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Somtow Sucharitkul revolutionierte die thailändische Musik
Ein Porträt über den Maestro Thailands
Von Birte Bolte
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Thailand Cultural Center in Bangkok: Im Konzertsaal sind die ersten Töne zu hören – noch nicht aufeinander abgestimmt. Die Musiker stimmen ihre Instrumente ein, während die letzten Gäste Platz nehmen. Es folgt Stille. Im Frack betritt Somtow Sucharitkul (56) die Bühne. „Ich versprach Prinzessin Galyani, ihr zu Ehren Mahlers 5. Symphonie zu dirigieren. Leider kann sie es nicht mehr hören. Bitte stehen Sie auf und lassen Sie uns eine Minute schweigen“, bittet er das Publikum um Gedenken an die Anfang 2008 verstorbene Schwester von König Bhumibol. Somtow selbst hat eine Königin von Siam unter seinen Ahnen: Die Schwester seines Großvaters war eine Ehefrau von König Rama VI.
60 Sekunden sind vergangen, der Dirigent bedankt sich. Das Konzert beginnt. Gespielt wird mit thailändischen und westlichen Orchester-Instrumenten.
„Dafür haben wir in den 1970er-Jahren gekämpft“, erklärt der Meister ein paar Tage später in seinem Haus in Bangkok. Gemütlich in einem Sessel im dreifach funktionalem Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer sitzend, erinnert er sich an den damaligen Widerstand von Seiten der Regierung und Medien. Westliche Musik auch mit thailändischen Instrumenten zu spielen galt als Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze der „Behörde für bildende Künste“. Der Erhalt rein thailändischer Kultur stand im Vordergrund. Den Ursprung sieht der Künstler in der anti-thailändischen Politik der 1930er-Jahre: „Damals in der Diktatur wurde thailändische Musik unterdrückt, gar verbannt.“ Während die Kunst vorher im Königshaus modern war und Künstler stets experimentieren konnten, wurde diese Entwicklung durch die Diktatur gestoppt, erklärt Somtow weiter.
„Thai-Musik wurde dadurch sehr konservativ. Als sie wieder erlaubt war, haben Politiker in den 1970er-Jahren versucht, sie in ihrer existierenden Form zu bewahren.“ Darum gab es den medialen und politischen Aufschrei, als Somtow mit Kollegen, darunter auch Ausländern wie Bruce Gaston, versuchte, westliche mit thailändischer Musik zu verbinden. Ein Festival stand bevor. Am gleichen Tag erhielt die Gruppe Besuch – Beamte. „Sie nahmen das Piano mit“, sagte Somtow und lacht. Sein kinnlanges schwarz-graues Haar fällt ihm etwas ins Gesicht. Eine Leihgabe des Goethe-Instituts rettete den laut Somtow legendären Konzertabend. „Legendär, weil so wenig Leute tatsächlich da waren und so Mythen rund um das Festival entstanden.“
Hatte er immer Probleme mit den Machthabern? „Ja. Kunst ist politisch – in jeder Gesellschaft. Das Establishment vertritt seine offizielle Version und Künstler halten mit ihrer Kunst dagegen, weil sie die Wahrheit sagen – das geschieht nicht absichtlich, sondern liegt in der Natur der Kunst.“ Die jetzige Regierung unterstütze bisher seine Kunst. Er schmunzelt und fügt an: „Aber vielleicht liegt das auch daran, dass Premierminister Aphisit in England später zur gleichen Schule wie ich ging oder seine Schwester heute meine Agentin ist. Und Bangkoks Bürgermeister M.R. Sukhumbhand kenne ich aus alten Studienzeiten in England.“ Somtow beginnt die nächste humorvolle Anekdote. Sein Blick schweift mal zum Bücherregal, mal zum Tisch. „Gemeinsam sind Sukhumbhand und ich im Zug zur Universitätsaufnahmeprüfung nach Oxford gefahren. Er wurde genommen.“ Und Somtow? „Als ich gefragt wurde, warum ich in Oxford studieren möchte, antwortete ich, dass ich eigentlich lieber nach Cambridge möchte.“
