutschen Unternehmer werden geschätzt wegen ihrer Seriosität, Gründlichkeit, Qualität, Aufrichtigkeit. Das ist die beste Basis,um hier erfolgreich tätig zu werden. Thailand nimmt es auch zunehmend ernst mit dem Schutz der intellektuellen Eigentumsrechte (zum Beispiel Patentschutz und Warenzeichenschutz) – etwas, was auch nicht in allen asiatischen Ländern der Fall ist. Insbesondere unser großer Nachbar im Norden sieht diese Dinge anders, was schon zu Klagen deutscher Unternehmen führt, die zurück nach -Thailand kommen und jetzt hier ihre Investitionsprojekte verwirklichen.
SIAM HEUTE: Welchen Stellenwert hat Deutschland als Handelspartner für Thailand?
Strunk: Deutschland ist Thailands wichtigster und größter Handelspartner in Europa. Für die Thailänder werden aber immer die Handelsbeziehungen zu Japan und den USA von dominanter Bedeutung sein. China ist der drittwichtigste Handelspartner. Dann kommen die anderen Asiaten wie Malaysia, Singapur, Taiwan und Südkorea. Deutschland ist für Thailand besonders wegen des Handels mit Investitionsgütern wichtig. Die Thais handeln gerne mit Deutschland. Der Thai ist der Ansicht, dass es kein Land gibt, das eine zuverlässigere Maschine herstellt als Deutschland – selbst der hohe Preis ist da zwar ein Dorn im Auge, aber wird letzten Endes geschluckt, weil dem Thailänder die deutsche Maschine, die deutsche Anlage als besonders langlebig und qualitätsvoll seit vielen Jahren bekannt ist. Das ist eine sehr gute Basis, auf der sich die Handelsbeziehungen weiter entwickeln lassen.
SIAM HEUTE: Die goldenen Jahre der Handelsbeziehungen waren die 80er und die frühen 90er-Jahre bis zur Wirtschaftskrise 1997. Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten sind vorbei. Wie sieh die derzeitige Lage aus?
Strunk: Die Handelsbeziehungen sind recht zufriedenstellend. Es gab eine gute Erholung in den Jahren 2001 bis 2004/2005. Die Jahre 2006/2007 waren dagegen eine Hängepartie und Beleg dafür, dass politische Unsicherheit der größte Feind gesunder Wirtschaftsentwicklung und unternehmerischer Tätigkeit ist.
SIAM HEUTE: Wird in erster Linie gehandelt oder auch von deutscher Seite aus investiert?
Strunk: Im Investitionsbereich sieht es etwas anders aus, hier sind wir nicht so zufrieden, wie wir es im Handelsbereich sind. Deutschland war immer mit einem oder zwei Prozent an den gesamten Auslands-Direktinvestitionen beteiligt. In den letzten Jahren ist diese Zahl auf unter ein Prozent geschrumpft. Das gibt uns zu denken und spornt uns an, mehr zu tun, um die Chancen aufzuzeigen, die durch deutsche Investitionen in Thailand gegeben sind. Die Investitionspraxis hier vor Ort ist anders als in Deutschland, sie kann sehr profitabel sein. Die deutschen Firmen, die hier vor Ort sind, bleiben hier, sind mit ihren Ergebnissen zufrieden und kommen zurecht, aber sie müssen sich anders bewegen, als sie sich in Deutschland bewegen. Insbesondere die kleineren Unternehmen tun sich hier schwer, weil doch vieles anders ist als in Deutschland.
SIAM HEUTE: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Birte Bolte im Jahr 2008.
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