Oxford lehnte ihn somit ab, Cambridge nahm ihn auf. Doch im Grunde glaubt Somtow nicht an diese Art von Lehren und Lernen. „Es funktioniert zumindest für mich nicht. Fast alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht“, sagt er. Vielleicht kam ihm diese Erkenntnis schon sehr früh – im Alter von vier Jahren widersprach er seiner Klavierlehrerin, die daraufhin weinend das Haus verließ und nie mehr wieder kam. „Ich dachte, sie würde zurückkommen“, sagt er und lächelt verschmitzt. Seine musikalische Karriere erlitt somit eine Zwangspause, bevor sie begann. Die Wiederentdeckung kam mit der klassischen Musik. „Im Alter von sieben, acht Jahren kletterte ich zum höchsten Fach des Plattenregals meiner Eltern. Die Platten von diesem Regal waren die einzigen, die für mich verboten waren. Als ich die klassische Musik hörte, war mir, als ob ich die Musik schon kennen würde.“ Im Alter von zehn Jahren wollte er seine erste Oper schreiben – basierend auf Goethes Faust. „Ich wusste nicht, dass das bereits 60 andere Komponisten vor mir gemacht haben“, erinnert sich der Künstler lächelnd. „Ich kam bis zur Walpurgisnacht, dann habe ich aufgegeben.“
Durchgezogen hat er dagegen sein „legendäres Festival“. Spurlos an ihm vorüber ging der Widerstand jedoch nicht. „Ich war so traumatisiert, weil ich unsere Arbeit als Versagen angesehen habe. 20 Jahre lang habe ich die Musik gänzlich aufgegeben“, sagt er. Geschockt verließ er das Land in Richtung Vereinigte Staaten. Statt zu musizieren, fing er an zu schreiben – auf Englisch. Erst Science Fiction, später auch Horror. „Ich habe gemerkt, dass mehr Geld mit Horror zu machen ist“, erklärt er und nennt Stephen King als Beispiel. Ein Bestseller-Autor wurde er nicht. „Dafür muss man das gleiche Buch immer wieder neu schreiben – das soll keine Kritik sein, das hat einfach mit sehr gutem Marketing zu tun.“ Doch immer das Gleiche schreiben, wollte Somtow, der unter S.P. Somtow publiziert, nicht. „Ich wollte experimentieren. Bei ‚Vampire Junction‘ hatte ich die MTV-Videoclip-Technik vom Vor- und Zurückspringen im Kopf. Das wollte ich mit Gewalt aus Cartoons auf hohem Niveau verbinden.“ Die ersten 30 Verleger lehnten sein Experiment ab, doch heute ist „Vampire Junction“ unter den „Top 40 Horror Books of All Time“ und wird in den USA in Gothic-Literaturkursen gelehrt. 53 Bücher hat er inzwischen veröffentlicht. Sie sind unter anderem auch ins Deutsche übersetzt worden. Der Autor steht auf und geht zu einem der vielen Bücherregale und zieht zwei Bücher heraus. „Jasmin, Homer und das Chamäleon“ und „Wolfsruf“, Letzteres ist im Juli auf Deutsch herausgegeben worden. „Ich bekomme immer von jeder Ausgabe ein Exemplar.“ Dieses Regal ist ausschließlich mit seinen Büchern in verschiedenen Sprachen gefüllt.
Nicht wenige kann er lesen. Neben Englisch und Thai spricht er fließend Holländisch. „Meine Eltern haben dort eine Zeitlang gewohnt“, erklärt er. Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch hat er ebenfalls im Repertoire – auch wenn er behauptet, Deutsch nur vorzutäuschen, weil er die Sprache eigentlich gar nicht gut könne.
Somtow geht zurück zum Sessel und erzählt von einer Neuheit in seinem Leben. Derzeit widme er sich der Literatur und Musik gleichzeitig. Als er vor mehr als sieben Jahren zurück nach Thailand kam, konzentrierte er sich zunächst ganz auf die Musik – zwangsweise. „Ich hatte eine Schreibblockade“, sagt der Schriftsteller. Die ist überstanden, dafür leidet er unter Schlafmangel. „Am besten kann ich nachts arbeiten. Tagsüber habe ich aber aufgrund meiner Arbeit für die Oper viele Termine.“ Träumt er manchmal vom Entfliehen des Alltags? „Mein Traum ist es, eines Tages Dirigent eines kleinen Opernhauses in Deutschland zu sein. Aufgrund der Subventionen kann man dort wirklich kreativ sind“, sagt er. Außerdem sei Deutsch für ihn die Sprache europäischer Musik, auch wenn er gerade die Italiener entdecke. Sein Lieblingskomponist ist Wolfgang Amadeus Mozart.
Die Erfüllung seines Traums muss weiter auf sich warten. „Ich habe mein Haus in Los Angeles verkauft und das Geld der Bangkok Opera geliehen. Ich bin hier somit gebunden“, sagt Somtow Sucharitkul.
Thailand Cultural Center in Bangkok: Im Konzertsaal sind die ersten Töne zu hören – noch nicht aufeinander abgestimmt. Die Musiker stimmen ihre Instrumente ein, während die letzten Gäste Platz nehmen. Es folgt Stille. Im Frack betritt Somtow Sucharitkul (56) die Bühne. „Ich versprach Prinzessin Galyani, ihr zu Ehren Mahlers 5. Symphonie zu dirigieren. Leider kann sie es nicht mehr hören. Bitte stehen Sie auf und lassen Sie uns eine Minute schweigen“, bittet er das Publikum um Gedenken an die Anfang 2008 verstorbene Schwester von König Bhumibol. Somtow selbst hat eine Königin von Siam unter seinen Ahnen: Die Schwester seines Großvaters war eine Ehefrau von König Rama VI.
60 Sekunden sind vergangen, der Dirigent bedankt sich. Das Konzert beginnt. Gespielt wird mit thailändischen und westlichen Orchester-Instrumenten.
„Dafür haben wir in den 1970er-Jahren gekämpft“, erklärt der Meister ein paar Tage später in seinem Haus in Bangkok. Gemütlich in einem Sessel im dreifach funktionalem Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer sitzend, erinnert er sich an den damaligen Widerstand von Seiten der Regierung und Medien. Westliche Musik auch mit thailändischen Instrumenten zu spielen galt als Verstoß gegen die ungeschriebenen Gesetze der „Behörde für bildende Künste“. Der Erhalt rein thailändischer Kultur stand im Vordergrund. Den Ursprung sieht der Künstler in der anti-thailändischen Politik der 1930er-Jahre: „Damals in der Diktatur wurde thailändische Musik unterdrückt, gar verbannt.“ Während die Kunst vorher im Königshaus modern war und Künstler stets experimentieren konnten, wurde diese Entwicklung durch die Diktatur gestoppt, erklärt Somtow weiter. „Thai-Musik wurde dadurch sehr konservativ. Als sie wieder erlaubt war, haben Politiker in den 1970er-Jahren versucht, sie in ihrer existierenden Form zu bewahren.“
Darum gab es den medialen und politischen Aufschrei, als Somtow mit Kollegen, darunter auch Ausländern wie Bruce Gaston, versuchte, westliche mit thailändischer Musik zu verbinden. Ein Festival stand bevor. Am gleichen Tag erhielt die Gruppe Besuch – Beamte. „Sie nahmen das Piano mit“, sagte Somtow und lacht. Sein kinnlanges schwarz-graues Haar fällt ihm etwas ins Gesicht. Eine Leihgabe des Goethe-Instituts rettete den laut Somtow legendären Konzertabend. „Legendär, weil so wenig Leute tatsächlich da waren und so Mythen rund um das Festival entstanden.“ Hatte er immer Probleme mit den Machthabern? „Ja. Kunst ist politisch – in jeder Gesellschaft. Das Establishment vertritt seine offizielle Version und Künstler halten mit ihrer Kunst dagegen, weil sie die Wahrheit sagen – das geschieht nicht absichtlich, sondern liegt in der Natur der Kunst.“ Die jetzige Regierung unterstütze bisher seine Kunst. Er schmunzelt und fügt an: „Aber vielleicht liegt das auch daran, dass Premierminister Aphisit in England später zur gleichen Schule wie ich ging oder seine Schwester heute meine Agentin ist. Und Bangkoks Bürgermeister M.R. Sukhumbhand kenne ich aus alten Studienzeiten in England.“ Somtow beginnt die nächste humorvolle Anekdote. Sein Blick schweift mal zum Bücherregal, mal zum Tisch.
„Gemeinsam sind Sukhumbhand und ich im Zug zur Universitätsaufnahmeprüfung nach Oxford gefahren. Er wurde genommen.“ Und Somtow? „Als ich gefragt wurde, warum ich in Oxford studieren möchte, antwortete ich, dass ich eigentlich lieber nach Cambridge möchte.“
Oxford lehnte ihn somit ab, Cambridge nahm ihn auf. Doch im Grunde glaubt Somtow nicht an diese Art von Lehren und Lernen. „Es funktioniert zumindest für mich nicht. Fast alles, was ich kann, habe ich mir selbst beigebracht“, sagt er. Vielleicht kam ihm diese Erkenntnis schon sehr früh – im Alter von vier Jahren widersprach er seiner Klavierlehrerin, die daraufhin weinend das Haus verließ und nie mehr wieder kam. „Ich dachte, sie würde zurückkommen“, sagt er und lächelt verschmitzt. Seine musikalische Karriere erlitt somit eine Zwangspause, bevor sie begann.
Die Wiederentdeckung kam mit der klassischen Musik. „Im Alter von sieben, acht Jahren kletterte ich zum höchsten Fach des Plattenregals meiner Eltern. Die Platten von diesem Regal waren die einzigen, die für mich verboten waren. Als ich die klassische Musik hörte, war mir, als ob ich die Musik schon kennen würde.“ Im Alter von zehn Jahren wollte er seine erste Oper schreiben – basierend auf Goethes Faust. „Ich wusste nicht, dass das bereits 60 andere Komponisten vor mir gemacht haben“, erinnert sich der Künstler lächelnd. „Ich kam bis zur Walpurgisnacht, dann habe ich aufgegeben.“
Durchgezogen hat er dagegen sein „legendäres Festival“. Spurlos an ihm vorüber ging der Widerstand jedoch nicht. „Ich war so traumatisiert, weil ich unsere Arbeit als Versagen angesehen habe. 20 Jahre lang habe ich die Musik gänzlich aufgegeben“, sagt er. Geschockt verließ er das Land in Richtung Vereinigte Staaten. Statt zu musizieren, fing er an zu schreiben – auf Englisch. Erst Science Fiction, später auch Horror. „Ich habe gemerkt, dass mehr Geld mit Horror zu machen ist“, erklärt er und nennt Stephen King als Beispiel. Ein Bestseller-Autor wurde er nicht. „Dafür muss man das gleiche Buch immer wieder neu schreiben – das soll keine Kritik sein, das hat einfach mit sehr gutem Marketing zu tun.“ Doch immer das Gleiche schreiben, wollte Somtow, der unter S.P. Somtow publiziert, nicht. „Ich wollte experimentieren. Bei ‚Vampire Junction‘ hatte ich die MTV-Videoclip-Technik vom Vor- und Zurückspringen im Kopf. Das wollte ich mit Gewalt aus Cartoons auf hohem Niveau verbinden.“ Die ersten 30 Verleger lehnten sein Experiment ab, doch heute ist „Vampire Junction“ unter den „Top 40 Horror Books of All Time“ und wird in den USA in Gothic-Literaturkursen gelehrt. 53 Bücher hat er inzwischen veröffentlicht. Sie sind unter anderem auch ins Deutsche übersetzt worden.
Der Autor steht auf und geht zu einem der vielen Bücherregale und zieht zwei Bücher heraus. „Jasmin, Homer und das Chamäleon“ und „Wolfsruf“, Letzteres ist im Juli auf Deutsch herausgegeben worden. „Ich bekomme immer von jeder Ausgabe ein Exemplar.“ Dieses Regal ist ausschließlich mit seinen Büchern in verschiedenen Sprachen gefüllt.
Nicht wenige kann er lesen. Neben Englisch und Thai spricht er fließend Holländisch. „Meine Eltern haben dort eine Zeitlang gewohnt“, erklärt er. Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch hat er ebenfalls im Repertoire – auch wenn er behauptet, Deutsch nur vorzutäuschen, weil er die Sprache eigentlich gar nicht gut könne.
Somtow geht zurück zum Sessel und erzählt von einer Neuheit in seinem Leben. Derzeit widme er sich der Literatur und Musik gleichzeitig. Als er vor mehr als sieben Jahren zurück nach Thailand kam, konzentrierte er sich zunächst ganz auf die Musik – zwangsweise. „Ich hatte eine Schreibblockade“, sagt der Schriftsteller. Die ist überstanden, dafür leidet er unter Schlafmangel. „Am besten kann ich nachts arbeiten. Tagsüber habe ich aber aufgrund meiner Arbeit für die Oper viele Termine.“ Träumt er manchmal vom Entfliehen des Alltags? „Mein Traum ist es, eines Tages Dirigent eines kleinen Opernhauses in Deutschland zu sein. Aufgrund der Subventionen kann man dort wirklich kreativ sind“, sagt er. Außerdem sei Deutsch für ihn die Sprache europäischer Musik, auch wenn er gerade die Italiener entdecke. Sein Lieblingskomponist ist Wolfgang Amadeus Mozart.
Die Erfüllung seines Traums muss weiter auf sich warten. „Ich habe mein Haus in Los Angeles verkauft und das Geld der Bangkok Opera geliehen. Ich bin hier somit gebunden“, sagt Somtow Sucharitkul.
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